Linkedin-Gründer: Die größte Lüge zwischen Chefs und Angestellten

28. Mai 2015, 12:27
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Reid Hoffman über die Beziehung zwischen Chefs und Angestellen, Jobinterviews und Referenzen

Dass die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Unehrlichkeit aufbaue, ist eine der zentralen Aussage in Reid Hoffmans Buch "The Alliance", das im vergangenen Herbst erschien. Mit dem US-Onlinemagazin vox.com sprach er vor wenigen Tagen über die größten Lügen im Arbeitsleben und sprach sich dabei für mehr Ehrlichkeit aus.

Hoffman ist in Österreich wahrscheinlich nur wenigen bekannt, in den USA zählt er aber zum "Who's who" des Silicon Valley: Als Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Linkedin sitzt er an der Spitze des größten Business-Netzwerks der Welt. Aber nicht nur das: Hoffman ist außerdem Risikokapitalgeber und von Facebook über Airbnb an vielen der erfolgreichsten Internet-Unternehmen von Anfang an beteiligt. Studiert hat er nicht Computerwissenschaften, sondern Philosophie – ein Background, der nicht nur erklärt, wieso er sich den Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer widmete. Reid selbst sagt über seine Ausbildung, dass sie ihm geholfen habe, ein guter Investor zu sein.

Die größte Lüge, die Chefs den Angestellten erzählen, ...

... laute, dass die Arbeit wie eine Familie sei. Bei dieser Lüge spielen zwei Ebenen eine Rolle, schreibt Hoffman: Einerseits wollen die Chefs selbst glauben, dass das Arbeitsumfeld wie eine Familie ist, und überzeugen sich durch die Aussage selber. Zweitens wollen die Arbeitgeber damit erreichen, dass die Angestellten loyal sind und dem Unternehmen nicht schaden. Das sei das Trügerische, schreibt Hoffman. "Man feuert sein Kind nicht wegen schlechter Noten" – das Unternehmen sei aber keine Familie.

Wie Mitarbeiter die Chefs belügen

Unehrlichkeit gebe es aber auch von unten nach oben. Die Angestellten würden nämlich wissen, dass die Arbeitgeber Loyalität fordern, schreibt Hoffman. Obwohl ihnen bewusst sei, dass es für die Karriere förderlich ist, sich irgendwann weiterzuentwickeln und bei einem anderen Unternehmen anzuheuern, heiße es im Vorstellungsgespräch immer, dass man plant, "für immer beim Unternehmen zu bleiben".

Hier entspringt Hoffmans zentrale Idee, nämlich dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer den Vertrag zwischen ihnen nicht als lebenslang sehen sollten, sondern lockerer an die Sache herangehen müssten. Solange die beiden häufigen Lügen aber weiterbestehen, könne nie ein gewinnbringender Austausch stattfinden.

Wie Linkedin die Sache angeht

In "seinem" Unternehmen Linkedin solle die Ausgangsbasis ehrlicher sein. Das Unternehmen, das anderen Unternehmen auf der ganzen Welt dabei hilft Leute einzustellen, stellt in seinem Bewerbungsprozess deshalb nicht die klassischen Jobinterview-Fragen. "Alle unsere Manager und Recruiter fragen Bewerber, wie die Arbeit bei uns sich positiv auf ihre Karriere auswirken kann", sagt Reid zu vox.com. Man frage durchaus auch, was denn der nächste Job nach Linkedin sein könnte, in welche Richtung es gehen soll.

Komisch? Nein, Hoffman betont, dass es viel wichtiger sei, an den transformativen Einfluss zu denken, den Linkedin in den Karrieren der Bewerberinnen und Bewerber haben kann. So würde man es den Bewerbern auch erklären – Verwunderung gebe es dann keine. "Die Menschen finden das befreiend. Die Fragen bringen Ehrlichkeit ins eine Sache, die sonst von Selbsttäuschung dominiert ist."

Referenzen sind wichtiger als Bewerbungsgespräche

Noch etwas, das Hoffman am Bewerbungsprozess der meisten Unternehmen stört: zu viel Gewicht auf Bewerbungsgespräche und zu wenig Relevanz von Referenzen früherer Arbeitgeber. Die Tendenz gehe in Bewerbungsgesprächen immer zu den geselligen Typen von Mensch – "aber gibt es irgendeinen Grund zu glauben, dass schüchterne Angestellte schlechter performen als extrovertierte?"

Ganz will er das Jobinterview aber nicht verteufeln, man könne dabei schon interessante und wichtige Dinge erfahren. Aber man müsse sich im Klaren darüber sein, was das für Dinge sind, sagt Reid. Wenn er sich zwischen gutem Interview und guten Referenzen für einen Bewerber entscheiden müsste, würde er immer die Referenzen nehmen. "Referenzen sagen wirklich aus, wie die Leute arbeiten, wie ihre Arbeitsmoral ist. Das ist ein essenzielles Set an Daten." (Lara Hagen, 28.5.2015)

  • Ein Tausendsassa für mehr Ehrlichkeit im Arbeitsleben: Reid Hoffman, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Linkedin.
    foto: reuters

    Ein Tausendsassa für mehr Ehrlichkeit im Arbeitsleben: Reid Hoffman, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Linkedin.

  • Bei Linkedin stellt man deshalb unkonventionelle Bewerbungsfragen. Im Bild wird der Börsengang 2011 gefeiert.
    epa

    Bei Linkedin stellt man deshalb unkonventionelle Bewerbungsfragen. Im Bild wird der Börsengang 2011 gefeiert.

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