Wiener Institut für Radiumforschung wird "Historic Site" der Physik

26. Mai 2015, 17:36
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Auszeichnung der European Physical Society - Erste Einrichtung, die sich explizit der Erforschung der Radioaktivität widmete

Wien - Österreich hat seine erste "Historic Site": Die European Physical Society (EPS) hat das ehemalige Institut für Radiumforschung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zur historischen Stätte der Physik ernannt. Das 1910 eröffnete Institut in der Boltzmanngasse in Wien-Alsergrund war die weltweit erste Einrichtung, die sich explizit der Erforschung der Radioaktivität widmete. Die Ehrung wird am Donnerstag (28.5.) in einer Zeremonie verliehen.

Mit der Auszeichnung als "EPS Historic Site" würdigt die Europäische Physikalische Gesellschaft Stätten in Europa, die wichtig für die Entwicklung und Geschichte der Physik waren. Bisher haben erst rund 20 Einrichtungen diesen Titel erhalten, darunter das Niels Bohr-Institut in Kopenhagen (Dänemark) oder der erste Teilchenbeschleuniger am Europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf (Schweiz).

Erste "Historic Site" in Österreich

Das Institut für Radiumforschung ist die erste Einrichtung in Österreich, die zur "Historic Site" ernannt wurde. Zahlreiche weitere Einreichungen aus ganz Europa würden sich derzeit im Genehmigungsprozess befinden, darunter die vom österreichischen Physik-Nobelpreisträger Victor Franz Hess (1883-1964) gegründete Forschungsstation am Hafelekar (Tirol), erklärte Eberhard Widmann, Direktor des Stefan Meyer-Instituts (SMI) für subatomare Physik der ÖAW.

Das SMI ist die Nachfolgeeinrichtung des Instituts für Radiumforschung, dessen Name noch heute in großen Lettern an dem Haus in der Boltzmanngasse prangt. Radiumforschung war in den Jahren nach Entdeckung der Radioaktivität - 1896 fand der französische Physiker Antoine Henri Becquerel heraus, dass Uransalz fotografische Platten schwärzt - eines der spannendsten Forschungsgebiete der Physik. Die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien gründete 1901 eine Kommission für die Untersuchung radioaktiver Substanzen.

Ausgangsmaterial war Pechblende, ein uranhältiges Erz, zu dem man in Österreich leichten Zugang hatte: Die Abbaustätte lag auf dem Gebiet der k.k. Monarchie, in St. Joachimsthal (heute Jachymov) in Böhmen. Schon die Pioniere der Radioaktivitätsforschung in Paris, Becquerel sowie Marie und Pierre Curie (Nobelpreis 1903), hatten für ihre Untersuchungen Pechblende aus St. Joachimsthal verwendet.

Mäzen und Pechblende förderten Forschungen in Wien

Dass das noch junge Forschungsgebiet in Wien ausgebaut werden konnte, war mehreren günstigen Umständen zu verdanken: Der leichte Zugang zu Pechblende vertiefte den wissenschaftlichen Kontakt zu den Curies in Paris und zum Physiker Ernest Rutherford in Manchester. Dazu kam der Mäzen Karl Kupelwieser, der den Bau eines eigenen Institutsgebäudes für die Radiumforschung finanzierte. Es war das allererste Forschungsinstitut der Akademie.

Entscheidend für dessen Erfolg war, dass hochbegabte Physiker dafür gewonnen werden konnten. Der zum Leiter bestellte Stefan Meyer arbeitete auch in der internationalen Radium-Standard-Kommission unter Ernest Rutherford mit. Assistent Meyers wurde der junge Wissenschafter Viktor Franz Hess, der 1912 die Kosmische Strahlung entdeckt und 1936 dafür den Nobelpreis erhielt. Auch der ungarische Chemiker George de Hevesy war Mitarbeiter der ersten Stunde. Er begann in Wien seine Arbeiten zum Nachweis bestimmter Elemente durch Beimischung radioaktiver Isotope. Diese "Tracermethode" brachte ihm 1943 den Chemie-Nobelpreis. Die Physikerin Marietta Blau arbeitete an der Entwicklung fotografischer Messmethoden in der Kernphysik, auf der Suche nach geeigneten radioaktiven Quellen gelang ihr der Nachweis, dass kosmische Strahlung die Spaltung von Atomkernen initiieren kann.

Niedergang nach 1938

Vor 1938 war das Institut für Radiumforschung eine anerkannte Größe in der internationalen Atomforschung. Doch die Nationalsozialisten vertrieben viele prominente Physiker, darunter Meyer und Blau. Es gelangen zwar auch während des Zweiten Weltkrieges noch wichtige Entdeckungen, etwa jene des Elements 85 ("Astat") in der Natur durch die Physikerin Berta Karlik, doch die Glanzzeit des Instituts war vorbei. Nach dem Krieg verlagerte sich der Forschungsschwerpunkt hin zur Kernforschung, nach zweimaliger Umbenennung erhielt das Institut 2004 in Erinnerung an seinen ersten Leiter den Namen Stefan Meyer-Institut für subatomare Physik. Dieses feiert am 29. Mai sein zehnjähriges Bestehen mit einem Symposium. (APA/red, 26.5.2015)

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