Der Geschlechtertausch im Kopf

Kolumne28. Mai 2015, 07:00
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Deine Probleme möchte ich mal haben – zumindest gedanklich. Warum es sich lohnt, darüber nachzudenken, in der Haut des anderen Geschlechts zu stecken

Wie wäre es eigentlich, dem anderen Geschlecht anzugehören? Was würde sich verändern, wenn ich statt als Mann als Frau meinem Arbeitgeber sage, dass ich eine Gehaltserhöhung möchte? Wie reagierten Menschen auf mich, wenn ich mich nicht als Frau, sondern als Mann hauptsächlich für die Kinder zuständig fühle?

Solche und andere Assoziationsräume eröffnet das Autorenduo Almut Schnerring und Sascha Verlan mit ihrem #WasAndersWäre-Projekt. Die Verfasserinnen (bei "Autorenduo" ist es Ihnen gar nicht aufgefallen, oder?) der "Rosa-Hellblau-Falle" haben sich für ein Radiofeature sechs Fragen ausgedacht, mit denen sie Menschen (unter anderem mich) dazu bringen wollten, für sich und andere über Geschlecht und die damit verbundene Rollenselbstverständlichkeit zu reflektieren.

Anschließend haben sie verschiedene Bloggerinnen und Blogger dazu aufgefordert, ihre Fragen zu beantworten.

Hätte, hätte, Fahrradkette?

1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann / eine Frau wärst?

2. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau / ein Mann bist?

3. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann / eine Frau bist?

4. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

5. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

6. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Das Ergebnis ist eine spannende Mischung aus Unverständnis, Methodenkritik, persönlichen Einsichten und allgemeinen Reflexionen über den Status quo in Geschlechterfragen.

Unverständnis, denn was soll das Ganze eigentlich: Für "Hätte, hätte, Fahrradkette" ist das Leben viel zu kurz und hält spannendere Fragen bereit. Natürlich kann man sich auch Gedanken darüber machen, wie es einem als bretonischer Kleinbauer im 17. Jahrhundert gegangen wäre, aber so wichtig ist das nun auch wieder nicht, oder?

Methodenkritik, weil so ein Gedankenexperiment mehr Fragen aufwirft, als es beantworten kann. Ist das nicht im Ansatz schon sehr heteronormativ? Geht es darum, als das andere Geschlecht geboren worden zu sein, morgen aufzuwachen oder gelesen zu werden? Die erste Möglichkeit ist schlicht nicht vorstellbar, weil kein Konjunktiv in der Lage ist, den eigenen Erfahrungshorizont auszutauschen.

An Selbstverständlichkeiten rütteln

Auch die zweite bleibt fragwürdig, weil sie so tut, als wüssten die Menschen nicht, dass man gestern noch ein Mann war, aber heute eine Frau ist. Oder sie wissen es, aber dann behandeln sie einen eben nicht wie eine Frau, sondern wie jemand, der gerade noch das eine war und heute etwas anderes. Und die Anpassung optischer Geschlechtsindikatoren (Haarlänge, Kleidung, Schminke) mag zu neuen Lesarten und ungeahnten Einsichten führen, aber nicht dazu, dass jeweils andere Geschlecht tatsächlich zu sein.

All diesen Einwänden zum Trotz lohnt es sich, über die Frage des Geschlechtertauschs nachzudenken. Weil es einen für Problemlagen sensibilisieren kann, die man zwar selbst nie erlebt hat, die darum aber nicht weniger real sind als all das, woran man schon selbst gelitten hat. Und weil es an der Selbstverständlichkeit rüttelt, mit der wir Aspekte unseres Verhaltens als allgemein menschlich oder spezifisch persönlich festlegen, obwohl es die gesellschaftlichen Geschlechtervorgaben sind, die in Wirklichkeit unser Handeln bestimmen.

Ich zum Beispiel habe lange Zeit vermieden, zum Arzt zu gehen, weil ich fand, dass ich nur dann krank bin, wenn mir ein Experte sagt, dass ich es bin. Davor war mir einfach nur nicht wohl, und zumindest theoretisch ist es möglich, egal welches Unwohlsein mit reiner Willenskraft zu besiegen. Ich gehe selbstverständlich davon aus, dass man mir zuhört. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir das Recht zuspreche, andere zu unterbrechen, obwohl es mir schwerfällt, das Gleiche bei ihnen zu akzeptieren.

Völlig entspanntes Verhältnis zu Essen

Ich lasse mir nicht gern helfen. Wenn es konkrete Dinge zu tun gibt, gehe ich mit großer Selbstverständlichkeit davon aus, dass ich sie schaffe. Kamin einbauen? Hab ich zwar noch nie gemacht, kann aber doch nicht so schwer sein. 24 Stunden am Stück mit dem Auto zum Urlaubsort fahren? Klar, warum denn nicht. Gewalttätige Auseinandersetzungen spielen in meinen Erwägungen eine Rolle. Entweder versuche ich sie zu vermeiden, oder ich bereite mich darauf vor, mit ihrer Hilfe einen Konflikt lösen zu müssen. Ich habe ein völlig entspanntes Verhältnis zu Essen und leiste mir in Bezug auf meinen Körper großflächig die Eitelkeit der Uneitelkeit – wahrscheinlich weil der wenig problematisiert wird. Mit ein paar Kilo mehr wird er als stattlich bezeichnet oder gar als "Dad-Bod" gefeiert.

Mit Haaren auf dem Kopf bin ich hip und vital, mit Glatze gelte ich als cool und mächtig. Es ist zweifellos richtig, dass diese Dinge in vielen Zusammenhängen stehen. Doch vor allem sind sie an das gekoppelt, was mir als männliche Identität mitgegeben wurde. Und was ist mit Ihnen? Zu welchen Ergebnissen kommen Sie anhand dieser Fragen? (Nils Pickert, 28.5.2015)

  • Mal in ein Kleid schlüpfen? Damit ist es nicht getan.
    foto: apa/epa/sedat suna

    Mal in ein Kleid schlüpfen? Damit ist es nicht getan.

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