Die gelebte Einsprachigkeit

Blog26. Mai 2015, 12:54
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Der letztes Wochenende in Wien stattgefundene 60. Eurovision Song Contest war ein durchaus gelungenes Megaevent. Nur in Sachen Sprachenvielfalt hat der Wettbewerb massiv versagt

Obwohl die sprachliche Vielfalt in Europa nicht so groß ist wie beispielsweise in Australien oder Papua Neu Guinea, ist praktisch jedes europäische Land mehrsprachig: autochthon oder migrationsbedingt. Ein wichtiges kulturelles Gut, das in Zeiten der Globalisierung als immer bedrohter gilt. Nicht nur die stärkere Mobilität, sondern auch die populäre Alltagskultur machen kleineren und wirtschaftlich weniger wichtigen Sprachen zu schaffen. Das letzte Beispiel ist der letztes Wochenende bei uns in Wien veranstaltete Eurovision Song Contest (ESC). Als größter Musikwettbewerb Europas und der Welt fungiert dieses Event auch als eine Art Visitenkarte der teilnehmenden Länder. Doch das ist der ESC seit Langem nicht mehr, insbesondere nicht, wenn es um die Mehrsprachigkeit geht.

Einzigartigkeit geht verloren

Von 40 teilnehmenden Ländern am diesjährigen ESC haben sich sogar 33 Delegationen entschieden, ihre Musikbeiträge in Englisch vorzutragen. Lediglich sieben von ihnen, und zwar Spanien, Portugal, Frankreich, Italien, Finnland, Rumänien und Montenegro sangen in den Sprachen der Länder, die sie repräsentierten. Eine niederschmetternde Bilanz. Man kann an dieser Stelle auch anders argumentieren und sagen, Englisch sei die europäische lingua franca, eine Sprache, die uns verbindet. Man kann auch behaupten, Lieder, die auf Englisch gesungen werden, würden schneller ihre Fans überall in der Welt bekommen. Wenn man aber ausschließlich so argumentiert, dann hat der ESC seine europäische Einzigartigkeit längst verloren.

Heuer hatten zum ersten Mal auch Zuschauer in China die Möglichkeit, den Wettbewerb zu verfolgen. Das Bild von Europa, das sie hier mitbekamen, war ein einsprachiges und durchaus globalisiertes. Hätte dieser Wettbewerb in den USA oder Australien stattgefunden, hätte man keinen großen Unterschied bemerkt. Ein Facebook-Kommentar hätte es nicht besser ausdrücken können: "Wir könnten es in Anglovision umbenennen!".

Musik ist universell

Es ist nun vor allem an der Europäischen Rundfunkunion (EBU), dem ESC-Veranstalter, durch diesen in der breiten Öffentlichkeit offensichtlich sehr populären Musikwettbewerb Europa als Kontinent der sprachlichen und somit auch kulturellen Vielfalt zu präsentieren und die teilnehmenden nationalen Rundfunkanstalten zu motivieren, ihre ESC-Beiträge in Nationalsprachen zu nominieren. Die Sprache der Musik ist bekanntlich universell, das mehrsprachige Singen macht aber dieses Universum auf jeden Fall viel reicher. (Nedad Memić, 26.5.2015, daStandard.at)


  • Lisa Angell sang für Frankreich, in der Sprache ihres Landes. Das war am Samstag eine Ausnahme.
    foto: apa/robert jaeger

    Lisa Angell sang für Frankreich, in der Sprache ihres Landes. Das war am Samstag eine Ausnahme.

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