Steve Lehman: New Yorker Jazz-Signaturen von morgen

26. Mai 2015, 10:22
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Der New Yorker Saxofonist und Jazzvordenker gastiert mit seinem grandiosen Oktett im Wiener Porgy & Bess

Wien - Ist der Jazz tatsächlich an eine neue Adresse weitergezogen? Auch wenn man der These des britischen Musikjournalisten Stuart Nicholson im Buch Is Jazz Dead? (Or Has It Moved to a New Address) etwas abgewinnen kann, wonach die Improvisationmusik in Europa innovativer blüht als im Jazzmutterland USA, so muss man konzedieren, dass New York jüngst eine Reihe von Instrumentalisten hervorgebracht hat, die mit hochindividuellen und -originellen musikalischen Signaturen die Ohren spitzen lassen.

Pianist Vijay Iyer sei genannt, auch der ebenfalls indischstämmige Altsaxofonist Rudresh Mahanthappa. Und dessen 37-jähriger, im Big Apple geborener Instrumentalkollege Steve Lehman, der sich spätestens mit seiner zweiten Oktett-CD Mise en Abîme (Pi Recordings) von 2014 in die erste Reihe innovativer junger Vordenker katapultiert hat.

Lehman studierte beim Chicagoer Improvisationsuniversalisten Anthony Braxton sowie bei Jackie McLean, dem 2006 verstorbenen Hardbop-Saxofonisten mit dem Blues-getränkten Ton. Und er ging bei Tristan Murail in die Lehre, seines Zeichens neben Gerard Grisey der bedeutendste Vertreter der französischen Spektralschule, zudem bis 2011 als Professor für Komposition an der Columbia University in New York tätig.

Hatte Lehman schon zuvor etwa in der Formation Fieldwork sowie durch Einspielungen mit eigenen Trio- bis Quintettbesetzungen aufgezeigt, so bringt er seine breite musikalische Bezugspalette im 2009 gegründeten Oktett eindrucksvoll auf den Punkt. Lehman überträgt die mikrotonale Harmonik der Spektralisten in den Jazzkontext, schafft dank Vibrafon (Chris Dingman) als einzigem Harmonie-Instrument Texturen von zartbitterer Dissonanz und farbenreicher Leuchtkraft. Darüber mäandern in dichten Liniengeflechten die Bläser (Trompeter Jonathan Finlayson, Tenorsaxofonist Mark Shim, Posaunist Tim Albright), aus denen sich immer wieder Lehmans virtuoses, schneidend präzises Altsaxofon herausschält. Das tönt sinnlich, groovy und visionär zu gleich. (Andreas Felber, 26.5.2015)

26.5., Porgy & Bess, 20.30

  • Steve Lehman überträgt die farbenprächtige Harmonik der französischen Spektralisten in improvisierte Musik.
    foto: porgy & bess

    Steve Lehman überträgt die farbenprächtige Harmonik der französischen Spektralisten in improvisierte Musik.


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