Ekstase und Verzweiflungstat

26. Mai 2015, 07:39
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Experimentalfilmer Peter Tscherkassky mit "The Exquisite Corpus" und Haneke-Schüler Patrick Vollrath mt Kurzfilm "Alles wird gut"

Cannes - Langfilme aus Österreich waren in Cannes dieses Jahr nicht zu sehen. Dafür feierte der renommierte Experimentalfilmer Peter Tscherkassky mit The Exquisite Corpus eine vielbeachtete Weltpremiere in der Quinzaine des Réalisateurs. Der Titel des Films verweist auf die surrealistische Schreibpraxis der "Cadavre exquis", bei der mehrere Autoren an einem Text beteiligt sind.

Tscherkassky hat seine visuell berauschende Traumfahrt in sexuelle Fantasien auch aus mehreren Quellen gebaut. Eine Bootsfahrt am Meer, die Dirk Schaefer mit einem sinnlichen Soundtrack aus Möwen und Segelflattern akzentuiert, mündet in einen Schlaf am Strand. Erst hier rafft sich der Film zu immer wieder verblüffenden Bildüberlagerungen auf, die körperliche Ekstase wie ein Unwetter am Meer beschwören. Tscherkassky arbeitet sich nicht einfach an den Fetisch- und Sexbildern ab, sondern stülpt sie gleichsam nach außen, sodass die filmische Form selbst zu pulsieren scheint.

The Exquisite Corpus war nicht der einzige heimische Beitrag. Bei der Semaine de la Critique zeigte der Haneke-Schüler Patrick Vollrath seinen 30-minütigen Kurzfilm Alles wird gut, ein klug verknapptes Drama um einen Vater (Simon Schwarz), der einen Besuchstag bei seiner Tochter (Julia Pointner) auszuweiten gedenkt. Er will sie ganz für sich haben.

Man ahnt in dieser stimmigen Konstellation vielleicht etwas früh, wohin das Geschehen zielt. Doch Vollrath beweist einiges Fingerspitzengefühl für die Gefühlsverlagerungen zwischen Vater und Tochter. Nicht zuletzt Simon Schwarz beeindruckt in dieser schmerzhaften Miniatur - auf weitere Arbeiten Vollraths darf man gespannt sein. (kam, 26.5.2015)

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