Akut zu Hause versorgt statt im Krankenhaus

26. Mai 2015, 13:00
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Wer schnell eine Insulinspritze oder einen neuen Wundverband braucht, muss dafür nicht ins Spital. In Wien gibt es dafür eine Lösung, die Vorbild sein könnte

Wien - Dienstag, 7.00 Uhr, ein undichter Darmausgang und eine Überzuckerung: So beginnt der Arbeitstag für Peter Sandt und Christoph Barsch (Anm.: Namen verändert). Der Krankenpfleger und der Sanitäter sitzen in blütenweißer Pflegeuniform am weißen Tisch und lassen sich von Koordinatorin Waltraud Leimer die Eckdaten zu den heutigen Patienten erklären: "Frau F. hatte gestern einen Blutzuckerwert von 410, sie kann mit dem Zucker nicht umgehen", erklärt die Koordinatorin, "sonst kümmert sich ihr Gatte, aber der muss heute früh ins Spital." Der Plan: erst zu der 94-Jährigen mit dem künstlichen Ausgang, dann zu der 75-jährigen Diabetikerin.

Eine Lücke schließen

24 Stunden, jeden Tag ist der Pflegenotdienst der Wiener Johanniter im Einsatz. Ein Sanitäter, ein Pfleger und ein Zivildiener fahren ganz Wien ab, um Verbände zu wechseln und Spritzen zu setzen. Sie schließen eine Lücke im Gesundheitssystem: Sie besuchen Patienten, die dringend Pflege brauchen, weil sie gerade aus dem Spital entlassen worden sind. Weil die Angehörige, die normalerweise pflegt, selbst erkrankt ist - oder aber, weil ein Problem auftritt, mit dem die privat organisierte Pflegerin selbst überfordert ist.

Gäbe es den Notdienst nicht, würden sich diese Patienten vor allem nachts oft ins Spital bringen lassen. Außerhalb Wiens, wo es den Johanniter-Dienst nicht gibt, tun sie das auch - das ist es, was Gesundheitsökonomen auch meinen, wenn sie von Ineffizienzen im Gesundheitssystem sprechen.

Am weißen Tisch in der Thimiggasse 57 in Wien-Währing diskutieren die Pfleger alle Details. Der Ehemann der Diabetikerin habe am Vorabend die Rettung gerufen: Alarm, ein Blutzuckerwert von 410, Stoffwechselentgleisung. Die Rettung kam und spritzte Insulin, wollte die Patientin mitnehmen, doch die 75-Jährige weigerte sich vehement, ins Spital zu gehen. Da ihr Ehemann am nächsten Morgen aber schon früh zum OP-Termin musste, war unklar, wer darauf achten würde, dass die leicht demente Frau am nächsten Morgen nicht wieder in den nächsten Überzucker schlittern würde. Die Rettung rief also die Nummer 47600 des Pflegenotdienstes an: Bitte morgen kommen, Werte prüfen, spritzen.

Schnell umplanen

Fünf Minuten später, die Besprechung am weißen Tisch ist fast zu Ende, ein Anruf. Er müsse gleich ins Spital, sagt der Mann der Diabetikerin, er habe aber eh schon Insulin gespritzt. Ob er davor auch die Zuckerwerte kontrolliert habe? Der Mann verneint das. "Oje", sagt Pfleger Sandt. Jetzt heißt es: schnell umdisponieren, lieber zuerst zur Diabetikerin und erst dann zur 94-Jährigen. Beim Zucker könne "schnell ein Malheur passieren", sagt Anneliese Gottwald, Leiterin des Johanniter-Pflegedienstes und Erfinderin des Pflegenotdienstes.

Man rechne stets mit dem Schlimmsten, erzählt Pfleger Sandt. Nicht aus Pessimismus, sondern um auf alles vorbereitet zu sein. So auch beim älteren Mann, der am Tag nach seinem Kreislaufkollaps trotz Sturmklingelns die Wohnungstür nicht öffnete. Man habe das Schloss von Polizeibeamten aufbohren lassen, sich auf Wiederbelebung eingestellt. Als die Tür endlich offen war, sei man einem schlotternden Mann gegenübergestanden, Messer in der Hosentasche - gewappnet für die Einbrecher, die er vor der Tür vermutete. Das Klingeln zuvor hatte der schwerhörige Mann nicht wahrgenommen.

Der Bus ist unterwegs in den 15. Bezirk zur Diabetikerin Erika F. Zuvor ein Routinecheck im Einsatzbus, alles ist da, auch Tee und Pumpernickel - Notversorgung für Patienten, die zu arm, dement oder psychotisch sind, um für Essen und Trinken zu sorgen.

Sandt und Barsch betreten die kleine Wohnung im 15. Bezirk, Erika F. wartet schon und mit ihr rund 300 Mitbewohner: Porzellanpüppchen, -hasen-, wölfe, allerlei Stofftiere und Gips gewordene Spuren von Folklore-Marketing aus aller Welt stapeln sich im, auf und neben dem massiven Einbaukasten im Wohnzimmer. Mittendrin sitzt Frau F. im weißen Bademantel und freut sich über den jungen Besuch. Die Pfleger messen ihre Werte - zum Glück ist alles im grünen Bereich. Jetzt beginnt die Detektivarbeit: Welche Insulindosis braucht Frau F.? Sie selbst weiß es nicht, "das macht alles mein Mann". Sandt und Barsch blättern in Mappen, durchkämmen Schrankfächer, suchen den Arztbrief der letzten Spitalsentlassung - vergeblich. Schließlich beschließen sie, den Hausarzt nach der richtigen Dosis zu fragen. Und zu Mittag, wenn die nächste Spritze fällig wird, wiederzukommen.

Jüngere Pflegebedürftige

Der Pflegenotdienst ist auch Kitt an den Schnittstellen des Gesundheitssystems: Er vermittelt Patienten an andere Stellen, die dauerhaft weiterhelfen können. Und er bereitet Informationen für diese Stellen auf. "Schnittstellenmanagement" nennen das Gesundheitsökonomen. Sie fordern mehr davon: So ließe sich Geld sparen, ohne Leistungen zu kürzen. Im Gegenteil: Vielfach wären Patienten besser versorgt als jetzt.

Die Welt verändert sich und mit ihr die Menschen, die Pflege brauchen, erzählt Gottwald. "Sie sind jünger und haben andere Bedürfnisse." Der pflegende Angehörige wird immer weniger zum Normalfall, da Ehen nicht mehr auf Lebenszeit geschlossen werden und Kinder oft hunderte Kilometer entfernt leben. Es gibt mehr Demente - und auch mehr Menschen, die zwar nicht mehr mobil sind, aber gern ins Theater oder ins Kino gehen möchten und dann um 23 Uhr jemanden brauchen, der sie vom Rollstuhl ins Bett hebt. Das Bild des Pflegebedürftigen, an dessen Bett um 19 Uhr das Licht ausgeht, passt für viele nicht. Selbstständig leben und trotzdem Pflege brauchen - das ist für immer mehr Menschen kein Widerspruch. Das System muss sich darauf einstellen und flexiblere Lösungen anbieten. Der Pflegenotdienst ist eine dieser Lösungen.

Stammgäste in der Hotline

Erika F. ist fürs Erste versorgt. In zwei Tagen ist ihr Ehemann wieder zu Hause, bis dahin kommen Sandt und Barsch zu Besuch. Bezahlen muss F. dafür nicht: Der Fonds Soziales Wien und private Spender finanzieren den Dienst.

Nicht immer geht es den Anrufern körperlich schlecht. Oft ist das Leiden, das sie quält, chronische Einsamkeit. "Es gibt 80-Jährige, die ständig bei uns anrufen", erzählt Barsch. "Sie sagen dann: 'Ich hab dies und das' - dabei wollen sie nur ein Gespräch." (Maria Sterkl, 26.5.2015)

  • Jeden Tag, 24 Stunden lang, das ganze Jahr ist der Pflegenotdienst der Wiener Johanniter im Einsatz. Ein Pfleger, ein Sanitäter und ein Zivildiener helfen aus, wenn die 24-Stunden-Betreuung mit einem Problem überfordert ist oder der pflegende Angehörige selbst erkrankt ist.
    foto: regine hendrich

    Jeden Tag, 24 Stunden lang, das ganze Jahr ist der Pflegenotdienst der Wiener Johanniter im Einsatz. Ein Pfleger, ein Sanitäter und ein Zivildiener helfen aus, wenn die 24-Stunden-Betreuung mit einem Problem überfordert ist oder der pflegende Angehörige selbst erkrankt ist.

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