Ökonomin: "Ich will, dass man Gesundheitspolitik mehr liebt"

Interview25. Mai 2015, 18:00
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Maria M. Hofmarcher erklärt, warum alte Menschen nicht ins Nirvana entlassen werden dürfen

STANDARD: Ihr Befund über das Gesundheitssystem lautet: "Alle Beteiligten sind unglücklich." Wirklich alle?

Hofmarcher: Aus Befragungen wissen wir zwar, dass Österreicher bisher sehr zufrieden mit dem Gesundheitssystem sind. Damit ist aber der Zugang gemeint, der bei uns sehr großzügig ist - wir können auf jeder Stufe zu allen Leistungserbringern gehen. Patienten sind aber unzufrieden bei nicht erklärbaren Wartezeiten, weil andere einfach in eine Privatordination gehen, um rascher dranzukommen. Das führt zu Misstrauen. Vor drei Jahren gab es einen großen Hype um ein transparentes Wartelistenmanagement. Ich sehe das nicht umgesetzt, das ist ärgerlich.

STANDARD: Aber nicht nur die Patienten sind unglücklich.

Hofmarcher: Derzeit richtet sich die Aufmerksamkeit in der Gesundheitsversorgung hauptsächlich auf Kosteneinsparungen. Das ist verkürzt und nicht adäquat. Es muss um den Ausbau der Versorgung, um Investitionen und um die Qualität der Arbeitsplätze gehen - gleichzeitig muss Verschwendung vermieden werden. Das ist ein Spagat. Das wird auch bei der Debatte um das Ärztearbeitszeitgesetz deutlich. Es sind viele Ungeschicktheiten passiert, die Ärzteschaft fühlt sich nicht wertgeschätzt.

STANDARD: Was war ungeschickt?

Hofmarcher: Dass die Arbeitszeit verkürzt wird, ist für Beschäftigte und Patienten gut. Gleichzeitig will die Stadt Wien und der Krankenanstaltenverbund aber Stellen abbauen. Gerade in einer Situation, in der sehr viel Druck auf den Spitälern lastet, weil der ambulante Sektor nicht ausgebaut wird, ist dies problematisch. Doch auch die Standesvertretung verfolgt eine Zickzackpolitik. Dann ist noch die Pflege unglücklich, weil sie sich von den hauswirtschaftlichen Tätigkeiten befreien muss. Mehr Arbeitsteilung ist notwendig. Schließlich sind die Politiker unglücklich, da sie sich bemühen, aber nur beschränkte Möglichkeiten haben, etwas zu bewegen.

STANDARD: "Bemühen" klingt nicht nach Kompliment.

Hofmarcher: Es fehlt die visionäre Kraft. Die Gesundheitsversorgung ist längst in der Wirtschaftspolitik angekommen. Sie wird defensiv und als Kostenfaktor behandelt. Natürlich ist sie eine große Belastung für das Budget, aber gerade deshalb müsste man viel offensiver sein. Das darf nicht allein dem Gesundheitsministerium überlassen sein, das sollte Chefsache werden. Ich will, dass man Gesundheitspolitik mehr liebt und als zukunftsorientierte Wachstumsbranche in Bezug auf Arbeitsmarkt und Forschung wahrnimmt. Kaum eine Branche wächst so schnell. Aber Verschwendung muss vermieden werden. Die Finanzausgleichsverhandlungen wären der richtige Zeitpunkt, über die Finanzierungsströme nachzudenken.

STANDARD: Und was zu ändern?

Hofmarcher: Der Bund könnte die Gemeinden, die zirka eine Milliarde Euro der Spitälerfinanzierung tragen, entlasten und das Geld an bestimmte Vorgaben geknüpft an die Länder ausschütten. Zum Beispiel, wie sich der ambulante Sektor formieren soll oder wie die Zusammenarbeit zwischen regionalen Kassen und Ländern laufen soll. Parallel dazu wäre zu diskutieren, was mit den vielen Krankenkassen passiert. Berufsständische Kassen und jene auf Betriebsebene könnten in die Gebietskrankenkassen überführt werden.

STANDARD: Sie fordern keine gänzliche Zentralisierung der Kassen?

Hofmarcher: Ich bin für eine regionale Zentralisierung. Die dritte visionäre Stufe für das Gesundheitssystem wäre, dass man auf regionaler Ebene alle Mittel für die ambulante Versorgung sowie alle Mittel für die Pflege aus einem gemeinsamen Topf nimmt. Das wäre dann ein Sozial- und Gesundheitstopf. Derzeit haben wir eine Struktur, die Doppelgleisigkeiten und damit Verschwendung erzeugt. Dabei geht es um zwei bis drei Milliarden Euro.

STANDARD: Was sollte dahingehend noch verbessert werden?

Hofmarcher: Die Behandlung chronisch Kranker muss gleichberechtigt funktionieren wie die Akutversorgung, die sehr gut ist. Viele Menschen sind beispielsweise nach einem Schlaganfall krank. Außerhalb der Spitäler haben wir aber nicht die Strukturen, die eine effiziente Behandlung ermöglichen. Es gibt Ungleichgewichte. Es muss nicht alles weg von den Krankenhäusern geleitet werden. Dem Spitalssektor muss auch ein bisschen Ehre zukommen. Was dort geleistet wird, ist großartig. Doch die Planung der Versorgungskapazitäten ist nicht mehr zeitgemäß. Das ist wieder von den Finanzierungsströmen abhängig.

STANDARD: Primary-Health-Care- Zentren (PHC) sollen künftig Spitalsambulanzen entlasten. In Wien läuft ein erstes Pilotprojekt.

Hofmarcher: Das ist eine wichtige Weiterentwicklung, ich bin aber noch nicht ganz überzeugt von der Umsetzung. Es braucht noch andere gesetzliche Rahmenbedingungen und eine vollkommene Umstellung der Bezahlung von Haus- und Fachärzten.

STANDARD: Mehr Anreize für Ärzte?

Hofmarcher: Nicht nur für Ärzte, für die Versorgung insgesamt. Es gibt keine Vorgaben, wie das Geld, das die Stadt Wien an die Krankenkassen für die Zentren zahlt, eingesetzt werden muss. Es gibt auch noch kein Konzept, was die einzelnen Berufsgruppen leisten sollen und wie das organisiert werden kann. Es existieren Einzelverträge. Es sollte aber die gesamte Einheit mit einem Budget, kombiniert mit der Honorierung für ausgewählte Einzelleistungen, versehen werden.

STANDARD: Ist die Einzelordination ein Modell der Vergangenheit?

Hofmarcher: Nein, wir brauchen einen sinnvollen Mix: hausärztliche Einzelordinationen dort, wo man sie braucht, aber zusätzlich größere Einheiten außerhalb der Spitäler. Wobei ich nicht glaube, dass die Entlastung der Spitäler die Lösung aller Probleme ist. Die Standardspitäler könnte man zu Gesundheitshäusern mit Fachärzten umwandeln.

STANDARD: Zu größeren PHCs?

Hofmarcher: Genau, aber nicht nur mit Hausärzten, auch mit Fachärzten. Derzeit werden viele Menschen stationär aufgenommen, und man versucht, sie schnell wieder zu entlassen. Ältere Menschen werden oft ins Niemandsland entlassen. Wenn sie außerhalb des Spitals keine Anlaufstellen haben, warum wandeln wir vorhandene Kapazitäten nicht um? Man könnte dort tagesklinische Einrichtungen mit einer kleinen internen Abteilung schaffen. Ältere Menschen könnten dort zwei, drei Nächte verbringen, um aufgepäppelt zu werden. Natürlich könnte man Versorgung zu Hause anbieten, dazu braucht es aber die Rahmenbedingungen. Derzeit gibt es keine Struktur, die diese Menschen auffängt. Es fehlen Best-Practice-Beispiele. Deshalb müssen wir kreativ bleiben und systemangepasste Lösungen entwickeln.

STANDARD: Es gibt in Österreich international gesehen viele Ärzte, aber wenige Pflegekräfte. Warum?

Hofmarcher: Österreich ist wie Deutschland und Frankreich ärztezentriert. Mit einer sehr patriarchalen Sozialpolitik. Traditionell ist die Medizin männlich und die Pflege weiblich, auch wenn das aufbricht, da mehr Frauen Ärztinnen werden. Überspitzt ausgedrückt, kompensiert die Pflege die Grausamkeiten der Medizin. Es wurde keine Kultur entwickelt, dass diese Berufsgruppen auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

STANDARD: Was muss passieren?

Hofmarcher: Der Pflegeberuf muss attraktiver werden, auch für Männer. Es muss Karrieremöglichkeiten geben. Das beinhaltet, dass die Bezahlung ausdifferenziert wird. Dafür braucht es die gesetzliche Grundlage, an der gerade gearbeitet wird. Da müssen sich auch die Gewerkschaften bewegen.

STANDARD: Ist der Ärztemangel, vor dem oft gewarnt wird, genau genommen ein Kassenärztemangel?

Hofmarcher: Ja, das ist ein Kassenärztemangel. - Die nächste Baustelle.

STANDARD: Führt dieser zu einer Zweiklassenmedizin?

Hofmarcher: Alle können zu den Haus- und Fachärzten gehen. Wenn Patienten nicht zufrieden sind oder rascher drankommen wollen, gehen sie zur Wahlärztin. Das können sich nicht alle leisten, aber es wird häufiger. Die sehr restriktive Handhabung der Versorgung mit Kassenärzten könnte diesen Trend noch verstärken und damit Ungleichheiten verschärfen. Von mehr als sechs Milliarden Euro an privaten Ausgaben im Gesundheitssektor werden zirka zwei Milliarden im ambulanten Sektor ausgegeben, für Wahlärzte etwa 500 Millionen Euro. Eine noch größere Rolle spielt beim Thema der Leistbarkeit die zahnärztliche Versorgung, für die 2012 fast 800 Millionen Euro ausgegeben wurden. Auch die privaten Ausgaben für Arzneimittel sind mit zirka 900 Millionen Euro sehr hoch.

STANDARD: In Sachen Gesundheitsförderung müssten mehrere Ministerien aktiv werden. Inwieweit geschieht das in Österreich?

Hofmarcher: Es gibt eine Reihe von Bemühungen, vom nationalen Ernährungs- zum Bewegungsplan, interministeriell zusammenzuarbeiten. Aber die Prävention ist mindestens so eine fragmentierte Baustelle wie die Finanzierung der Spitäler. 2013 hat die Gesundheitsreform für zehn Jahre 150 Millionen Euro dafür abgestellt. Parallel dazu gibt es Initiativen vom Fonds Gesundes Österreich oder vom Hauptverband mit der Pharmaindustrie. Es fehlt aber eine überblickende Strategie.

STANDARD: Ein Problem der Prävention ist, die richtigen Leute zu erreichen. Wie kann das funktionieren?

Hofmarcher: Man muss die Leute dort abholen, wo sie sind. Auf dem Weg zur Arbeit, in der Arbeit und in der Familie. Ich bin zum Beispiel auch für das Rauchverbot. Es braucht aber mehr Anreize für betriebliche Gesundheitsförderung. Und gerade im urbanen Bereich könnte man öffentlich Werbung machen für mehr Bewegung und sehr viele Menschen anstubsen. Zum Beispiel dafür, Stiegen zu steigen, statt die Rolltreppe zu nehmen. (26.5.2015)

Maria M. Hofmarcher-Holzhacker (56) ist Ökonomin und Expertin für Gesundheitssysteme.

  • Auch Stiegensteigen kann Prävention sein, sagt Maria M. Hofmarcher. Sie wünscht sich Werbung für Bewegung. Die Menschen müssten dort abgeholt werden, wo sie sind. Auf dem Weg in die Arbeit.
    foto: matthias cremer

    Auch Stiegensteigen kann Prävention sein, sagt Maria M. Hofmarcher. Sie wünscht sich Werbung für Bewegung. Die Menschen müssten dort abgeholt werden, wo sie sind. Auf dem Weg in die Arbeit.

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