Fünf Diagnosen für das Gesundheitssystem

26. Mai 2015, 10:00
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Von Ärzteausbildung bis Elga: Dauerpatienten mit Hoffnung auf Heilung

foto: apa/helmut fohringer

Ärzteausbildung neu: Der letzte Turnusarzt

Diagnose: Abwanderung

Turnusärzte sterben aus: Bisher galt die dreijährige Ausbildung zum Allgemeinmediziner als inoffizielle Voraussetzung für die Facharztausbildung. Viele Jungärzte waren frustriert, weil nicht die Lehre am Spitalsbett im Zentrum stand, sondern Blutabnahmen und Infusionen. Jährlich weichen bis zu 30 Prozent aller Medizinabsolventen ins Ausland aus, wo sie besser bezahlt werden und auch gleich mit der Facharztausbildung beginnen können.

Therapie: Ausbildung neu

Am 1. Juni soll die neue Ärzteausbildung in Kraft treten. Herzstück ist die neunmonatige Basisausbildung. Sie richtet sich nach den häufigsten Krankheiten, aufgeteilt in internistische und chirurgische Einheiten. Der Facharzt bzw. die Ausbildung zum Allgemeinmediziner schließt an den "common trunk" an. Angehende Allgemeinmediziner sollen nicht nur im Spital, sondern auch in Lehrpraxen auf die Anforderungen eines Hausarztes vorbereitet werden.

Heilungschancen

Die Angst der Jungmediziner, trotzdem als Systemerhalter eingesetzt zu werden, konnte noch nicht ausgeräumt werden. Die Einführung der 48-Stunden-Woche für Ärzte hat den Fokus auf die Lehre wieder in den Hintergrund gedrängt. Der Abwanderungstrend ist noch nicht gestoppt.

foto: hans punz

Zu viel Andrang auf Spitalsambulanzen

Diagnose: Überlastung

Viele Menschen in Österreich suchen Spitalsambulanzen auf, obwohl sie die teure Spitalsinfrastruktur gar nicht brauchten. Im niedergelassenen Bereich stagniert die Zahl der Ärzte mit Kassenvertrag, und Nachbesetzungen sind mancherorts schwierig. Wartezeiten auf Kassenarzttermine werden länger.

Therapie: Primärversorgung

Primary-Health-Care-Zentren (PHC) sollen Spitalsambulanzen entlasten: dank längerer Öffnungszeiten und therapeutischer Angebote. Vor allem chronisch kranke Menschen sollen in PHCs umgeleitet werden. In Wien wurde das erste Pilotprojekt, das aus einer bestehenden Gemeinschaftspraxis hervorging, im Mai 2015 eröffnet. Fachärzte sind dort nicht tätig. Bis Jahresende soll ein zweites Zentrum in Donauspitalnähe eröffnet werden, dort ist die Ausschreibung komplizierter, da man nicht auf eine bestehende Gruppenpraxis aufbauen kann. In Oberösterreich sollen 2016 zwei PHCs starten.

Heilungschancen

Ob die PHCs allein genügend Entlastung bringen und angenommen werden, wird sich erst in mehreren Jahren zeigen. Die Wiener Pilotprojekte werden nach fünf Jahren evaluiert. Es braucht auch noch eine andere rechtliche Basis durch das Primärversorgungsgesetz. Derzeit behilft man sich mit dem Gesetz für Gruppenpraxen.

foto: apa/helmut fohringer

Elga ist niemandem egal

Diagnose: Neu, verdächtig

Wenn die Fans der Elektronischen Gesundheitsakte ihre Vorzüge preisen, fällt schnell das Argument der Mehrfachuntersuchungen, die sich Patienten künftig mit Elgas Hilfe ersparen. Elgas Gegner - allen voran den Hausärzteverband - besänftigt das nicht. Sie sehen den Datenschutz gefährdet, den eigenen Stand zu Mehrarbeit gezwungen, die Kosten explodieren. Rund 207.000 Versicherte machten seit 2014 von der Opt-out-Möglichkeit Gebrauch.

Therapie: Abwarten

Unter Gesundheitsminister Alois Stöger konnte es gar nicht schnell genug gehen, Nachfolgerin Sabine Oberhauser (beide SPÖ) war ein verzögerter Elga-Start dann auch "egal". Den gibt es jetzt auch, zumindest teilweise: Die ersten Spitäler werden erst Ende 2015 in Wien und der Steiermark mit Elga starten. Auch die verpflichtende Teilnahme der niedergelassenen Ärzte wurde um ein Jahr auf Mitte 2017 verschoben. Als Letzte sind die Zahnärzte dran: Ihr Netzeintritt ist für 2022 geplant.

Heilungschancen

Bei kalkulierten Gesamtkosten von 130 Millionen Euro bis 2017 wird das Projekt wohl nicht mehr wackeln. Bis Elga aber Gesundheitsalltag ist, kann es dauern. Irgendwann wird sie so selbstverständlich sein wie die E-Card. Die feierte vor kurzem ihren zehnten Geburtstag.

foto: apa/barbara gindl

Krankenpflege: Im Schatten der Ärzte

Diagnose: Dauerpatient

Streng hierarchisch funktionieren in Österreich die Krankenhäuser. Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist selten möglich. Auch Pflegekräfte klagen wegen Überlastung, müssen sie nicht nur ihre Aufgaben erledigen, sondern auch die der Pflegehilfskräfte, also Essensverteilung und Putzdienste. Grund: Personalmangel.

Therapie: Aufwertung

Die Ausbildung soll aufgewertet und akademisiert werden, dafür muss aber erst das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz novelliert werden.

Heilungschancen

Die Akademisierung ist nur eine formelle Besserstellung. Streitpunkt im Spitalsalltag ist der mitverantwortliche Tätigkeitsbereich. Das Pflegepersonal soll die Tätigkeiten ausüben, für die es auch ausgebildet wurde, wie zum Beispiel Blutabnahmen. In manchen Bereichen wurde dies bereits umgesetzt, es funktioniert aber nur dann, wenn die Pflegekräfte von Hilfsdiensten befreit werden. Eine Aufwertung funktioniert auch nur über bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Der Beruf muss attraktiver werden, denn die Krankenversorgung liegt nicht nur in der Verantwortung der Ärzte, sondern hier muss die Zusammenarbeit mit allen Gesundheitsberufen im Krankenhaus besser abgestimmt werden.

foto: reuters/srdjan zivulovic

Genauerer Blick auf kranke Kinder

Diagnose: Wenig beachtet

Wem bei Kinder- und Jugendgesundheit nicht sofort die zwischen Schwarz und Rot paktierte Gratiszahnspange einfällt, der liegt mit seinem Gefühl vielleicht nicht ganz falsch: Ja, es gibt noch eine ganze Reihe anderer Themen, die anstehen. "Wir wissen zu wenig", beklagt die Liga für Kinder- und Jugendgesundheit das Fehlen solider Daten. Was bekannt ist: Rund 24 Prozent der sieben- bis 14-jährigen Schulkinder sind übergewichtig oder fettsüchtig. Rauchen und Alkohol gehören zum jugendlichen Alltag. Zudem fehlt es an psychotherapeutischer Betreuung und an Rehabilitationsplätzen für Kinder.

Therapie: Erste Initiativen

Was man sich im Regierungsprogramm vorgenommen hat, steht teilweise vor der Umsetzung. So sind sich etwa Sozialversicherung und Länder seit Juli 2014 theoretisch einig über die Schaffung von Kinder-Reha-Zentren. Jetzt spießt es sich an der Standortentscheidung. Der langfristige Plan: Bis 2020 sollen in vier Versorgungsregionen 343 Betten entstehen. Kosten: 33 Millionen Euro pro Jahr.

Heilungschancen

Erst nach und nach rücken Kinder in den Fokus der Gesundheitspolitik. Die Themenpalette ist mannigfaltig, der Bereich eine Querschnittsmaterie. Das benötigt viel und konsequente Anstrengung. (mte, riss, spri, DER STANDARD, 26.5.2015)

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