Gleichstellungsexpertin: "Voll- und Teilzeit deutlich aufweichen"

Interview26. Mai 2015, 09:02
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Teilzeit als Normalarbeit für Frauen und Vollzeit plus Überstunden für Männer stehen dem Schließen der Gehaltsschere entgegen, sagt Manuela Vollmann

STANDARD: Teilzeit ist ein wesentlicher Faktor, wenn es grob statistisch um die Gehaltsschere geht ...

Vollmann: Ja, rund zehn Prozent der Männer arbeiten Teilzeit, aber fast 47 Prozent der Frauen, überwiegend, um ihre Familien, die Kinder, versorgen zu können. Und damit geht eine weitere Spaltung einher, nämlich die zwischen qualitativ höheren und qualitativ niedrigeren Tätigkeiten. Dies trotz höherer Bildungsabschlüsse der Frauen. Es liegt also für den Arbeitsmarkt viel Potenzial brach. Gesellschaftlich betrachtet haben wir ein System, das auf unbezahlte Arbeit von Frauen setzt. Mittelfristig entstehen daraus aber Folgekosten aus notwendigen Unterstützungszahlungen mangels Existenzsicherung - etwa bei Scheidung oder im Alter. Alleinerzieherinnen habe ich noch nicht erwähnt.

STANDARD: Besondere Wirksamkeit kann man von den Maßnahmen zum Schließen des Gender Pay Gap - vom Gehaltsausweis in Stelleninseraten bis zum Aktionismus des Equal Pay Day - nicht ableiten. Oder?

Vollmann: Teilweise verkleinert sich die Schere. Aber die immer noch gängige Teilung in Normalarbeitszeitverhältnis plus bezahlten Überstunden und Teilzeitarbeitsverhältnissen gehört deutlich aufgeweicht in Richtung vollzeitnaher Teilzeitbeschäftigung mit lebensphasenorientiertem Aus- und Karenzzeitenmanagement. Für Familien gefällt mir der deutsche Vorschlag von 32 Wochenstunden für beide Elternteile mit Lohnausgleich gut. Angesichts der 300 Millionen Überstunden im Jahr 2014 in Österreich dürfte die Arbeit, die zu teilen ist, ja da sein. Es gibt im qualifizierten Bereich genügend langerprobte Modelle, zum Beispiel Top-Job-Sharing, die endlich eingeführt gehören.

STANDARD: Und das hilft?

Vollmann: Es hilft, wenn Firmen die Verschiebung von Verantwortlichkeiten zwischen Frauen und Männern als normal akzeptieren - das wird die Trendumkehr bei der Gehaltsschere befördern. (6.5.2015)

Manuela Vollmann ist Geschäftsführerin des Nonprofitunternehmens für Gleichstellung abz*austria.

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    (c) anna rauchenberger
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