Unter Schatzsuchern der Gegenwart

25. Mai 2015, 18:18
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Der Franzose Jacques Audiard gewann für sein Flüchtlingsdrama "Dheepan" die Goldene Palme in Cannes. Die beeindruckendsten Arbeiten gab es in Nebenschienen zu sehen

Cannes - Auf der Zielgeraden eines Festivals kann sich alles noch einmal verschieben. Die Goldene Palme ging Sonntagabend doch etwas überraschend an den Franzosen Jacques Audiard für Dheepan. Die Jury hat damit auf ein zeitgenössisches, relevantes Thema gesetzt. Hou Hsiao-hsien visuell berückendes Martial-Arts-/Historienstück The Assassin, von vielen favorisiert, musste sich mit dem Preis für die beste Regie begnügen. Rooney Mara wurde als beste Schauspielerin geehrt – die jüngere der beiden liebenden Frauen in Todd Haynes’ Carol, einem weiteren hoch gehandelten Kandidaten.

Audiards Drama korrespondiert fraglos stärker mit der Gegenwart, zumal in Frankreich, das Anfang des Jahres mit den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo auch in seinem Selbstverständnis getroffen wurde. Dheepan erzählt eine Flüchtlingsgeschichte, doch weniger moralinsauer, als man es kennt. Die zentrale Familie – Vater, Mutter und Tochter tamilischer Abstammung – ist in Wirklichkeit gar keine: eine Notlüge, um an ein Visum zu kommen. Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) war als Rebell aktiv, nun wird er Hausmeister eines Wohnbaus in der Banlieue. Dort ist ein Bandenkrieg im Gange.

Strukturelle Gewalt

Die zentrale Verschiebung Audiards: Er belässt dem Flüchtling ein hohes Maß an Ambivalenz. Er zeigt, oft aus Subjektiven, wie sich die Familie mit dem fremden Umfeld zu arrangieren versucht. Und er entdeckt, ohne den Vergleich zu überdehnen, Ähnlichkeiten in der strukturellen Gewalt zwischen der alten und der neuen Heimat.

In Dheepan ist der Krieger immer noch wie ein Schatten vorhanden. Wie ihn Audiard im zweiten, thrillerähnlichen Teil reaktiviert, ihn in antrainierte Handlungen zurückkippen lässt, das wirkt nicht in jeder Hinsicht geglückt. Der Film entwickelt zu wenig Nachdruck, um die erzählerische Konstruktion richtig vergessen zu machen.

foto: reuters
Jacques Audiard, der Regisseur des Siegerfilms "Dheepan".

Die Grenzen von Audiards sozial abgefederten Genre-Revisionen zeigen sich im Vergleich zu Arbeiten, die offenere Antworten suchten: Vor allem Miguel Gomes’ aus drei Langfilmen bestehendes Epos Arabian Nights ist hier hervorzuheben. Wie es dem Portugiesen gelingt, von der ökonomischen Malaise seines Landes mit erhellenden, burlesken, auch real verbürgten Geschichten zu erzählen, zeugt von enormer Fabulierlust. Und es hat auch eine politische Dimension. Denn Gomes leitet die Form seines Films direkt von den Biografien der Personen ab; er will diesen etwas zurückerstatten von dem, was sie verloren haben.

Nüchtern und absurd

Das gilt, in einer mehr auf Verdichtung abzielenden Form, auch für Corneliu Porumboiu. In Comoara ("The Treasure") findet der rumänische Regisseur eine höchst originelle Strategie, um Fragen gerechter Verteilung zu erörtern: Zwei Nachbarn, die beide mit den Folgen der Wirtschaftskrise hadern, suchen in einem Garten nach einem Familienschatz. Eine an groteske Literatur wie von Witold Gombrowicz gemahnende szenische Idee, die nüchtern, doch auch herrlich absurd die Relativität von Geld, Eigentum und damit verbundenen Gegenleistungen reflektiert.

Keine dieser Arbeiten war im Wettbewerb zu sehen. Für formalen Experimentiergeist blieb dort heuer besonders wenig Raum. Philippe Garrels L’ombre des femmes und Apichatpong Weersathekuls Cemetery of Splendour, zwei nuancierte, lyrische Filme, die zu den schönsten dieses Jahrgangs gehörten, liefen nur in Nebenschienen. In beiden Fällen handelt es sich übrigens um Autoren, die mit geringen Budgets ihre Welten kontinuierlich erweitern.

Wer sich mit internationalen Produktionen (und entsprechenden Stars) aus regionalen Kontexten herauswagte, wurde eher mit Aufmerksamkeit belohnt. Doch nur der Grieche Yorgos Lanthimos konnte in diesem seltsamen Wettbewerbsformat überzeugen: The Lobster, seine zwischen Lakonie und Melodramatik changierende Zukunftsparabel über Paarungszwang und Singledogmen, erhielt verdient den Preis der Jury.

Holocaust als Körperbild

Mit dem Debüt des Ungarn László Nemes gab es immerhin eine Arbeit in Konkurrenz, die kontrovers diskutiert wurde. Saul Fia (Son of Saul) folgt seinem Protagonisten Saul Ausländer, Teil des Sonderkommandos im Konzentrationslagers Auschwitz, auf Schritt und Tritt. Er hat ein moralisches Projekt: Er will einem Jungen zu einem Begräbnis verhelfen. Ein unmöglicher Plan an einem unmöglichen Ort, der Nemes jedoch einen Weg durchs Lager gewährt, zu Nischen und Todeszonen, die man so noch nicht zu sehen bekam. In Schärfe ist oft nur der Held – die immersive Erfahrung des Zuschauens bleibt jedoch auch eine grundsätzliche Unschärfe des Films. Der Überraschungseffekt, schrieb die Libération, wird dahinwelken, nur Kitsch übrigbleiben. Man wird das wohl noch überprüfen müssen. (Dominik Kamalzadeh, 25. 5. 2015)

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Die Preisträger

  • Goldene Palme: Dheepan von Jacques Audiard
  • Großer Preis der Jury: Saul Fia (Son of Saul) von László Nemes
  • Bester Regisseur: Hou Hsiao-hsien für Nie Yinniang (The Assassin)
  • Preis der Jury: The Lobster von Yorgos Lanthimos
  • Beste Schauspielerinnen: Rooney Mara in Carol und Emmanuelle Bercot in Mon Roi
  • Bester Schauspieler: Vincent Lindon in La Loi du marché (The Measure of a Man)
  • Bestes Drehbuch: Michel Franco für Chronic
  • Caméra d'or für bestes Debüt: La tierra y la sombra von César Augusto Acevedo
  • Preis Un Certain Regard: Hrútar von Grímur Hákonarson
  • Jury Preis (UCR): Zvizdan von Dalibor Matanic
  • Un Certain Regard Talent Preis: Comoara (Treasure) von Corneliu Porumboiu
  • Zieht den Hut vor der Goldenen Palme: Jacques Audiard mit seinen Darstellern aus "Dheepan".
    foto: reuters

    Zieht den Hut vor der Goldenen Palme: Jacques Audiard mit seinen Darstellern aus "Dheepan".

  • Emmanuelle Bercot wurde für ihre Rolle in "Mon Roi" ("Mein König") als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Den Preis teilt sie sich mit ...
    foto: ap photo/lionel cironneau

    Emmanuelle Bercot wurde für ihre Rolle in "Mon Roi" ("Mein König") als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Den Preis teilt sie sich mit ...

  • ... Rooney Mara, die den Preis für ihre Rolle in "Carol" verliehen bekam.
    foto: epa/guillaume horcajuelo

    ... Rooney Mara, die den Preis für ihre Rolle in "Carol" verliehen bekam.

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