Palmyra: Der Hass des IS auf kulturelle Vielfalt

Userartikel23. Mai 2015, 23:48
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Es geht um mehr als alte Steine. Mit der syrischen Oasenstadt verschwinden auch archäologische Zeugnisse einer kulturellen Identität jenseits eines starren Ost-West-Dualismus

Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs hat auch Palmyra, ehemals eines der beliebtesten Touristenziele des Landes, einige Schäden davon getragen. Mit dem Einmarsch der Truppen des "Islamischen Staats" (IS) droht der Oasenstadt zwischen Mittelmeer und Euphrat nun das gleiche Schicksal wie bereits den antiken Stätten in Hatra und Nimrud. Durch die gezielte Zerstörung des kulturellen Erbes sollen alle Zeugnisse der vorislamischen Geschichte des Landes ausgemerzt werden. Ein gewaltsam erzwungenes kulturelles Vergessen als Zeichen der Macht und als Demonstration der Deutungshoheit über die Geschichte.

Palmyras Geschichte reicht bis ins antike Mesopotamien zurück. Die Stadt erlangte ihre Blüte unter der legendären Königen Zenobia im dritten nachchristlichen Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Stadt bereits seit knapp dreihundert Jahren unter römischer Herrschaft und ihre strategisch günstige Lage an der Seidenstraße hatte ihr bereits zu nicht unwesentlichem Reichtum verholfen – einen Umstand, den wir bis heute an den monumentalen Bauten wie dem Baal-Tempel, dem Amphitheater und dem Tetrapylon sehen können.

Palmyra geht uns alle an

Unesco-Generalsekretärin Irina Bokova hat die internationale Staatengemeinschaft vor diesem Hintergrund mit besonderem Nachdruck zum Schutz des kulturellen Erbes aufgerufen. "Palmyra geht uns alle an" ist ein Diktum, das seit dem drohenden Einfall des IS rasant an medialer Aufmerksamkeit gewonnen hat. Einer der Gründungsgedanken der Unesco, nämlich, dass Kultur und der Schutz des kulturellen Erbes eine zentrale Rolle für die Identität und Stabilität einer Gesellschaft spielen, ist damit in den Fokus des öffentlichen Bewusstseins gerückt – und das, obwohl eine der herausragenden Besonderheiten Palmyras bisher wenig Beachtung gefunden hat.

Knotenpunkt zwischen Ost und West

Bereits vor beinahe 2000 Jahre beschrieb der römische Autor Plinius Palmyra als einen Knotenpunkt zwischen den großen Reichen des Ostens und des Westens, zwischen Parther-Reich und Römischem Imperium. Insbesondere die ausgedehnten Handelskontakte zu beiden Teilen der Welt ließen Palmyra zu einem Ort werden, an dem unterschiedlichste kulturelle Einflüsse aufeinanderprallten. Griechisch-römische Architektur traf auf lokale semitische Kulte, persische Einflüsse mischten sich mit ägyptischen, und im römischen Amphitheater hörte man neben Aramäisch und Griechisch vermutlich auch Arabisch, Hebräisch, ein wenig Latein und zahlreiche lokale Dialekte.

Ein Schmelztiegel der Kulturen

Palmyra war in vielerlei Hinsicht ein Schmelztiegel der Kulturen, der durch die mannigfaltigen Einflüsse ganz eigene Formen der Architektur und der Kunst hervorbrachte, aber auch eine besondere Art der kulturellen Identität entwickelte, in der es Raum für Vielfalt und Abweichungen, für Gruppenidentität und kollektive Identität gab.

Angriff auf kulturelle Vielfalt

Die Zerstörung Palmyras ist damit nicht nur die Zerstörung eines vorislamischen kulturellen Erbes. Sie ist auch ein gezielter Angriff auf genau diese kulturelle Vielfalt, die uns noch heute aus den archäologischen Zeugnissen entgegenblickt. Die Zerstörung Palmyras ist die Zerstörung eines sichtbaren Zeichens dafür, dass Identitätsbildung jenseits des Grabens zwischen Orient und Okzident historische Realität war – und noch immer sein kann. Dem Zeugnis einer Kultur, die die Einflüsse des Anderen zulässt, setzt der IS seine menschenverachtende Mentalität entgegen, in der Identität nur durch Feindbilder und die Vernichtung des Anderen geschaffen werden kann.

Wer sind wir? Wer sind die anderen?

Damit rückt die drohende Zerstörung antiker Ruinen in Syrien auch eine Frage in den Fokus, der Europa sich zurzeit zu stellen hat. Die Flüchtlingsthematik, die äußerst emotional und vielerorts mit einer gehörigen Portion Populismus debattiert wird, stellt uns nicht zuletzt vor genau diese Entscheidung: Wer sind wir? Wer sind die anderen? Und wie viel Anderes und Fremdes können "wir" aushalten, ohne unsere Identität auf Spiel zu setzen? Das antike Palmyra war sicherlich kein Utopia – aber es führt uns vor Augen, dass die vermeintlich scharfe Trennlinie zwischen dem Eigenen und dem Fremden auch auf eine ganz andere Art verhandelt werden kann. Und das ist mehr als schützenswert. (Annika Domainko, 23.5.2015)

Annika Domainko studierte Literaturwissenschaften, Klassische Philologie und Archäologie in Cambridge und Heidelberg. Derzeit promoviert sie über die Frage, wie antike Gesellschaften Erzählung und Geschichtsschreibung nutzten, um existenzielle Krisenerlebnisse handhabbar zu machen. Nebenbei arbeitet sie als Korrektorin und Lektorin. Twitter: @AnnikaDomainko

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  • Ein Foto aus dem Jahr 2007: Touristen in der historischen Stadt Palmyra in Syrien.
    foto: reuters/nour fourat

    Ein Foto aus dem Jahr 2007: Touristen in der historischen Stadt Palmyra in Syrien.

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