Kunst und Architektur: So glorios wie ruinös

22. Mai 2015, 18:24
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In der Wiener Galerie Martin Janda bedienen sich fünf Künstler und Künstlerinnen architektonischer Referenzen. Unangetastet bleibt das Erbe der Moderne dabei freilich nicht

Das Spiegelbild ist langgezogen, der Blick auf die Umwelt ziemlich verzerrt: Mirror Ring heißt das raumgreifende zylindrische Objekt, das im Raum der Wiener Galerie Martin Janda zu schweben scheint. Andreas Fogarasi referiert damit auf das Formenvokabular der Moderne. Zugleich macht er keinen Hehl dar aus, dass die scheinbare Leichtigkeit des Objektes ganze vier Stahlseile zur Sicherung benötigt.

In der Arbeit hat Fogarasi den Widersprüchen der Moderne entsprechend aber noch weitere Gegensätze verknüpft: Neben "leicht und schwer" oder "innen und außen" treffen auch "sicht- und unsichtbar" aufeinander, da die Spiegelfolie das Objekt optisch regelrecht verschwinden lässt. Trotz der minimalistischen Coolness fühlt man sich an den Charme eines Spiegelkabinetts erinnert.

Auch Adrien Tirtiaux hat seine Installation spielerisch aufgebaut: Grundsätzlich kehren in seiner Arbeit räumliche Eingriffe in Kunstinstitutionen wieder, für die die Funktion und Bedeutung von Rampen wesentlich ist. Abgeschaut hat er sich diese u. a. vom russischen Künstler Wladimir Tatlin, der mit der spiralförmigen Konstruktion für sein Monument der Dritten Internationale (1919) die Dynamik der Revolution darstellen wollte.

Die skulpturalen Qualitäten des urbanen Gefüges

Während der Tatlin-Turm freilich hoch in den Himmel strebt, hat Tirtiaux einen Revolution Tower (2014) geschaffen, der durch das Ineinanderstecken verschieden großer Module entsteht. Mit dieser Referenz auf die Babuschka-Puppen unterläuft der Künstler den großen revolutionären Gestus. Und in der Tat hat er die einzelnen Teile bislang eher für völlig unheroische Zwecke, etwa für die Form einer Bar benutzt.

In der Auseinandersetzung mit der Schnittstelle Kunst und Architektur hat Werner Feiersinger die Spannung zwischen dem autonomen Objekt und seiner funktionalen Verwendung ins Zentrum gerückt: Zu sehen ist zum einen eine schön sperrige, aber funktionslose Leiterplastik und zum anderen eine Fotoserie, die in Chandigarh entstand.

In den 1950er-Jahren nach Plänen von Le Corbusier errichtet, gilt die Hauptstadt des indischen Bundestaats Punjab als Ikone modernen Städtebaus. Dennoch hat Feiersinger seinen bildhauerischen Blick auch dort weniger auf die funktionalen (oder auch nicht mehr funktionierenden) Seiten der Architektur gerichtet als auf die skulpturalen Qualitäten des urbanen Gefüges: Immer wieder sind auf seinen auf Details fokussierenden Fotos Gitterstrukturen zu sehen, aber auch jene für die Moderne typischen satten Farben und runden Formen.

Bauhaus, bröckelnd

In der sehenswerten Ausstellung Sector 17 liefert der israelische Künstler Sharon Ya’ari eine sehr schöne Ergänzung, denn er präsentiert einen weit abgebrühteren Zugang zu diesem Sujet. Ausgangspunkt von Ya’aris Fotoserie war das Umfeld seines Hauses in Tel Aviv, von wo aus er die Stadt in einem Umkreis von 500 Metern nach Bauhaus-Architektur durchforstet hat. Anstelle skulpturaler Elemente – wie bei Feiersinger – zeigen seine Schwarz-Weiß-Fotos allerdings die her untergekommenen Hinterhöfe der Gebäude, die aus dieser Perspektive plötzlich jegliches Pathos verlieren.

Die Erkenntniskraft eines solchen Perspektivenwechsels haben auch Anna Artaker und Meike S. Gleim für sich genutzt. Gerade erst ist ihre Schau Atlas von Arkadien in der Akademie der bildenden Künste zu Ende gegangen; dort war das Passagen-Werk von Walter Benjamin (1892–1940) Vorbild für ihre bildbetonte Auseinandersetzung mit urbanen und technologischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts.

Nun wird die zu diesem Komplex gehörende Serie Pendants präsentiert; sie besteht aus Bildpaaren von strukturell ähnlichen (Bau-)Formen: etwa ein visionärer Entwurf für eine Kugelarchitektur von Claude-Nicolas Ledoux von 1784, den man später in Form ei ner Radarüberwachungsanlage realisierte, oder aber auch die künst liche Inselgruppe vor Dubai, die Teile der barocken Gartenanlage von Versailles zu zitieren scheint. (Christa Benzer, 22. 5. 2015)

Bis 31.5., Galerie Martin Janda
Eschenbachgasse 11, 1010 Wien

  • Einblick in die Ausstellung Sector 17 mit Arbeiten von Werner Feiersinger und Adrien Tirtiaux (hinten).
    foto: markus woergoetter

    Einblick in die Ausstellung Sector 17 mit Arbeiten von Werner Feiersinger und Adrien Tirtiaux (hinten).

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