Nazi-Spion: Jagd auf "Klatt" im Auftrag Stalins

24. Mai 2015, 14:00
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Während des Krieges war der Österreicher Richard Kauder einer der wichtigsten Spione im Dienste der Nazis, nach 1945 geriet er ins Visier des sowjetischen Geheimdiensts

Am Abend des 24. Januar 1946 drangen drei Männer, von denen einer die Mütze eines US-Militärpolizisten trug und mit einer Maschinenpistole bewaffnet war, in eine Wohnung in der Nußdorferstraße 24 in Salzburg ein. Dort wurden sie von drei amerikanischen Geheimdienstoffizieren erwartet und entwaffnet. Bei den anderen Festgenommenen handelte es sich um zwei in Zivil gekleidete sowjetische Gefreite und zwei österreichische Kommunisten. Sie wurden in Salzburger Gefängnissen inhaftiert und vernommen, danach auf Weisung von General Mark W. Clark, dem Befehlshaber der US-Streitkräfte in Österreich in Linz-Urfahr in die sowjetische Besatzungszone abgeschoben.

General Clark nahm den Vorfall zum Anlass für ein deftiges Beschwerdeschreiben an sein sowjetisches Gegenüber, Marschall Ivan S. Koniev. In die Akten des US-Geheimdienstes fanden die Ereignisse Eingang als "Shanghai-Zwischenfall": Die Sowjets hatten Richard Kauder, den Inhaber der Wohnung in der Nußdorferstraße 24, entführen wollen, der als Agent "Saber" für den US-Geheimdienst in Salzburg tätig war, während des Zweiten Weltkrieges aber als V-Mann der Abwehrstelle Wien mit dem Decknamen "Klatt" der deutschen Heeresführung die mit Abstand wichtigsten Informationen aus dem Hinterland der sowjetischen Front geliefert hatte.

Illegale Geschäfte mit Devisen

Der Immobilienmakler Richard Kauder galt nach dem Anschluss Österreichs nach den NS-Gesetzen als Volljude, weil sein Vater, ein jüdischer Militärarzt, mit Ehefrau und fünfjährigem Sohn Richard erst 1905 zum Katholizismus übergetreten war. Aus Ungarn, wohin er im Sommer 1938 geflohen war, wurde Kauder wegen illegaler Geschäfte mit Devisen und Ausweispapieren im Februar 1940 ins Reich abgeschoben und von der Wiener Gestapo in Haft genommen.

Aus dieser befreite ihn Oberst Rudolf von Marogna-Redwitz, der aus Bayern stammende Leiter der Abwehrstelle Wien, der dortigen Niederlassung des Nachrichtendienstes der deutschen Wehrmacht, der mit Kauders verstorbenem Vater aus dem Ersten Weltkrieg bekannt gewesen war.

Da Marogna-Redwitz ihn und seine Mutter nur so weiter schützen konnte, trat Kauder als V-Mann mit dem Decknamen "Klatt" in die Dienste der Abwehrstelle Wien. Für diese baute er ab Herbst 1940 in Sofia den "Luftmeldekopf Südost" auf, von dem ab Herbst 1941 eine immer größere Zahl von Meldungen über sowjetische Flugplätze und Truppenbewegungen, aber auch über strategische Beschlüsse des sowjetischen Generalstabs nach Wien gefunkt wurde.

Kriegswichtige Spionage

Die Informationen stammten von Longin Ira, einem russischen Emigranten, den Kauder im Budapester Stadtgefängnis kennengelernt hatte. Der ehemalige Kornett der zaristischen und der "weißen" Bürgerkriegsarmee gehörte der radikal antisowjetischen Exil-Organisation des Generals Anton Turkul an, die behauptete, über ein ausgedehntes Agentennetz in der Sowjetunion zu verfügen. Die von "Klatt" gefunkten Nachrichten genossen bald als "Max"-Meldungen einen legendären Ruf und galten den Feindlageabteilungen der Generalstäbe von Luftwaffe und Heer als "kriegswichtig". Wie abhängig Oberst Reinhard Gehlen, der Chef der Abteilung "Fremde Heere Ost" und spätere Präsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes, von den "Max"-Meldungen war, zeigte sich, als Hitler im Sommer 1943 die Entlassung aller jüdischen V-Leute durchsetzte und für einige Wochen "Klatts" Funksprüche ausblieben. Gehlen und Marogna-Redwitz teilten Kauder daraufhin formal dem ungarischen Armeegeheimdienst als V-Mann "Karmany" zu, der fortan seine Nachrichten aus Budapest nach Wien funkte.

Schon seit dem Herbst 1941 hatten die britischen Geheimdienste "Klatts" Funksprüche mit den "Max"-Meldungen auffangen und entschlüsseln können. Nach ausführlicheren Berichten seiner in den britischen Geheimdiensten arbeitenden "Maulwürfe" Kim Philby, Anthony Blunt und John Cairncross konnte schließlich auch der sowjetische Geheimdienst die "Max"-Meldungen entschlüsseln. Um ihre Top-Spione nicht der Gefahr der Enttarnung auszusetzen, stand bei der sowjetischen Spionageabwehr Smersh ("Tod den Spionen") die Liquidierung des vermeintlichen Agenten "Max" und seiner Hintermänner ganz oben auf der Agenda.

Rätselhafte Meldungen

Kurz nach dem gescheiterten Entführungsversuch in Salzburg brachte die Gegenspionageein- heit des US-Geheimdienstes ihren Agenten "Saber" und dessen Verlobte Ibolya Kálmán in das US-Vernehmungszentrum "Camp King" im deutschen Oberursel in Sicherheit. Dort durfte Kauder unter US-Aufsicht auch von zwei Mitarbeitern des britischen Inlandsgeheimdienstes MI 5 vernommen werden, dem Oxforder Philosophie-Professor Gilbert Ryle und Jonah "Klop" Ustinov, dem Vater des Schauspielers Peter Ustinov.

Aber auch sie kamen der Lösung des Rätsels der Quellen der "Max" -Meldungen nicht näher. Als die Amerikaner nach dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozess keine Rechtsgrundlage mehr für eine weitere Internierung Richard Kauders sahen, wurde dieser Anfang März 1947 aus "Camp King" entlassen und unter US-Bewachung nach Salzburg zurückgebracht.

Inzwischen hatten die diplomatischen Querelen nach dem "Shanghai-Zwischenfall" die Aufmerksamkeit des Sowjetdiktators Stalin geweckt, der von seinem Geheimdienst bis zum Juli 1947 einen ausführlichen Bericht über "Klatt" und dessen "Max"-Meldungen anforderte. Um darin die Schließung der empfindlichen Sicherheitslücke melden zu können, startete der Sowjetheimdienst im Sommer 1947 einen weiteren Versuch zur Entführung Kauders. Als Entführer wurden diesmal aber nicht Sowjetmilitärs eingesetzt, sondern sechs Beamte der von dem Kommunisten und Auschwitz-Häftling Heinrich Dürmayer geleiteten österreichischen Staatspolizei, die nicht nur nach untergetauchten NS-Verbrechern fahndete, sondern in sowjetischem Auftrag auch in allen Besatzungszonen willkürliche Verhaftungen vornahm. Auch dieser Entführungsversuch scheiterte, weil sich Kauder in einem Kleiderschrank versteckt hatte und seine Lebensgefährtin die örtliche Niederlassung des Counter-Intelligence Corps (CIC) der US-Armee informieren konnte. Der Vorgang trug aber zur endgültigen Entmachtung der österreichischen Staatspolizei bei, die bis zum Herbst 1947 ihre Personalstärke auf die Hälfte reduzieren musste und deren Chef Dürmayer im September 1947 abgesetzt und zwangspensioniert wurde.

Doppelagent "Mr. Penny"

Im Herbst 1948 startete der Sowjetgeheimdienst einen neuen Anlauf und rekrutierte im Bundesgefängnis Stein den ehemaligen Gestapo- und SD-Funktionär Otto Begus als Agenten. Der nahm nach seiner Haftentlassung zunächst Kontakt zur Salzburger CIC-Niederlassung auf und ließ sich von dieser als Doppelagent unter dem Decknamen "Mr. Penny" anwerben und honorieren. Ab dem Frühjahr 1949 berichtete er dem CIC über seine Wiener Treffen mit einem Sowjetmajor, der sich "Victor" nannte und den die Amerikaner als Oberstleutnant Victor Karandashov identifizierten, den für Entführungen zuständigen Offizier des sowjetischen Geheimdienstes in Österreich.

"Victor" nannte Begus als sein wichtigstes Erkundungsziel das "Klatt-Büro" und beauftragte ihn, Kauder auszukundschaften und ihn in eine Falle zu locken. Die Entführung sollte dann die "Benno-Blum-Gang" übernehmen, eine Bande von Zigarettenschmugglern, denen der sowjetische Geheimdienst als Gegenleistung für Entführungen aus den westlichen Besatzungszonen Österreichs freie Hand an der österreichisch-ungarischen Grenze ließ.

Schon im Herbst 1949 fand die "Operation Mr. Penny" aber ein jähes Ende, als die Salzburger CIC-Niederlassung feststellte, dass Begus-Meldungen solchen aufs Haar glichen, die der amerikanische vom britischen Geheimdienst erhielt. Es stellte sich heraus, dass der nach wie vor überzeugte Nationalsozialist Begus und sein Trio sich als Doppelagenten auch von den Briten hatten anwerben und bezahlen lassen.

Ende der "Benno-Blum-Gang"

Sie wurden in einem CIC-Gefängnis inhaftiert, aus dem sie aber im Januar 1950 ausbrechen konnten. Einer von ihnen stürzte sich in den Tod, nachdem ihn US-Agenten in Salzburg aufgespürt hatten, zwei weitere setzten sich nach Deutschland und Begus selbst nach Innsbruck in die französische Besatzungszone Österreichs ab. Um die gleiche Zeit zerschlug das CIC in einer großangelegten Operation "Counter-Snatch" die "Benno-Blum-Gang", deren Anführer aber erst am 2. April 1950 aufgespürt und bei einem Feuergefecht getötet wurde.

Danach verlor der Sowjetgeheimdienst das Interesse an Richard Kauder, der sich als ehemaliger Großagent im Gespräch zu halten suchte. Nachdem er seine letzten Lebensjahre hoch verschuldet und schließlich entmündigt in einer Heil- und Pflegeanstalt verbracht hatte, starb der ehemals legendäre Agent "Klatt" am 15. Juli 1960 in Salzburg. Er wurde in einem Armengrab beigesetzt. (Winfried Meyer, 24.5.2015)


Winfried Meyer ist Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und Verfasser von "Klatt. Hitlers jüdischer Meisteragent gegen Stalin: Überlebenskunst in Holocaust und Geheimdienstkrieg", Berlin: Metropol-Verlag 2015

  • Ab 1940 war Richard Kauder, hier mit seiner Geliebten Ibolya Kálmán, in Sofia stationiert, um die deutsche Abwehr mit Berichten aus der Sowjetunion zu versorgen.
    foto: dr. edith schneider-sturm

    Ab 1940 war Richard Kauder, hier mit seiner Geliebten Ibolya Kálmán, in Sofia stationiert, um die deutsche Abwehr mit Berichten aus der Sowjetunion zu versorgen.

  • Nach 1945 versuchten die Sowjets, auf Geheiß Stalins "Klatt" und seine Komplizen zu entführen.
    foto: mary evans picture library

    Nach 1945 versuchten die Sowjets, auf Geheiß Stalins "Klatt" und seine Komplizen zu entführen.

  • Die Smersh-Akte von Klatt-Mitarbeiterin Valentina Deutsch.
    foto: zentralarchiv des fsb, moskau

    Die Smersh-Akte von Klatt-Mitarbeiterin Valentina Deutsch.

  • Die Sowjets bedienten sich der Benno-Blum-Gang sowie deren Chevrolets.
    foto: national archives, college park, md

    Die Sowjets bedienten sich der Benno-Blum-Gang sowie deren Chevrolets.

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