Richard Nonas: Minimale Materienwandler

22. Mai 2015, 18:24
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Arbeiten des US-amerikanischen Künstlers in der Galerie Hubert Winter in Wien

"Du Idiot, das nennt man Kunst", wurde Richard Nonas 1976 von einem Freund beschimpft, als er diesem zwei aus dem Park mitgebrachte Holzstücke zeigte. Der junge New Yorker Anthropologe Nonas hatte sie dort beim Spazierengehen aufgelesen und aneinandergefügt, als er plötzlich die Eingebung hatte, man könne "abstrakte Gefühle direkt mit Objekten kommunizieren, anstatt indirekt mit Wörtern." Der Gedanke an Kunst sei ihm beim Arrangieren allerdings nie in den Sinn gekommen, so der heute der Minimal Art zugerechnete Nonas 2013 in einem Interview.

Dass er von der Anthropologie herkomme – der 1936 Geborene erforschte zehn Jahre lang das Leben Indigener –, sei für sein Denken wesentlich, betont Nonas immer wieder. Um Erfahrungen jenseits einer Erzählung und um das Erleben von Raum geht es ihm im Wesentlichen. Die Analyse war stets nachrangig, untergeordnet.

Es sind weniger die minimalistischen Objekte seiner skulpturalen Environments, die ihn interessieren, sondern vielmehr deren Potenzial, den Betrachter gerade so viel zu irritieren, dass ein unbehagliches Gefühl entsteht, das wiederum genügt, um "die Welt mit anderen Augen zu betrachten." Nonas verwies dazu jüngst in Wien auf Emily Dickinson, die Poesie als "making strange" umschrieben hatte. "Im Prozess des Überdenkens der Welt verändert sich alles", ist er überzeugt.

Dieses schöne Prinzip der sanften Unruhe bestimmt auch sein aktuelles Solo in der Galerie Hubert Winter. Um minimale Abweichung von vertrauten Formen (Quadrate, Rechtecke) und Winkeln geht es in den Zeichnungen. Auf diesen sorgt gespachteltes Kolorit für reizvolle Oberflächen; ihr Papier kann sich – ohne Rahmenglas – aufblähen, wellen, körperlich werden. Die Blätter flankieren vier Objektanordnungen auf dem Boden, in denen sich eine schöne Verkehrung anbahnt:

Die Materialität der Stahlblöcke scheint sich durch die rostige Patina regelrecht in organisches Material zu verwandeln, sich dem Holz des Parketts anzuschmeicheln. Das Schwarz der Zeichnung erhält hingegen im Spiel mit dem Licht fast metallenen Charakter. Es sind die Ambiguitäten, die ihn interessieren, sagt Nonas: "Objekte und Ideen, die weder das eine noch das andere sind, Dinge, die zu etwas anderem werden." (Anne Katrin Feßler, 22. 5. 2015)

Bis 6.6., Galerie Hubert Winter
Breite Gasse 17, 1070 Wien

  • Schöne Verkehrungen: Stahlblöcke,  die die Anmutung  von Holz annehmen, und Papiere,  deren Oberflächen  an Metall erinnern.  Blick in die Richard-Nonas-Schau bei  Hubert Winter.
    foto: woessner

    Schöne Verkehrungen: Stahlblöcke, die die Anmutung von Holz annehmen, und Papiere, deren Oberflächen an Metall erinnern. Blick in die Richard-Nonas-Schau bei Hubert Winter.

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    foto: galerie hubert winter
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