Anna Fenninger und das The-winner-takes-it-all-Prinzip

Kommentar der anderen22. Mai 2015, 17:22
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Im massen- und medientauglichen Leistungssport geht es schon lange ums Geld, das in höchst intransparenten Machtkonstellationen erwirtschaftet wird. Die Kontroverse zwischen Österreichs Skistar und dem Skiverband ist daher vor allem ein Abbild der Realität

Sport, das sind echte Emotionen ohne echte Konsequenzen. Konsumierbar von jedem, auch mit fehlender Zentralmatura, bietet er in erster Linie Ablenkung von den Mühseligkeiten des mitunter nicht immer seitenblickeaffinen eigenen Alltags. Programmtechnisch und von der Ernsthaftigkeit zwischen Wetterbericht, Werbeblöcken und Talkshows angesiedelt, bespielt er eine vernachlässigbare Nebenbühne scheinbar ohne harte Auswirkungen auf das wirkliche Leben.

Auch das emotionale "Duell" Fenninger gegen den ÖSV lässt sich in dieser Logik lesen. Die sportpatriotische Superkeule, gebündelt im Wort Nationenwechsel, wird dazu geschwungen; als ob wir nicht schon Marc Girardelli und den Serbien-Abstecher Andi Goldbergers gut überstanden hätten.

Unbeeindruckt von all diesem Getöse könnte der Konflikt Fenninger/ ÖSV ein Anlass sein, ein paar grundsätzliche Fragen zur Verfasstheit des aktuellen Sportgeschehens zu diskutieren.

Blickt man hinter die mythenbefrachteten Sporterzählungen auf der Hauptbühne, so zeigt sich, worum es im massentauglichen Mediensport schon lange geht, und in erster Linie geht es nämlich ums ganz große Geld. Dieser Befund ist wenig überraschend und schon gar nicht originell. Doch will man genauer wissen, von wem dieses nach welchen Regeln wie verteilt wird, stößt man rasch an die Grenzen der Transparenz.

Kryptisch konterte etwa der allseits geachtete ÖSV-Präsident seinerzeit die Frage eines Reporters, ob es nicht obszön sei, was ein Hermann Maier oder andere Spitzenathleten verdienten. Es stehe jedem zu, meinte er damals, sogar mehr zu verdienen. Er bräuchte dazu lediglich ein wenig schneller Ski zu fahren als Maier. Die Frage, ob die erbrachte Leistung und das erhaltene Geld, etwa im Sinne von Gerechtigkeit, auch in Relation stünden, war damit jedoch nicht beantwortet. Genauso wenig wie die so gut wie nie debattierte Frage nach der Höhe der Einnahmen der heimischen Spitzenathleten oder gar die Frage nach deren Steuerleistungen - von der Frage der öffentlichen Finanzierung ganz zu schweigen.

Logik des Kapitalismus

Sport ist das Produkt eines über zweihundertjährigen Modernisierungsprozesses und funktioniert weitgehend nach den Produktions- und Konsumlogiken der kapitalistischen Gesellschaft. Noch nie war so viel Geld im Sport involviert wie heute. Nur wenige Spezialisten wissen, wie sich diese Summen auf die jeweiligen Akteure verteilen, unter welchen Machtkonstellationen die Verträge von Sportlerinnen und deren Vermittlern, Managern oder Firmen zustande kommen.

In den USA ist der Sport, wenn man all seine Leistungen und Produkte einrechnet, der viertgrößte Wirtschaftssektor, noch vor der chemischen Industrie. Global operierende Konzerne und nicht nur solche aus der eigentlichen Sportartikelbranche transformieren das gewaltige symbolische Kapital des Sports in das eigene reale Kapital.

Auf der anderen Seite dominieren im Sportgeschehen aber vielerorts noch immer - durchaus sehr mächtige - sogenannte ehrenamtliche Funktionäre. Diese agieren innerhalb struktureller Rahmenbedingungen, die noch im 19. Jahrhundert entstanden sind. Sport war damals, wie etwa bei Pierre de Coubertin nachzulesen ist, eine nahezu religiöse, zweckfreie, keinesfalls jedoch auf irgendeine Form von materiellem Gewinn orientierte Übung.

Juridische Graubereiche

Eine Anpassung an die modernen ökonomischen Rahmenbedingungen wurde, was Rechtssicherheit, Transparenz und Kontrolle betrifft, nicht mitvollzogen. Es existiert daher jede Menge juridischer Graubereiche. Präzise Analysen der tatsächlichen Zusammenhänge, Strukturen, Akteure oder Geldflüsse findet man selten.

Zu denken ist dabei auf der nationalen Ebene etwa an die kaum geführte Debatte um die umstrittene öffentliche Finanzierung der Ski-WM in Schladming oder an die zweifelhafte Rentabilität des Wörthersee-Stadions. International regen bewiesene oder angebliche Bestechungsfälle des Weltfußballverbandes (Fifa) oder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) kurz auf, verschwinden aber ebenso rasch wieder in den intransparenten Bürokratien, der als gemeinnützige Vereine nach Schweizer Recht geführten Sportgroßunternehmen.

Spätestens an dieser Stelle sollten wir realisieren, dass die Fenninger-ÖSV-Kontoverse mehr als nur eine weitere skandalträchtige Skipromigeschichte aus der Endlosschleife der Sportunterhaltungsbranche, sondern Teil des wirklichen Lebens ist. (Rudolf Müllner, 22.5.2015)

Rudolf Müllner ist Sporthistoriker am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien.

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