Videoüberwachung soll Kamera-Geschäft kompensieren

24. Mai 2015, 15:00
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Canon-Europa-Chef Rokus van Iperen geht davon aus, dass "Sicherheit den Leuten heute viel wert" ist

Zücken Smartphonenutzer ihre Geräte zum Fotografieren, ruft das beim weltgrößten Kamerahersteller Canon kein Lächeln hervor. Der Markt für digitale Kompaktkameras schrumpft wie ein löchriger Luftballon. Im ersten Quartal brach der Nettogewinn des japanischen Konzerns um knapp 29 Prozent ein. "75 Prozent aller Mobiltelefone werden heute als Kameras benutzt, das hat ganz klar einen Einfluss auf unser Geschäft", stellt Rokus van Iperen, Canon-Europachef, nüchtern im Gespräch mit dem Standard fest. Das Unternehmen verstärke daher seine Anstrengungen, in Wachstum versprechende Bereiche wie Videoüberwachung oder 3-D-Drucker zu investieren.

So hat der Konzern im Vorjahr das dänische Startup Milestones gekauft, das sich auf die Entwicklung von Videomanagementsoftware spezialisiert hat. Details zu dem Deals wurden nicht bekannt gegeben, die Onlineplattform arcticstartup.com schätzt, dass sie Canon bis zu 150 Mio. Euro Wert war.

Der Markt für Videoüberwachungssysteme wachse 20 bis 30 Prozent jährlich, unterstreicht van Iperen dessen Potenzial. Wie dringlich es dem japanischen Konzern ist, in diesem Segment möglichst schnell Fuß zu fassen, zeigt die Mehrheitsübernahme des schwedischen Netzwerkkameraexperten Axis für 2,5 Milliarden Euro in bar. Allerdings: Der Hedgefonds Elliot Management, der mehr als zehn Prozent hält, verhindert bisher eine Komplettübernahme. Den Angaben nach hält Canon derzeit rund 84 Prozent an dem Unternehmen.

Sicherheit versus Privatheit

"Sicherheit ist den Leuten heute viel wert", meint van Iperen, und denkt dabei an Gebäude- und Einbruchschutz, Sicherheit in Tunnels, Beobachtung industrieller Fertigung. "Natürlich existiert dabei auch der Nachteil, dass keine 100prozentige Privatheit mehr besteht", gibt er zu. Die Bedenken dazu seien von Land zu Land sehr unterschiedlich. In London, wo er arbeitet und lebt, habe keiner ein Problem mit der Videoüberwachung.

Hoffnung setzt Canon auch in die Entwicklung neuer Technologien für den 3-D-Druck. Die Möglichkeiten hier seien vielversprechend. Noch gäbe es Materialgrenzen, an deren Überwindung intensiv geforscht würde. Erste praktische Beispiele könne man auch hierzulande vorweisen: Die junge Grazer Firma Layerlab habe mit Canon vor kurzem den bisher weltweit größten mobilen 3D-Scanner entwickelt. 64 Spiegelreflexkameras fertigen in Sekunden einen Bodyscan an, er als Basis für dreidimensionale Objekte dient.

Fest steht für den Holländer van Iperen, der 2012 als erster Europäer für die Leitung der Konzern-Geschäfte in der Region bestellt wurde, dass Canon dennoch weiter die Rolle des führenden Kameraherstellers spielen werde. Zum einen wachse der Markt für hochwertige Spiegelreflex- und spiegellose Systemkameras nach wie vor. Zum anderen habe eine weltweite Umfrage unter 12.000 Smartphoneknipsern gezeigt, dass 35 Prozent davon Interesse an höherwertiger Fotografie zeigten, ohne gleich in die Welt der Spiegelreflexkameras einsteigen zu wollen. Um sie zu gewinnen, arbeite Canon an anwenderfreundlichen Geräten, die noch mehr "Connectivity" böten, mit denen also via Internet direkt digitale Speicherdienste oder Printservices genutzt werden können. (Karin Tzschentke, 24.5.2015)

  • Videoüberwachung ist nicht nur ein Thema auf öffentlichen Plätzen.
    foto: ap/hiekel

    Videoüberwachung ist nicht nur ein Thema auf öffentlichen Plätzen.

  • Gebäude- und Einbruchschutz, Sicherheit in Tunnels, Beobachtung industrieller Fertigung: Canon-Europa-Chef  Rokus van Iperen ortet noch ein weites Feld.
    foto: canon

    Gebäude- und Einbruchschutz, Sicherheit in Tunnels, Beobachtung industrieller Fertigung: Canon-Europa-Chef Rokus van Iperen ortet noch ein weites Feld.

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