"The Witcher 3" im Test: Familiendrama eines Auftragskillers

25. Mai 2015, 10:00
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CD Projekts Reds Rollenspiel ist das krönende Finale eines ganz besonderen Fantasie-Epos

Abenteurer trauen sich, abseits des Weges zu gehen. Wen den Neugier packt, lässt nicht mehr ab von seinem Wunsch, etwas zu entdecken. Bei "The Witcher 3: Wild Hunt" kann dieses Draufgängertum mit atemberaubenden Aussichten auf Gebirgslandschaften oder einem amüsanten Gespräch mit einem Landstreicher belohnt werden. Wer sich noch ein Stück weiter ins Ungewisse vorwagt, stößt vielleicht sogar auf den Eingang einer Höhle und die Dämonen, die darin hausen. Und es kann auch passieren, dass man zwischen wehenden Nadelbäumen träumend, von einer gigantischen Kreuzung aus Igel und Elefant überrannt wird.

Das Finale von CD Projekt Reds Rollenspieltrilogie ist ein Honigtopf für Entdecker und Gamestouristen, der Besuchern eine Welt voller Wunder offenbart. Ein seltener Genreschatz, der aber auch weniger wagemutige Freunde spannender Geschichten in seinen Bann zieht. Sofern man gewillt ist, über so manche Stolpersteine hinwegzusehen.

Family Affairs

Der rote Faden, der durch diese geselligen Städte, tyrannisierte Dörfer, düsteren Wälder, eiskalten Berge und stinkenden Sümpfe führt, windet sich zur erfrischenden Abwechslung ausnahmsweise nicht um eine "Rette die Menschheit"-Geschichte. Protagonist Geralt ist ein überaus eigensinniger Auftragsmonsterjäger, der zwischen mittelalterlichem Leid, Krieg und Dekadenz sein persönliches Glück sucht und sich dafür auf die Suche nach zwei Frauen und so etwas wie Familie macht - seiner Liebe Yennefer und seiner Ziehtochter Ciri. In diesem Kontrast spiegelt sich die geballte Menschlichkeit dieser Fiktion wieder, die keine schwarzweißen Bilder von Gut und Böse fabriziert, sondern Charaktere mit Motiven und Fehlern zeichnet.

Als Hexer jagt man Bestien, um Geld zu verdienen, manipuliert mit seinen Zauberkräften Schurken, um an Informationen zu gelangen und entschließt sich, unterdrückten Bürgern zu helfen, nur um dann ein ums andere Mal festzustellen, dass es nicht immer etwas zu gewinnen gibt. Anders als in vielen Rollenspielen, stellen die Autoren nicht zur Wahl, wen man spielt, sondern lediglich wie die Handlung weitergeht und schaffen mit dem Fokus auf eine Person Identifikationsmöglichkeiten, wie sie für eine mitreißende Geschichte notwendig sind. Auf den Schultern lastet dabei selten mehr als das Überleben eines Einzelnen, dessen Bedeutung dafür umso schwerer wiegt.

the witcher
bild: the witcher 3

Ereignisse zum Mitfiebern

"The Witcher 3" ähnelt, so kurios es klingen mag, damit konzeptuell einem modernen Epos wie "Grand Theft Auto 5" stärker als einem thematisch naheliegenden "Skyrim", wenngleich man nicht mit Auto und Pistole, sondern mit Schwertern und Zaubertränken hoch zu Ross durch die Landschaft zieht. Ob man strikt der Handlung folgt (die übrigens auch für absolute Serienneulinge verständlich aufbereitet wird), oder sich auf Missionen abseits dessen bewegt, Geralts Persönlichkeit ist eng verwoben mit dessen Umwelt. Selten wirken Aufträge und Zwiste beliebig und werden, wie zu Beginn die Erlegung eines terrorisierenden Greifvogels oder die Aufspürung verschollener Verwandter eines Herrschers, in kleinere zusammenhängende Aufgaben aufgespalten.

Der Haupthandlungsstrang und die dutzende weitere Stunden okkupierenden Nebenschauplätze sind nicht immer von bedeutungsvollen Aufträgen gezeichnet und oft genug schimmert die Quid-Pro-Quo-Schablone durch, doch wird man mit Aufgabenvielfalt bei der Stange gehalten. Man nutzt seine übersinnlichen Fähigkeiten, um Tatorte zu analysieren und Hergänge zu rekonstruieren, besorgt seltene Kräuter für heilende oder tödliche Öle, stellt Fallen und lockt ein anderes Mal eine Ziege aus dem Wald und bereitet sich auf einen Showdown mit einer Bestie vor. Wie man an diese Herausforderungen herangeht, ist einem oftmals freigestellt, wodurch offensivere wie zurückhaltendere Spielstile gleichermaßen belohnt werden. Anstatt Rückblenden vorüberstreichen zu lassen, schlüpft man zumindest in die Schuhe von Ciri selbst und erlebt auf diese Weise andere Perspektiven kennen.

Der Übergang aus Erzählung und Spiel klappt nicht immer reibungslos, was allfälligen technischen Ungereimtheiten genauso geschuldet ist wie Pacing-Schwächen. Zu viele aneinander gereihte Zwischensequenzen nehmen hie und da Schwung aus dem Epos und scheitert man bei großen Kämpfen, ärgert man sich über ungeschickt gesetzte Rücksetzpunkte - manuelles Speichern sei deshalb wärmstens empfohlen!

Emanzipierte Geschichte

Unterschätzen sollte man aber selbst passivere Momente nicht. Die anspruchsvoll geschriebenen und emotional geführten Dialoge fordern einen, mitzudenken und keine willkürlichen Antworten zu geben. Worte können stärker als Stahl sein und eine Schmeichelei oder eine Runde Schnaps einen womöglich tödlichen Streit verhindern. Und selbst vor Stunden getroffene Entscheidungen können sich gegen Ende hin gravierend auf Bündnisse und persönliche Schicksale auswirken.

Das Schöne und Gemeine daran ist, dass man sich dann bei seinem individuellen Finale nur bei sich selbst bedanken oder beschweren kann. Geradezu emanzipiert ist der ungekünstelte Umgang mit Emotionen. Humor, Sexualität und Gewalt sind Teil der Aufführung, nicht Kuriositäten im Rampenlicht. Rassismus, Prostitution, Ausbeutung tauchen diese Fiktion in eine Dunkelheit, wie sie abgetrennte Gliedmaßen und spritzendes Pixelblut allein nicht könnten. Geralts zur Schau gestellte Maskulinität wird eine Weiblichkeit entgegengesetzt, die über attraktive Nebenrollen hinausgeht und Frauen portraitiert, die sich nicht unterordnen lassen. Sex, Witz, Hinterfotzigkeit und viel Feingefühl lassen immer wieder "Game of Thrones"-Flair aufblitzen.

bild: the witcher 3
bild: the witcher 3

Schlagkraft für jedermann

Kommt es zum Eingemachten, ist man nicht minder schlagkräftig. Mit zwei Klingen für Menschen und Monster weiß der Hexer sich durch Fleisch und Rüstungen zu säbeln. Zeitgerechte Abwehrreaktionen ermöglichen Kontertreffer und Feuerattacken bringen selbst hartnäckige Widersacher ins Schwitzen. Wie sehr Magie Gefechte bestimmt, steht einem offen und entscheidet sich langfristig dadurch, wie man seine gewonnen Erfahrungspunkte investiert. Allein dadurch steht einem ein breiter Handlungsspielraum zur Verfügung, der sich über die unzähligen sammelbaren Gegenstände und die daraus fabrizierbaren Öle oder Bomben nochmals stark erweitert. Um vor Banditen und den reichlich lauernden Bestien gewappnet zu sein, sucht man Schmiede auf und wertet seine Gerätschaft und Rüstung auf.

Am ehesten erinnert Geralts Kampfkunst vielleicht an eine Mischung aus den Spieldesigns der "Batman: Arkham"- und der "Assassin's Creed"-Serie. So leichtfüßig und treffsicher man das Schwert schwingt, kann man es ruhig mit mehreren Widersachern auf einmal aufnehmen. Die Klinge gleitet zumeist unbeschwert durch Widersacher hindurch, doch das Repertoire an Zaubern und Blocks lässt viel Raum für verschiedene Taktiken. Dem Gefühl der absolut befriedigenden Durchschlagskraft wie in im dafür gelobten "Bloodborne" steht eine zu lose konfigurierte Steuerung und Kameraführung im Weg (die sich aber immerhin in den Einstellungen etwas nachjustieren lässt) und wer mehr Risiko sucht, wird erst in den höheren Schwierigkeitsgraden richtig gefordert. Löblich und praktisch: Wie schwer die Gegner sind und wie komplex das Spiel dadurch wird, kann man jederzeit ändern, um Frust und Langeweile vorzubeugen.

Vielfalt und Chaos

Vielfalt ist womöglich die herausragendste Eigenschaft dieses Abenteuers und gleichzeitig dessen größte Hürde - nicht nur für Einsteiger. Es ist absolut erstaunlich, wie viel Arbeit in die Gestaltung dieser riesigen Welt geflossen ist. Von den raschelnden Gräsern der Steppe und den per Hand eingerichteten Wohnhäusern über die dramatischen Lichteinfälle und Wetterumschwünge, die ein ganzes Ökosystem aus Tieren, Fabelwesen und Menschen inszenieren, bis hin zu den aberdutzenden Quests, die sich unermüdliche Schreiber ausgedacht haben, um Leben in all das zu füllen. Bei Streifzügen durch Dörfer und Städte stößt man alle paar Meter auf interessante Geschichten, kann sich die Sorgen der Trunkenbolde anhören oder sich in ein Segelboot setzen und die Ruhe eines Sees inhalieren. Hervorsticht dabei das wunderbar eingebundene Kartenspiel namens "Gwent", das als Metapher auf reale Schlachten fungiert und mit Sicherheit bald separat als "Hearthstone"-Konkurrent auch außerhalb von "The Witcher 3" spielbar sein wird.

Lässt man sich auf diesen Mikrokosmos ein, wird man in seiner Rolle sprichwörtlich aufgehen. Doch wirklich einfach, macht es das Spiel einem nicht. Denn diese Flut an Inhalten in einem praktischen und übersichtlichen Interface zu bündeln, ist den Entwicklern nur bedingt gelungen. Kleinteilige, rasch mit endlosen Sammelgegenständen übersäten Inventars, geradezu winzige Schriften für Beschreibungen und Bild füllende Anzeigen für Energie, Magie, Schnellwahl, Angst des Pferdes und vieles mehr helfen nur bedingt dabei, sich einen Weg durch dieses Chaos zu bahnen. Eingeschworene Rollenspielfans wird dies womöglich weniger stören. Doch während die Designer mit einem dezidierten Story-Modus und einer gekonnten Zusammenfassung vorangegangener Teile in einer Rahmenerzählung sogar Neulingen den Genuss dieser Welt erlauben, verschreckt man damit ungeübte oder zeitlich begrenzte Spieler und macht ein durchaus zugängliches Game komplizierter, als es sein müsste.

bild: the witcher 3
the witcher

Patzer am Gesamtkunstwerk

Nicht nur Rookies stören dürften hingegen die doch zahlreichen Bugs, die in der ersten Testwoche auftauchten. Gravierend waren Fehler, die einen Missions- oder gar Spielneustart erforderten. Plötzlich aufpoppende Objekte, Bildrateneinbrüche oder unsichtbare Mauern, an denen das Pferd im Galopp hängenblieb, störten ebenso wie Wegfindungsprobleme von KI-Gefährten. Weniger ins Gewicht fielen hingegen allfällige Tonaussetzer genauso wie die doch zahlreichen Ladezeiten.

Diese Patzer mit der sehr stimmigen Gesamtheit dieses großen Werks aufzuwiegen, ist überflüssig. Doch empfindlichen Spielern wäre es dennoch anzuraten, mit dem Kauf zumindest so lange abzuwarten, bis die Entwickler die gröbsten Fehler per Update ausgemerzt haben. Die Arbeiten an Patches sind unterdessen bereits voll im Gange, zwei Wochen Polishing mehr hätten dem mehrmals verschobenen Spiel aber auf jeden Fall gut getan.

Fazit

"The Witcher 3: Wild Hunt" ist ein Abenteuer, das Freizeitmonsterjäger über Wochen oder gar Monate unterhalten wird. Dass es sich trotzdem nicht durch seine schiere Größe, sondern seine Liebe zum Detail definiert, macht es zu einem ganz besonderen Erlebnis. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Superlativen dieser Spielwelt und den Duellen mit bestialischen Widersachern ein plattes Epos von Gut gegen Böse aufzusetzen, doch anstelle dessen wird eine Geschichte erzählt, die einen mit menschlichen Höhen und Tiefen bewegt und lange in Erinnerung bleiben wird. Technische Makel braucht man nicht schön zu reden und gewiss is es ist in vieler Hinsicht noch ein roher Diamant. Doch Geralts Abschied ist der krönende Höhepunkt einer langen, aufregenden Reise. (Zsolt Wilhelm, 25.5.2015)

Dem Autor auf Twitter folgen: @ZsoltWilhelm

"The Witcher 3: Wild Hunt" ist ab 18 Jahren für Windows-PC, PlayStation 4 und Xbox One erschienen. UVP: Ab 59 Euro

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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster für PS4 wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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