Das hat was von Schlachthaus und Metzgerei

16. November 2015, 05:30
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Florian Scholz, Intendant des Stadttheaters Klagenfurt, wohnt in einem geschichtsträchtigen Haus, das auch als Lehrlingsküche verwendet wurde

Florian Scholz, Intendant des Stadttheaters Klagenfurt, wohnt in einem geschichtsträchtigen Haus, das auch als Lehrlingsküche verwendet wurde. Nur manchmal wird ihm der Charme doch zu affig, erfuhr Wojciech Czaja.

"Das Haus hat eine lange und nicht immer nur schöne Geschichte. Ursprünglich wurde es als Wohngebäude für die leitenden Angestellten der Fischl-Fabrik errichtet. Das war ein jüdisches Traditionsunternehmen, das hier Bierhefe und diverse Spirituosen hergestellt hat. 1938 wurde die Familie Fischl enteignet. Ein Sohn ist nach England geflüchtet, der andere wurde in Theresienstadt ermordet. Nach dem Krieg wurde es zwar an die Überlebenden der Fischls rückerstattet, aber die wollten damit wohl nicht mehr viel zu tun haben. Danach stand es lange Zeit leer, ehe es zu einer Ausbildungsstätte mit großer Lehrlingsküche umgebaut wurde.

foto: ferdinand neumüller
"Manchmal, wenn ich die Augen zukneife, fühle ich mich plötzlich wie im Theater, wie in einer Theaterkulisse." Florian Scholz in seinem Wohnzimmer in Klagenfurt.

Ja, und in diesem Zustand ist es immer noch. In der ehemaligen Küche sind noch die alten Fliesen an der Wand, in der Mauernische gibt es drei Backöfen, darüber eine Uhr, bei der man jedes Mal beim Hinsehen meint, die Zeit sei stehengeblieben. Manchmal, wenn ich die Augen zukneife, fühle ich mich plötzlich wie im Theater, wie in einer Theaterkulisse. Der französische Regisseur Jérôme Deschamps spielt auf der Bühne oft mit dieser Art von Ästhetik. Ich finde das faszinierend. Hat was von Schlachthaus und Metzgerei.

Doch es ist nicht alles so. Manche Teile des Hauses sind ziemlich gut saniert. Keine Ahnung, was der Eigentümer damit vorhatte. Straßenseitig gibt es einige prachtvoll sanierte Wohnräume mit knarrendem Parkettboden, doppelflügeligen Türen und Stuck an der Decke. Schöner kann man sich Altbau nicht vorstellen.

Wir – das sind mein Lebensgefährte Ulrich Rosenzweig und ich samt ein paar Hunden – wohnen hier seit eineinhalb Jahren. Insgesamt mieten wir 600 Quadratmeter, weil der Eigentümer meinte: 'All or nothing!' Wirklich bewohnen tun wir nur das Erdgeschoß. Der obere Stock steht leer. Mal schauen, was die Zukunft bringt.

Ursprünglich wollte ich hier keinen Finger rühren, weil ich mir dachte, der herbe, teils widersprüchliche Charme sei bezaubernd. Das ist er auch. Aber dann musste ich doch ein bisschen etwas machen, weil mir das zu affig wurde. Jetzt gibt es Vorhänge in den Wohnräumen, ab und zu eine hübsche Hermès-Tapete an der Wand, ein paar schicke neue Leuchten hie und da. Ansonsten ist das Haus immer noch sehr leer. Ich habe immer schon in karg eingerichteten Wohnungen gelebt. Da fühle ich mich wohl.

Manchmal würde ich mir gerne eine Sitzlandschaft von Minotti ins Wohnzimmer stellen oder eine Küche von Bulthaup, doch die Räume wären wohl immer noch leer. Stattdessen gibt es noch ein paar alte Möbel von damals aus Lehrlingsheim-Zeiten, so wie etwa diesen Esstisch aus Holz und mit echter Resopalplatte obendrauf. Ist der nicht fabelhaft?

Das ist wirklich ein widersprüchlicher Ort. Einerseits gibt es dieses schöne Haus und die ehemalige Fischl-Villa, der heute vielleicht schönste Kindergarten Klagenfurts. Andererseits gibt es vis-à-vis die berühmte Fischl-Wohnhausanlage und Schrebergärten. Früher wurde dieses Viertel die Klagenfurter Bronx genannt. Diese Kontraste sind wunderbar. Das ist Stadt für mich.

Ich fürchte mich nur vor der Koralmbahn, die genau hinter dem Grundstück ab 2022 entlangbrettern wird. Ob ich dann hier noch wohnen werde? Wird sich noch weisen. Ich fühle mich wohl in Klagenfurt. Im Sommer schwimmen wir jeden Tag eine Stunde im See. Es gibt eine tolle Kulturszene, wunderschöne Natur rundherum, und wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, dann setzt man sich ins Auto oder in den Zug und fährt nach Ljubljana oder Venedig. Ob ich mich hier schon zu Hause fühle? Das noch nicht. Ich denke, so eine Eingewöhnung dauert viele Jahre." (16.11.2015)

Florian Scholz, geboren 1970 in Heidelberg, studierte Schauspielerei in Berlin und machte eine Ausbildung zum Arts Administrator an der Universität Zürich. Er arbeitete als Schauspieler an deutschen Theatern und war Assistent an der Schaubühne Berlin, am Deutschen Nationaltheater in Weimar, an der Pariser Oper sowie an der Bayerischen Staatsoper in München. Seit 2012 ist er Intendant des Stadttheaters Klagenfurt. Sein Vertrag läuft bis 2017. Demnächst zu sehen: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und A Midsummer Night's Dream.

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Stadttheater Klagenfurt

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