Einige Teamchefs wünschen sich Rückkehr zur "Diktatur"

22. Mai 2015, 11:29
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Treffen der Strategiegruppe praktisch ohne Ergebnis - Tenor: Ecclestone und Todt sollen Ruder fester in die Hand nehmen - Berger: "Bernie war ein guter Diktator"

Monaco - Offenbar haben selbst viele Teamchefs in der Formel 1 die Zeichen der Zeit erkannt. Nachdem auch die jüngste Strategiesitzung viele Vorschläge aber keine Beschlüsse gebracht hat, sprachen sich selbst die Bosse großer Teams nun in Monaco für die Rückkehr zu einer "diktatorischen" Führung der Königsklasse aus. Bernie Ecclestone und FIA-Chef Jean Todt sollen das Heft wieder fester in die Hand nehmen.

Dass war der Tenor der obligatorischen Pressekonferenz mit den Teamchefs, die diesmal nur eine Woche nach dem jüngsten Treffen der Strategiegruppe stattfand. Dort hätten die Weichen für 2017 gestellt werden sollen. Kaum dass Christian Horner von Red Bull von einem "konstruktiven Meeting" gesprochen hatte, polterte Robert Fernley von Force India los. "Das muss ein anderes Meeting gewesen sein. In 18 Monaten haben wir uns auf keine Form der Kostenkontrolle einigen können. Nichts Fundamentales der Formel 1 wurde angesprochen, wir haben fast zwei Jahre Arbeit hinter uns mit praktisch null Ergebnis."

Viele Interessen, keine Einigung

Fernley sprach damit einerseits die speziell aus Sicht der kleineren Teams so wichtige Aufteilung der TV- und Werbegelder an, machte aber auch das grundsätzliche Problem öffentlich. Jedes Team verfolgt die eigenen Interessen, Beschlüsse sind damit kaum möglich. Seinerzeit mit Ecclestone und dem damaligen FIA-Chef Max Mosley wäre das anders gewesen, meinte Fernley. "Nicht die Teams sollen die Entscheidungen treffen. Sondern sie sollten gesagt bekommen, was zu tun ist."

Horner stimmte dem prinzipiell zu. "Nie und nimmer werden sich die Teams über Regeln einig. Ich denke, Bernie und Jean sollten festlegen, wie sie sich das Produkt Formel 1 vorstellen und uns dann die Anmeldeformulare zusenden. Jeder kann dann selbst entscheiden, ob er mitmacht oder nicht."

Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost gab sich illusionslos: "Diese Strategiegruppe wird niemals auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Bernie und Jean sollten entscheiden, was wir zu tun haben. Sie sollten die Teams erst gar nicht fragen, denn die werden sich nie einig sein."

Das sieht man bei einigen Team-Partnern offenbar ähnlich. Denn auch Cyril Abiteboul vom Red-Bull-Antriebslieferanten Renault gefiel die Idee. "Wir brauchen eine starke Führung, die aus nur wenigen Leuten besteht." Paul Hembery vom Reifenhersteller Pirelli meinte: "In keinem Sport sollten die involvierten Konkurrenten in entscheidende Änderungen involviert sein. Das müssen die FIA und die FOM machen."

Wolff als Kritiker

Einzig Toto Wolff von Mercedes trat kritisch auf. "Wir dürfen unseren Sport nicht schlecht reden", sagte der Wiener zum wiederholten Male. "Jetzt wünschen wir uns eine Diktatur. Aber ich sehe uns heute schon in zwei Jahren wieder hier sitzen und jammern, dass alles in die falsche Richtung geht", meinte Wolff.

Den Österreicher ärgern auch die undichten Stellen. "Was immer wir in der Gruppe diskutieren, es steht zehn Minuten später in den Medien - oder noch früher. Wir versuchen die Autos gerade fünf oder sechs Sekunden schneller zu machen. Aber jede unserer Lösungen ist angeblich Scheiße", alterierte sich Wolff.

Bei so viel Uneinigkeit ist in Monaco womöglich das Ende dieser Strategiegruppe, der nur die Top-Sechs-Teams angehören, angestoßen worden. "Außer dass die Piloten 2015 nur noch einen Helm tragen sollen, haben wir eigentlich nichts beschlossen. Das ist wirklich kein Erfolg", sagte Horner. Und am Ende hielt Tost fest: "Formel 1 ist Unterhaltung. Die Fans wollen Kämpfe und Überholmanöver sehen. Die Verantwortlichen sollten also zusammenkommen und schauen, wie sie das ändern können. Aber es passiert nichts. Wir haben zu viele Diskussionen und sinnlose Sitzungen."

Berger: "Viele Köche verderben den Brei"

Immer mehr Teams sind sich offenbar einig, dass es keinen Sinn macht, wenn die "Spieler" die Regeln selbst machen. Dazu gehört auch Gerhard Berger.

"Man sieht, hört und liest, dass die Formel 1 derzeit nicht gerade ihr Hoch hat. Selbst am Red Bull Ring mit dem unglaublichen Rahmenprogramm ist es schwer, die Fans an die Rennstrecke zu bekommen. In anderen Ländern ist das noch viel schwieriger", warnte der in Monaco lebende Ex-Pilot aus Tirol. "Es ist daher angesagt nachzudenken, wie man die Show verbessern und auf die Wünsche der Fans noch eingehen kann."

Auch der frühere Toro-Rosso-Mitbesitzer Berger hält die aktuelle Formel 1 für zu demokratisch. "Sie war immer diktatorisch geführt und Bernie war unser Diktator. Aber ein guter Diktator. Jetzt sind so viele Parteien eingebunden, das macht es nicht leichter, sondern schwieriger. Denn viele Köche verderben den Brei. Es braucht einen, der im Sinne des Sports und der Fans die richtige Entscheidung trifft."

Dabei hätte Berger einen konkreten Vorschlag, wie die Formel 1 wieder spannender und für die Zuschauer transparenter würde. Er könne sich vorstellen, so wie früher, gleich am ersten Trainingstag ein erstes Qualifying zu veranstalten. Dann nämlich müssten die Teams bereits am ersten Tag die Karten auf den Tisch legen. (APA, 22.5.2015)

  • Wenn die Spieler die Regeln selbst gestalten dürfen, dann kann es passieren, dass eine Einigung ausbleibt.
    foto: epa/srdjan suki

    Wenn die Spieler die Regeln selbst gestalten dürfen, dann kann es passieren, dass eine Einigung ausbleibt.

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