Kunst, fast schöner als das Leben

21. Mai 2015, 17:15
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Sächsische Staatskapelle Dresden mit Thielemann im Musikverein

Wien - "Thielemann gut. Verdammt gut!", titelte der verstorbene ehemalige STANDARD-Kulturchef Peter Vujica 2001 in seinem Bericht über die Meistersinger-Premiere in Bayreuth. Was soll man da noch hinzufügen, außer dass der gute Herr Thielemann die vergangenen 14 Jahre bienenfleißig daran gearbeitet hat, noch verdammt viel besser zu werden.

So, wie der 56-Jährige da mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden am ersten von zwei Gastspielabenden im Musikverein Bruckner (die Neunte) spielte: Das war eine Liga für sich, da kommt sonst keiner hin. Die Berliner Philharmoniker mit Rattle etwa und Bruckners Siebter, Anfang Mai an selber Stelle: fantastisch, und doch nicht derart differenziert, sinnlich und reich gestaltet. Das war ganz große Kunst, die einem den Atem raubte, weil sie in jedem Augenblick im Leben fußt und doch fast noch schöner scheint als das Leben selbst.

Perfekte Symbiose

Christian Thielemann steht im Zenit seines Könnens. War in seiner Arbeit in der Vergangenheit mitunter ein Gran zu viel an herrischer Willensdemonstration, Steifheit und Kontrolle, so findet sich nun alles in idealer Balance: Gelassenheit, Konzentration, Genauigkeit, Freiheit, Intensität und Transparenz. Mit den Dresdner Musikern agierte der Berliner in perfekter Symbiose; das Opernorchester musizierte enorm kantabel, mit balletttänzerischem Feingefühl.

Und so tat sich ein Reichtum an Gefühlsschattierungen auf, der mit Worten kaum zu beschreiben ist, von Farbnuancen, die so schön in keinem Gemälde, in keinem botanischen Garten zu finden sind. Es gab Pianissimi, zart und licht wie das Erwachen eines Morgens, da waren Phrasierungen, die einem sanften Streicheln gleichkamen.

Minikritik: Die Cellogruppe setzte sich ob ihrer zerrissenen Platzierung nur unzureichend durch; der Beginn des ersten Adagio-Themas war nichtssagend sachlich. Und die Wiener Philharmoniker haben beim Abstieg im d-Moll-Tumult des Scherzos den besseren, weil widerborstigeren Bogenstrich: siebenmal Aufstrich.

Im ersten Teil vermochte das zweite Violinkonzert von Sofia Gubaidulina, In tempus praesens, trotz Richard-Strauss-nahen Budenzaubers nur bedingt zu faszinieren: Über das fleckerlteppichhafte Werk vermochte auch Gidon Kremers intensive Interpretation keinen Bogen zu spannen. Viel Applaus nach der Neunten - und doch auch viel zu wenig. (Stefan Ender, 21.5.2015)

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