Tod eines Briten in Deutschland wird zum Mysterium

21. Mai 2015, 17:10
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2003 starb Jeremiah Duggan in Wiesbaden, die Behörden gingen von Suizid aus. Eine neue Untersuchung legt nun den Schluss nahe, dass der Autounfall gestellt war. Duggans Mutter vermutet eine Sekte dahinter

Im März 2003 kam der Brite Jeremiah Duggan im deutschen Wiesbaden ums Leben. Der 22-jährige Londoner mit jüdischen Wurzeln soll, wie Polizei und Staatsanwaltschaft befanden, auf die Bundesstraße B455 gelaufen sein und sich vor ein Auto geworfen haben. Seine Mutter Erica Duggan hat an die Version vom "Suizid durch Verkehrsunfall" nie geglaubt. Sie hat Nachforschungen anstellen lassen weitere Ermittlungen erzwungen. Gebracht hat dies aber nicht viel. Der Hauptkommissar, der 2003 den Fall bearbeitete, bekam ihn auch 2012 wieder zugewiesen.

Drei Jahre später soll eine Untersuchung in Großbritannien neues Licht auf diesen Fall werfen. Im Königreich ist bei einem ungeklärten Todesfall vorgeschrieben, dass ein "Coroner", ein Untersuchungsbeamter mit Richterstatus, eingesetzt wird, um die Todesursache festzustellen. Am Dienstag begann in Barnet in Nordlondon die Untersuchung, die zumindest eines zeigen dürfte: dass die Lesart der deutschen Behörden nicht stimmen kann.

Keine Spuren von Blut oder Gewebe

Nach deren Auffassung wurde Jeremiah Duggan von einem Auto erfasst, in die Luft geworfen und anschließend von einem Wagen überrollt. Zu Beginn der Untersuchung nahm ein forensischer Sachverständiger Stellung. Paul Canning hatte sich 42 Fotos vom Unfallort und den beiden Fahrzeugen genauer angesehen. Dabei konnte er "nicht die geringste Spur von Blut, Gewebe oder Kleidung" auf den Autos und der Fahrbahn entdecken, was bei einer Kollision mit hoher Geschwindigkeit aber der Fall sein sollte.

Sowohl an der Kleidung und an den Schuhsohlen Duggans sowie an beiden Autos stellte Canning Sandspuren fest, allerdings nicht auf dem Asphalt der Straße. Er kommt daher zu dem Schluss: An der betreffenden Stelle kann es zu keinem Unfall gekommen sein. Der Sand legt stattdessen nahe, dass Duggan und die Fahrzeuge gemeinsam an einem dritten Ort gewesen waren. Auf den Punkt gebracht: Seiner Auffassung nach wurde der Unfall gestellt. Ein weiterer forensischer Experte bestätigte am Mittwoch diese Einschätzung. "Es hat nicht lange gebraucht, um zu sehen, dass dies nicht ein Unfall-, sondern ein Tatort war", sagte Alan Bayle.

Mutter verdächtigt Sekte

Sollte es stimmen, dass der Unfall fingiert wurde, bekommt auch jene Version mehr Glaubwürdigkeit, die Erica Duggan für am wahrscheinlichsten hält: dass hinter dem Tod ihres Sohnes die LaRouche-Organisation steckt. Diese von der deutschen Regierung als "Politsekte" eingestufte Bewegung tritt unter den Decknamen "Bürgerrechtsbewegung Solidarität", "Schiller-Institut" oder "Europäische Arbeiterpartei" in Erscheinung, hängt Verschwörungstheorien an und gilt als notorisch antisemitisch. In Wiesbaden befindet sich ihr europäisches Hauptquartier.

Jeremiah Duggan war im März 2003 auf einer Veranstaltung des dortigen Schiller-Instituts und outete sich als Jude - offenbar unter konkreter Gefährdung von Leib und Leben. Am 27. März rief er von Wiesbaden aus seine Mutter an: Er sei in großen Schwierigkeiten, sie solle bitte sofort kommen. Eine Dreiviertelstunde später war er tot. Erica Duggan vermutet, dass Jeremiah von Mitgliedern der LaRouche-Organisation in den Tod gejagt, wenn nicht sogar ermordet wurde. LaRouche, sagte sie am Mittwoch vor Gericht aus, "hat meinen Sohn zerstört."

Brief an Angela Merkel

Dieser Fall ist in Großbritannien zu einer "cause célèbre" innerhalb der jüdischen Gemeinde geworden. Der Präsident des "Board of Deputies of Britisch Jews" bat in einem Brief an die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, "dass auf die Anliegen der Duggans endlich angemessen eingegangen werden solle". In einem Antwortschreiben verwies man auf die Zuständigkeit der hessischen Behörden. (Jochen Wittmann aus London, 22.5.2015)

  • Jeremiah Duggan kam 2003 im deutschen Wiesbaden ums Leben. Die genauen Umstände  sind immer noch umstritten.
    foto: reuters

    Jeremiah Duggan kam 2003 im deutschen Wiesbaden ums Leben. Die genauen Umstände sind immer noch umstritten.

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