"Als stünde der IS in der Wiener Staatsoper"

Interview22. Mai 2015, 05:30
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Der Archäologe Andreas Schmidt-Colinet fordert ein militärisches Eingreifen der internationalen Gemeinschaft

Sollte der Islamische Staat (IS) die archäologisch bedeutende Stadt Palmyra rund 215 Kilometer nordöstlich der syrischen Hauptstadt Damaskus zerstören, gingen archäologische Funde unwiederbringlich verloren, sagt der Archäologe Andreas Schmidt-Colinet. Auch wirtschaftlich trifft die Einnahme der Stadt das Land hart.

STANDARD: Welche Auswirkungen könnte eine Zerstörung von Palmyra haben?

Schmidt-Colinet: Mit der Zerstörung von Palmyra wird vielleicht endlich den Europäern und in New York dem UN-Sicherheitsrat bewusst, dass da ihr ureigenes kulturelles Gedächtnis ausgelöscht wird. Das ist eine Katastrophe. Das ist, als stünde der IS jetzt im Louvre oder im Petersdom oder in der Wiener Staatsoper.

STANDARD: Warum ist Palmyra so viel bedeutender als die bisher vom IS zerstörten Kulturstätten?

Schmidt-Colinet: Ob Hatra oder Mossul oder Palmyra zerstört wird – das ist letztendlich alles das Gleiche. Palmyra ist deshalb ein besonderes Problem, weil es erstens kulturpolitisch, zweitens militärisch und drittens wirtschaftlich das Herz Syriens ist. Wer Palmyra hat, der hat das Herz von Syrien in der Hand. Es ist nicht nur der einzige Flughafen außer Aleppo und Damaskus, sondern es ist auch immer noch die einzige große Tankstation in der Wüste zwischen Damaskus und dem Euphrat. Und die Ruinen von Palmyra zeigen das Aufeinanderprallen von Ost und West. In Palmyra haben sich die griechisch-römischen Kulturen des Mittelmeers mit den vorderasiatisch-mesopotamischen einheimischen Kulturen getroffen. Das hat sich nicht nur nebeneinander – hier das eine, da das andere – entwickelt. Die Palmyrener haben es geschafft, eine eigene, völlig neue Kultursprache zu entwickeln – sowohl schriftlich als auch in den architektonischen Denkmälern.

STANDARD: Worin besteht diese eigene Kultursprache?

Schmidt-Colinet: Stellen Sie sich vor, der Stephansdom hätte ein Minarett. Dann ist der Stephansdom für Christen als Kirche begreifbar, durch sein spätromanisches oder gotisches Portal. Für Muslime ist er mit dem Minarett als Kulturvokabel als Gotteshaus verständlich. Genauso ist es in Palmyra. Der Bel-Tempel sieht von der einen Seite aus wie ein griechisch-römischer Tempel. Für jeden westlich gebildeten Griechen oder Römer, der da durch die Straßen ging, war er als Sakralbau verständlich. Und von der Seite sah der Tempel aus wie ein orientalisches Heiligtum.

STANDARD: Wurde Palmyra als Symbol für die Vermischung von Kulturen angegriffen?

Schmidt-Colinet: Der IS weiß das gar nicht. Der IS zerstört alles. Das haben sie auch laut in dem Video von den Zerstörungen in Mossul gesagt. Alles, was vor Mohammed war, wird als Unkultur wahrgenommen und soll zerstört werden. Alles, was älter ist als der Islam, ist für den IS schlecht und wird von ihm zerstört. Vielleicht wacht mit der Zerstörung von Palmyra endlich der Weltsicherheitsrat auf und erkennt, dass schöne Worte nicht reichen. Vielleicht erkennt man, dass hier militärisch eingegriffen werden muss. Das, was hier passiert, hat mit Religion nichts zu tun. Der Islam ist eine genauso friedliche Religion wie das Christentum und das Judentum. Radikale Auswüchse gibt es in allen diesen Religionen.

STANDARD: Können Sie die Stadt und die Ausgrabungsstellen ein wenig beschreiben?

Schmidt-Colinet: Die antiken Ausgrabungsstätten heißen Palmyra, die hießen in vorantiker Zeit Tadmor – und so heißt auch der heutige Ort. Die antike Stadt war bis 1928 bevölkert – bis dahin hat sich das arabische Dorf im Bel-Tempel-Bezirk befunden. Französische Archäologen haben in der französischen Mandatszeit 1928/29 die Bevölkerung aus dem Bel-Tempel-Bezirk evakuiert und direkt anschließend an das Ruinenfeld eine neue Reißbrettstadt errichtet, zum Teil mit sehr schönen Jugendstilhäusern, von denen auch noch zwei, drei erhalten sind. In diese neue Stadt wurde dann das ganze arabische Dorf umgesiedelt. Damals lebten in Palmyra rund 10.000 Menschen, derzeit sollen es 70.000 Einwohner sein.

STANDARD: Wie weit waren die Ausgrabungen in Palmyra fortgeschritten? Gäbe es dort für Archäologen noch viel zu tun?

Schmidt-Colinet: Wir kennen von der antiken Siedlungsfläche innerhalb der antiken Stadtmauern von Palmyra ungefähr zwei Prozent, vielleicht drei. Also, was wir in der Archäologie leisten, das sind Tropfen auf einen heißen Stein im Vergleich zu den riesigen Ausmaßen dieser Ruine. Da sind massenweise Dinge zu finden und zu retten. Mindestens genauso bedeutend sind in Palmyra – und das ist einzigartig im Orient – die Grabstätten, die um die Stadt herum liegen. Das sind zum Teil unterirdische Gräber, die jetzt ausgeraubt und kaputtgemacht werden.

STANDARD: Welche Rolle spielt Palmyra wirtschaftlich in Syrien?

Schmidt-Colinet: Palmyra ist Bestandteil jeder Touristenreise. Vor 30 Jahren stand pro Woche einmal ein Touristenbus vor dem Tempel. Als ich 2010 das letzte Mal dort war, standen jeden Tag 30 Busse vor dem Bel-Tempel. Der Tourismus war eine der lukrativsten Einnahmequellen für den syrischen Staat. Es ist ein Riesenwirtschaftszweig. Wenn der nun in Palmyra auch noch abgewürgt wird, dann ist das für die Leute dort und auch für den syrischen Staat eine Katastrophe. Allein das wieder aufzubauen, was jetzt schon kaputtgemacht wurde, wird mehr als eine Generation dauern. (Michaela Kampl, 22.5.2015)

foto: privat
Andreas Schmidt-Colinet (69) ist Klassischer Archäologe. Er lehrte unter anderem in Frankfurt am Main und Bern und von 2000 bis 2010 auch am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien. Schmidt-Colinet reiste das erste Mal 1976 nach Palmyra und war seit 1980 mehrmals beruflich in der Stadt – zuletzt im Oktober 2010.
  • Die historische Stadt Palmyra hatte es geschafft, ein Schmelzpunkt der Kulturen zu werden.
    foto: reuters/omar sanadiki

    Die historische Stadt Palmyra hatte es geschafft, ein Schmelzpunkt der Kulturen zu werden.

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    quelle: der standard
  • Palmyra ist nicht nur archäologisch wertvoll, sondern war als Touristenmagnet eine wichtige Einkommensquelle.
    foto: epa/youssef badaw

    Palmyra ist nicht nur archäologisch wertvoll, sondern war als Touristenmagnet eine wichtige Einkommensquelle.

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