Historische Wertpapiere: Zu schön, um wertlos zu sein

25. Mai 2015, 09:00
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Einst haben sie die Welt bewegt. Heute erzählen sie Geschichten von Profitgier und Pleiten, von Kunst, Kultur und Kriegen

Wien - Dürftig, substanz- und farblos. Die Welt der Wertpapiere von heute. Eigentlich existieren sie ja gar nicht. All die Aktien, Anleihen, Anteilscheine, Pfandbriefe, Genussscheine, Schuldverschreibungen, die in gewaltiger Geschwindigkeit über den Globus gehandelt werden.

Schließlich sind sie nurmehr virtuell, simulierte Wirklichkeit in einem riesigen Serversystem, maximal ein Depotauszug. Wer eine neue Aktie erwirbt, kann davon ausgehen, sie nie physisch in Händen zu halten.

foto: illustrationen: handelsgesellschaft für historische wertpapiere

Dass früher alles besser war, stimmt sicher nicht. Doch in diesem Fall lässt sich zumindest behaupten: Die Wertpapiere von anno dazumal waren anschaulich, greifbar und rechtfertigten ihren Namen: Wertpapier. Wenn auch ihre Mutation in sogenannte Nonvaleurs anderes suggeriert: Nicht wenige der historischen Papiere sind profitabel, obwohl sie von der Börse längst verschwunden sind.

Handschriftliche Eintragungen

Die ersten Aktien waren meist schmucklose Papiere mit handschriftlichen Eintragungen und Unterschriften. Später jedoch entwickelte sich eine eigene Kunstform. Besonders im 19. Jahrhundert gingen Aktiengesellschaften dazu über, Künstler mit der Gestaltung ihrer Anteilsscheine zu beauftragen.

In Österreich verdingten sich zum Beispiel Mitglieder der Wiener Werkstätte wie Josef Hoffmann oder Berthold Löffler für diesen Zweck, weiß Heinz Weidinger, Geschäftsführer der Handelsgesellschaft für Historische Wertpapiere zu berichten. Bei gar manchen der künstlerisch aufgewerteten Effekten bewahrheitete sich allerdings oft wenig später ein altes Börsensprichwort: Je schöner die Aktie, desto schlechter das Unternehmen.

foto: illustrationen: handelsgesellschaft für historische wertpapiere

Junges Sammelgebiet

Alte Wertpapiere sind ein relativ junges Sammelgebiet. Erste Sammler entdeckten ab Anfang der 1970er-Jahre ihren Reiz. Und bei einem Preisausschreiben der Londoner Times 1978 wurde ein eigener Begriff dafür gesucht und gefunden: Scripophilie.

Zwischen 400 und 500 solcher Einzahlungsbelegfreunde - denn nichts anderes bedeutet die Übersetzung der englisch-altgriechischen Wortmischung - gibt es Weidinger zufolge in Österreich. Ihn selbst haben die Nonvaleurs vor 40 Jahren dermaßen in den Bann geschlagen, dass er Jahre später sein Hobby zum Beruf machte.

Die Vielfalt an historischen Wertpapieren ist groß. Schätzungsweise sollen es weltweit mehr als 100.000 sein. Wer sich als Sammler betätigen will, tut gut daran, sich auf einen abgegrenzten Bereich zu konzentrieren. Wie überall gilt: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Wertbestimmend ist meist auch die Höhe der Auflage. Eine ehemalige hohe Emmissionsmenge sagt jedoch nicht viel über ihre Verfügbarkeit am Sammlermarkt aus. Papier ist vergänglich, manchmal sind nur wenige Stücke vor der Vernichtung gerettet worden.

Sammlertraum

Seltenheit, Bekanntheitsgrad, die Geschichte dahinter und Originalunterschriften berühmter Personen sind wichtige Preisfaktoren. Der Traum vieler Sammler österreichischer Wertpapiere ist daher der Besitz einer Gründeraktie der Komischen Oper Wien von 1873, des späteren Ringtheaters, an dessen Stelle nun die Bundespolizeidirektion steht.

foto: illustrationen: handelsgesellschaft für historische wertpapiere

Nur mehr fünf von seinerzeit 12.000 Stück soll es noch geben. Von diesen verbliebenen Raritäten tragen drei die Signatur von Theatermitgründer Johann Strauß. Eine davon besitzt die Gemeinde Wien, ein weiteres Exemplar ersteigerte bei einer Auktion 2007 ein US-Sammler für 55.000 Euro. "25 Jahre davor hat sie rund 18.000 Schilling (rd. 1300 Euro, Anm.) gekostet", merkt Weidinger an.

Attraktiv sind auch Papiere heute noch existierender Unternehmen oder Papiere, die mit Skandalen und Pleiten in Verbindung stehen. Lehrstücke der Vergangenheit, aus denen doch nichts gelernt wurde.

Wie etwa der Fall der österreichisch-französischen Lebens- und Renten-Versicherungsanstalt Azienda, die später als Phönix firmierte. In den 1920er-Jahren entwickelte sie sich zu Österreichs einzigem internationalen Konzern und galt als die Nummer zwei aller Lebensversicherungsgesellschaften in ganz Europa.

Erkauft war dieser Höhenflug mit aggressiven Vertriebsmethoden, nicht kostendeckenden Tarifen zu Dumpingpreisen und einer Serie von Übernahmen. Dass die Löcher in den Bilanzen immer größer wurden, kaschierte der charismatische Unternehmenslenker Wilhelm Berliner durch beste Kontakte zu Regierungskreisen sowie Bestechung einflussreicher Journalisten und Beamter.

foto: illustrationen: handelsgesellschaft für historische wertpapiere

Eisenbahnliebhaber

Angesichts der Gedenkjahre 1914 bis 1918 sind aktuell laut Weidinger Kriegsanleihen trotz ihrer hohen Auflagen gut nachgefragt. Bei der jüngsten von ihm veranstalteten Auktion (der nunmehr 106., Stichtag war der 15. Mai) seien Kriegskreditpapiere durchschnittlich 20 bis 30 Prozent über dem Rufpreis gelegen.

Eifrige Käufer sind in der Regel Sammler von Eisenbahnpapieren. So ging ein Niederösterreichisches Landes-Eisenbahn-Anlehen, eine Schuldverschreibung für 200 Kronen der N.Ö. Lokalbahnen aus dem Jahr 1906, für 280 Euro weg. Der Rufpreis für das dekorative Stück mit Abbildungen des Stifts Melks und der Ruine Aggstein lag bei 150 Euro.

Apropos Dekoration. Ein echter Sammler würde nie das Original an die Wand hängen. Beschädigungen durch Lichtstrahlen, Knicke oder Falten führen zu einem Wertverfall des guten Stücks.

Richtig reich werden an der Börse nur wenige. Das ist bei Sammlern alter Wertpapiere nicht anders. Als Zeugnis der Wirtschaftsgeschichte sind sie allemal ein großer Schatz. Dass die Welt der Wertpapiere immer mehr ins virtuelle Nirwana abwandert, hat auch etwas Gutes - zumindest für die Sammler. Dachbodenfunde mögen immer wieder mal den Markt durcheinanderwirbeln. Das Ausschauhalten nach frischen Papieren erübrigt sich. (Karin Tzschentke, 25.5.2015)

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