Experte für Zahlungsverkehr: "Im Hühnerstall weiß man, dass es einen Fuchs gibt"

Interview23. Mai 2015, 09:00
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Anbieter wie Facebook oder Apple drängen in das Geschäft des Bezahlens. Peter Neubauer erklärt, was das für Banken bedeutet

DER STANDARD: Sie waren lange Zeit im Bereich des Zahlungsverkehrs aktiv und blicken jetzt von außerhalb auf das System. Welche Trends lassen sich dabei erkennen?

Neubauer: Es gibt sehr viele neue Player, auch durch die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs. In den 1980er-Jahren, als ich noch bei der CA war, haben wir mit der Digitalisierung begonnen, als das elektronische Banking aufgekommen ist. Damals war das alles noch für Firmenkunden. Mit Internet und mobilen Geräten ist ein völlig neues Umfeld entstanden. Es drängen neue Player in den Markt, die versuchen, den Banken und eingesessenen Akteuren Geschäft wegzunehmen.

DER STANDARD: Einige Unternehmen haben eigene Kreditkarten, mit denen man Zusatzvorteile hat. Paypal hat sich als Zahlungsdienst im Internet durchgesetzt. Welche anderen Player und Tools machen den Banken nun Konkurrenz?

Neubauer: Der Megatrend ist, dass sich das Zahlen immer mehr entkörperlicht, etwa beim bargeldlosen Bezahlen. Ich muss die Karte zwar noch immer in die Hand nehmen, aber die Interaktion zwischen Karte und Terminal findet berührungslos statt. Der Zahlungsvorgang per se wird sich immer mehr integrieren in andere Vorgänge, etwa in Bestell- oder Einkaufsprozesse. Wer sich auf solche Vorgänge spezialisiert, wird gewinnen. Paypal hat sich auf den E-Commerce spezialisiert, der ein großes Wachstumsgebiet für Unternehmen und Banken ist. Hier müssen Anbieter schauen, den Anschluss nicht zu verlieren.

DER STANDARD: Was macht Facebook, Apple und Co - die alle in den Zahlungsverkehr hinein agieren wollen - so gefährlich für Banken?

Neubauer: Man muss immer fragen, welchen Nutzen ein neues System bringt und, welches Problem es löst. Anbieter wie Facebook sind Vernetzungsdienstleister, die Communitys erzeugen. Bieten die einen Zahlungsdienst an, machen sie das nicht, weil sie den Bereich so toll finden oder eine Bank sein wollen. Mark Zuckerberg hat ja gesagt, er will keine Bank sein, will aber banknahe Dienstleistungen anbieten - weil es sein Geschäftsmodell unterstützt. Das ist vergleichbar mit dem Autoleasing. Autohersteller haben die Finanzierung vor 30 Jahren als Absatzmodell entdeckt. Heute ist Autoleasing weitgehend kein Geschäftsmodell mehr der Banken. Die Finanzierung ist Teil des Autokaufs geworden - aber eben gleich beim Händler. Schulde ich einem Facebook-Freund Geld, gehört die Begleichung zum Beziehungsmanagement dazu und muss nicht notwendigerweise via Bank abgewickelt werden.

DER STANDARD: Man schaltet also die Banken für gewisse Dienste aus ...

Neubauer: Genau. In den USA hat Apple eine elektronische Geldbörse eingeführt, in die Kreditkarten hochgeladen werden können. Kunden laden etwa ihre Citibank-Karte hoch - sagen aber nicht' "ich bezahle mit meiner Kreditkarte". Die sagen, "ich bezahle mit Apple-Pay". Das ist der erste Schritt der Disintermediation, bei der Banken nach hinten rutschen. Der nächste Schritt wäre, dass Apple eine eigene Karte macht und den Kunden in die Geldbörse legt. Mit iTunes wurde das vorgemacht, als das U2-Album jedem in die Musikbibliothek gelegt wurde.

DER STANDARD: Banken versuchen, mit Onlineservices am Handy oder Tablet den Kunden das Leben leichter zu machen. Reicht das, um sich gegen Apple und Co zu stellen?

Neubauer: Das sind die Hausaufgaben, die gemacht werden müssen. Nehmen Sie den Buchhandel. Die Buchhändler sind von dem digitalen Wandel durch Amazon enorm betroffen. Der Buchhandel hat es aber verstanden, auf diese Bedrohung zu reagieren. Sie haben aber immer noch die Notwendigkeit, physische Güter zu transportieren. Das Bankgeschäft ist aber schon zu 100 Prozent digital. Damit sind die Voraussetzungen für die Banken eigentlich sehr gut. Zudem haben Banken im E-Banking große Erfahrung. Aber die Anforderungen verändern sich dramatisch.

DER STANDARD: Banken haben aus Ihrer Sicht den Wettbewerb mit neuen Anbietern also noch nicht verloren?

Neubauer: Ja, das Spiel ist noch nicht verloren. Eine der wesentlichen Kernkompetenz, die Banken haben, ist das Vertrauen. Banken müssen sich aber die Frage stellen, wie diese Kernkompetenz übertragbar ist und was das unter den neuen Voraussetzungen bedeutet. Heißt es Datensicherheit, Schutz der Privatsphäre, neue Services für Kunden?

DER STANDARD: Was muss eine Bank tun, um die Jugendlichen zu gewinnen, die mit dem Smartphone aufwachsen und bei denen viele Dinge digital ablaufen? Die Gefahr, dass diese Generation von Apple und Co abgeholt wird, ist groß. Ist es das klassische Schüler- oder Studentenkonto, das die Jungen noch in die Filiale führen wird?

Neubauer: Das ist die Millionen-Dollar-Frage. Ich glaube, dass die alten Marketingansätze in der neuen Welt nicht mehr funktionieren. Wenn ich heute als Bank dem Kunden sage, bitte komm mich besuchen, wird es das wohl nicht mehr sein. Als Bank muss ich nicht dorthin bewegen, wo die Kunden sind. Es gibt keine Rezepte von heute auf morgen, man muss sich aber entscheiden, wohin Ressourcen geleitet werden. Wir sind in einer Generation der Transformation.

DER STANDARD: Wie steht es um die klassische Hausbank? Ist dieses Konzept einer langjährigen Bindung vom Kunden zu einem Geldinstitut künftig noch zeitgemäß?

Neubauer: Banken haben sich bisher viel zu wenig die Frage gestellt, was Loyalität im Kontext ihres Geschäfts bedeutet. In der Vergangenheit ist man davon ausgegangen, dass wenn ich das Girokonto des Kunden habe, dann habe ich auch den Kunden. Das beginnt jetzt zu zerbröseln. Ich glaube aber auch, dass es noch lange Bankfilialen geben muss. Denn braucht man eine Finanzierung, erbt man oder will man ein Unternehmen gründen, braucht es den persönlichen Kontakt. Die Zukunft der Geschäftsbeziehung ist damit aber nicht mehr gesichert.

DER STANDARD: Wenn Banken den Kunden nicht mehr über das klassische Konto erreichen können, wird sich dadurch nicht der Wettbewerb unter den Häusern verschärfen?

Neubauer: Verschärfen weiß ich nicht, der Wettbewerb ist schon sehr intensiv, aber er wird sich verändern. Die Bedrohungsszenarien kommen ja nicht von der Bank "next door", sondern vom Anbieter "next klick away". Niemand kann ausschließen, dass Amazon seine Dienste nicht ausweitet und neben Bezahlung auch mal Finanzierungen anbietet.

DER STANDARD: Müssen sich Banken stärker spezialisieren, um im neuen Wettbewerb zu überleben?

Neubauer: Ja. Denn die Ecksteine mit Vertrauen und Schutz der Daten sind bei Banken gegeben. Banken haben aber ein extrem regulatorisches Korsett, müssen immer höhere Anforderungen erfüllen, die den Spielraum einengen. Andererseits liberalisiert die EU-Kommission den Zahlungsverkehr und will mehr Wettbewerb.

DER STANDARD: Sehen Sie ein Hemmnis, dass das mobile und digitale Payment auch Ängste schürt? Ein Geldschein ist total anonym ...

Neubauer: Ja, diese Ängste gibt es. Befragt man junge Leute, sagen sie auch noch, dass sie eher der Bank vertrauen als etwa Google, weil die Angst da ist, dass die NSA mithört. Aber unterschätzen wir nicht die Bereitschaft der Individuen, Daten von sich preiszugeben, wenn es einen Nutzen für sie hat. Schaffen es die Banken zu sagen: "Wenn du Geschäfte mit mir machst, dann stehen die unter Prämissen, die ich nie aufgeben werde", ist das ein großer Wert.

DER STANDARD: Sind sich die Leute in den Führungsetagen der Banken bewusst über diese Bedrohung?

Neubauer: Lassen Sie es mich so sagen: Im Hühnerstall weiß man, dass es einen Fuchs gibt. Der Hühnerstallbesitzer weiß aber noch nicht, wie er den Stall umbauen muss, damit der Fuchs nicht hereinkommt.

DER STANDARD: Wird man in zehn oder 15 Jahren noch mit Bargeld bezahlen?

Neubauer: Ja. Ich glaube nicht, dass Bargeld ausstirbt. Aber es gibt den eindeutigen Trend zum bargeldlosen Zahlen. Jede Zahlungsform war immer eine Parallelentwicklung zur Entwicklung der Wirtschaftsform. Ich glaube nicht, dass Geld die Entwicklung per se ist, die was anderes beeinflusst. Sondern Geld ist das Spiegelbild. Jetzt sehen wir, dass der E-Commerce und die Digitalisierung des Wirtschaftslebens enorm voranschreiten. Also wird das digitale Bezahlen massiv ansteigen, aber Bargeld wird seine Nischen haben. An eine völlig bargeldlose Welt glaube ich nicht.

(21.5.2105)

Peter Neubauer (53) war bei der CA und der Erste Bank, bevor er zu Paylife wechselte und bis 2014 als Geschäftsführer tätig war. Nun ist Neubauer Berater im Zahlungsverkehrsbereich und beim Finanz-Marketing Verband Österreich aktiv. Ausgleich findet er beim Bassspielen.

  • Digitales Bezahlen ist auf dem Vormarsch und wird in mobile Prozesse integriert. Hier zeigt Apple, wie man mit dem Handy bezahlen kann. Vor allem für Banken wächst damit die Konkurrenz im Zahlungsverkehr.
    foto: ap / charles sykes / invision for mastercard

    Digitales Bezahlen ist auf dem Vormarsch und wird in mobile Prozesse integriert. Hier zeigt Apple, wie man mit dem Handy bezahlen kann. Vor allem für Banken wächst damit die Konkurrenz im Zahlungsverkehr.

  • "Bargeld wird seine Nische haben. An eine völlig bargeldlose Welt glaube ich nicht", sagt Peter Neubauer im Interview mit DER STANDARD.
    foto: andi bruckner

    "Bargeld wird seine Nische haben. An eine völlig bargeldlose Welt glaube ich nicht", sagt Peter Neubauer im Interview mit DER STANDARD.

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