Ärzte ohne Grenzen: Ebola war größte Aufgabe 2014

21. Mai 2015, 16:59
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Der Jahresbericht der Hilfsorganisation offenbart die Dimensionen der Ebolakrise und der Flüchtlingssituation am Mittelmeer

Paris/Rom/Wien – "Das Jahr 2014 zeichnete sich durch einen raschen Ablauf unterschiedlicher Krisen aus", sagte Ärzte-ohne-Grenzen-Österreich-Präsident Reinhard Dörflinger bei der Präsentation des Jahresberichts 2014. Besonders die Ebolakrise in Guinea, Sierra Leone und Liberia, bei der auch 18 österreichische Ärzte im Einsatz waren, stellte eine nie dagewesene Aufgabe dar.

Traurige Neuheiten 2014

Nie seien so viele Patienten während der Behandlung gestorben, mehr als 50 Prozent konnten nicht geheilt werden. "Wir standen Ebola hilflos gegenüber", so Dörflinger. Nie sei auch die eigene Besatzung so direkt bedroht gewesen – von 28 infizierten Einsatzkräften starben 14. Man habe zum ersten Mal Patienten an den Toren abweisen müssen, zum ersten Mal ein Krematorium einrichten müssen und zum ersten Mal während einer Epidemie klinische Studien begonnen. Außerdem habe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) viel zu spät reagiert. Ebola sei nicht wegen fehlender Ressourcen außer Kontrolle geraten, sondern "durch mangelnden politischen Willen", wie Dörflinger betonte.

Dass die Ebolakrise noch nicht vorbei ist, zeigen die wieder steigenden Ansteckungszahlen in Guinea und Sierra Leone. Maria Bartsch, Ärztin im Einsatz in Freetown, erzählte von einem Behandlungszentrum, das dort aufgebaut wurde und sich unter anderem Patienten widmet, die Ebola überlebt haben, aber "noch lange nicht gesund sind, da sie an vielen anderen Krankheiten leiden". Weiters seien sie stigmatisiert und würden in den Ländern mit zusammengebrochenen Gesundheitssystemen nicht versorgt. "Wir können vor Ort Augenentzündungen behandeln, die zu Blindheit führen können, und bieten psychologische Betreuung."

Die Situation am Mittelmeer

Vor allem Menschen aus der Sahelzone finde man auf den Schiffen am Mittelmeer, deren Rettung vor dem Ertrinken auch als Aufgabe von Ärzte ohne Grenzen gesehen wird – mit zwei Schiffen ist man seit Anfang Mai unterwegs und konnte bereits 1.800 Flüchtlinge an Bord nehmen oder auf andere Schiffe verteilen.

Stefano di Carlo, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Italien, benannte die Hauptprobleme in den Flüchtlingslagern an der sizilianischen Südküste: die Krätze und das posttraumatische Stresssyndrom. "20 bis 25 Prozent der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Alle kommen aus Lagern in Libyen, wo sie unter schlechtesten Bedingungen und Gewalt auf ihre Abreise warten mussten." Zum Ansatz der EU, Schlepperbote zu verbrennen, sagte di Carlo: "Das ist nicht die Lösung des Problems, sondern nur eine Verzögerung."

Empörung löste auch die Frage nach den Flüchtlingszelten in Österreich aus, Ärzte-ohne-Grenzen-Sprecherin Irene Jancsy meinte: "Zelte sind nur unter extremsten Bedingungen ein Ausweg, es ist keine optimale Unterbringung. Dass man aufgrund eines politischen Streits keine Möglichkeiten findet – da sollte man sich überlegen, wie die Bedingungen in Krisengebieten sind und ob wir uns wirklich auf dieses Niveau begeben wollen." Dörflinger fügte noch hinzu: "Eine unwürdige Situation für einen Staat wie Österreich."

Spendenoffenlegung

Die Finanzierung in Österreich stammte 2014 von 240.000 Spendern – Privatpersonen, Unternehmen und Stiftungen. 23,4 Millionen Euro konnten akquiriert werden, 18,8 Millionen, also 76 Prozent, flossen direkt wieder in Programme, 3,3 Millionen wurden hingegen für neues Fundraising verwendet. Für jeden ausgegebenen Euro bekam man also 7,2 Euro zurück. Die Gebiete mit der höchsten österreichischen Spendenbeteiligung waren der Südsudan mit zwei Millionen Euro, die Demokratische Republik Kongo (1,75 Millionen) und das schon in Vergessenheit geratene Haiti (1,5 Millionen).

Pools sind leer

Ärzte ohne Grenzen sucht dringend Personal, vor allem Chirurgen, Anästhesisten, Gynäkologen, Kinderärzte, Hebammen und psychologisches Fachpersonal – wenn möglich mit Französischkenntnissen. (Johanna Schwarz, 21.5.2015)

  • Schutzschürzen hängen vor dem Médécins sans frontières Medical Centre in Freetown, Sierra Leone (Jänner 2015).
    foto: msf/yann libessart

    Schutzschürzen hängen vor dem Médécins sans frontières Medical Centre in Freetown, Sierra Leone (Jänner 2015).

  • Krankenschwester Naiara zieht sich im Ebola-Behandlungszentrum in Guéckédou, Guinea ihren Schutzanzug aus (April 2014).
    foto: cosmos/sylvain cherkaoui

    Krankenschwester Naiara zieht sich im Ebola-Behandlungszentrum in Guéckédou, Guinea ihren Schutzanzug aus (April 2014).

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