Die Suche nach dem Energiemarkt der Zukunft

22. Mai 2015, 05:30
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Öl, Gas und Kohle oder doch eher Wind, Sonne und Wasser? Der Weg scheint noch nicht klar zu sein

Wien – Der Ölpreis bewegt sich auf einem historisch niedrigen Niveau. Analysten gehen davon aus, dass sich das auch nicht so schnell ändern wird. Das ist Salz in den Wunden von Ländern wie Russland, dessen Staatsbudget sich zu 50 Prozent auf Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft stützt. Man würde meinen, dass sich diese Entwicklungen auch am Energiemarkt bemerkbar machen würden. Doch langfristig gesehen dürfte es deswegen zu keinen gravierenden Änderungen kommen.

Stefan Schleicher, Professor an der Karl-Franzens-Universität Graz, ist sogar davon überzeugt, dass sich das Ölzeitalter im Westen seinem Ende nähert. "Das ist für mich eine sichere Wette. Die Nachfrage nach Öl ist in allen alten Industriestaaten inklusive USA rückläufig und wird auch nicht mehr steigen." Wie lässt sich dieser Trend erklären? Die Energienachfrage in den Bereichen Mobilität und Wohnen wird dank neuer Technologien stark sinken, beides Bereiche, die bisher vor allem auf fossile Energieträger gesetzt haben.

In Sachen Mobilität liegen große Hoffnungen auf der Entwicklung vollelektrischer Antriebe. Diese verfügen über einen deutlich höheren Wirkungsgrad als herkömmliche Verbrennungsmotoren. Noch dazu zeigen trendige Unternehmen wie Tesla in den USA, dass elektrische Antriebe auch bei der Leistung mit ihren Verwandten mithalten können. Und auch die Gebäude der Zukunft werden eine viel geringere externe Energiezufuhr für Heizzwecke benötigen, als das bisher der Fall war.

Der derzeitig niedrige Ölpreis wird diese Entwicklungen nicht maßgeblich beeinflussen, ist Schleicher überzeugt. "Die technologischen Fortschritte, die wir hier beobachten können, entwickeln sich unabhängig vom Ölpreis." Unterstützt wird dieser Trend auch auf politischer Ebene mit vielen Bekenntnissen, die Energieeffizienz zu erhöhen und den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren.

Öl, Gas und Kohle werden auch weiterhin den Ton angeben

Naturgemäß anders sieht die Sache Gerlinde Hofer, Chefin von BP Österreich. "Natürlich gibt es Bestrebungen auf verschiedenen politischen Ebenen, die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren und verstärkt auf erneuerbare Energie zu setzen. Doch die Koordinierung hier ist sehr schwierig und wird sicherlich noch für die eine oder andere spannende Diskussion sorgen", so Hofer. Global gesehen sei bis 2035 weiterhin mit einem Anstieg des Energieverbrauchs um 40 Prozent zu rechnen. Und da werden die fossilen Energieträger laut Hofer noch ordentlich mitmischen: "80 Prozent werden auf Öl, Gas und Kohle zu ungefähr je einem Drittel entfallen."

In ihren Ansichten zum Energieverbrauch in Europa treffen sich Managerin und Wissenschafter wieder. "In Österreich stagnieren wir hier seit dem Jahr 2005", sagt Schleicher. Der Anstieg im Energieverbrauch sei zu fast 100 Prozent auf Nicht-OECD-Länder zurückzuführen, erklärt Hofer. Laut dem "BP Energy Outlook 2035" wird sich die EU zur energieeffizientesten Region der Welt mausern und gleichzeitig Afrika als die am wenigsten energieintensive Region unterbieten.

Gerade in Europa ist laut Schleicher auch nicht mit einer zunehmenden Substituierung von Öl durch Gas zu rechnen. Hier gelange man zu der Einsicht, dass Gas nicht so versorgungssicher ist, wie man das gerne hätte. Eine zunehmende Dezentralisierung der Energieversorgung, die abnehmende Bedeutung von Gas in der Stromerzeugung und der sinkende Bedarf im häuslichen Verbrauch deuten auf einen Rückgang bei Gas hin. "Die Überlegung, dass Gas in Europa als Brückentechnologie fungieren wird, ist heute nicht mehr so angebracht wie vor vier, fünf Jahren", gibt sich Schleicher überzeugt. Auch wenn sich das mittels Fracking gewonnene Gas in den USA als teurer als erwartet herausstellt, wird Gas in den USA eine wichtigere Rolle als in Europa spielen und auch Kohle immer stärker verdrängen. Global gesehen ist auch Hofer der Meinung, dass sich der Anteil von Gas am Energiemix auf Kosten von Öl und Kohle ausweiten wird.

Strom auf dem Vormarsch

Eine erfreuliche Beobachtung ist laut Schleicher, dass der Einsatz von Kohle in China rückläufig ist. Dort wird wegen der unzumutbaren Luftverschmutzung gegengelenkt. Wenn es um die großen Schwellenländer China und Indien geht, gibt sich Schleicher überhaupt optimistisch: "In diesen Ländern steht ein Technologiesprung bei der Stromerzeugung hin zu erneuerbaren Energien bevor."

Ohnehin werde bis 2050 die Elektrizität anteilsmäßig zum Energieträger Nummer eins avancieren, so Schleicher. Und in der Stromerzeugung ortet er klare Zeichen hin zu mehr Wind, Sonne und Wasser. Die neuen Technologien könnten auf dem Markt mit den alten mithalten, und auch Banken rieten zu Investitionen in die neuen Technologien, weg von großen Gas- und Kohlekraftwerken.

Ressourcen als Konfliktursachen

Noch ein Punkt, der für eine stärkere Zuwendung zu erneuerbaren Energien spricht, ist die geopolitische Großwetterlage. Ein Faktor, den auch Thomas Roithner, Friedensforscher und Privatdozent an der Universität Wien, hervorhebt. "2014", sagt Roithner, "hatte knapp die Hälfte aller Kriege eine Ressourcendimension. Das Thema Energie steht auf vielen Sicherheitspapieren ganz oben. Das EU-Institut für Sicherheitsstudien hat schon ein Szenario durchgespielt, in dem 60.000 Soldaten aus Europa und den USA für einen Ressourcenkrieg mobilisiert werden. Eine Energiewende muss fair und gerecht ablaufen, und dafür reicht nicht nur eine Abkehr von fossilen Rohstoffen. Auch die Struktur der Energieversorgung muss geändert werden." (Andreas Maschke, 22.5.2015)


Wie verändert ein Ölboom eine Stadt? Fort McMurray in Kanada ist eine Boomtown, seine Ölsande verändern die Energiepolitik der ganzen Welt. derStandard.at ist Kooperationspartner des Doku-Spiels "Fort McMoney". Wer mitmacht, kann virtuell über die Zukunft von Fort McMurray mitbestimmen. Dazu gibt es auf dieser Seite Hintergrund-Artikel zum Thema Öl und Energie.

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