Marko Arnautovic, der Unverzichtbare

21. Mai 2015, 10:35
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Im Nationalteam ist er immer ein Thema. Unter Marcel Koller als Fixposten in der Offensive, unter seinen Vorgängern als Hoffnungsträger

Er winkt. Ruft. Fordert den Ball. Er sprintet die Linie entlang, bietet sich an. Kommt der Ball zu ihm, lassen die Attacken der Gegner nicht lange auf sich warten. Bosniens Teamchef Mehmed Bazdarevic hat sein Team gut auf die Österreicher eingestellt. Marko Arnautovic hat drei Tage zuvor in Liechtenstein zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren wieder für das Nationalteam getroffen. An diesem Märzabend im Ernst-Happel-Stadion wird er kein Tor schießen.

Doch an seinen Toren sollte man Marko Arnautovic ohnehin nicht messen. Die Ausbeute des 42-fachen Teamspielers ist für einen Stürmer ungewöhnlich niedrig: Acht Treffer oder ein Tor alle 400 Minuten stehen nach sechseinhalb Jahren im Team zu Buche. Zum Vergleich: Martin Harnik, ebenfalls Flügelstürmer, braucht für ein Tor nur 300 Minuten. Demgegenüber steht eine positive Statistik: Arnautovic ist ein außergewöhnlich fairer Spieler. Trotz seiner körperbetonten Spielweise kassierte er erst jeweils eine Gelbe und Rote Karte – beide Male aufgrund von Auseinandersetzungen mit dem Gegner. Gröbere Fouls sind selten.

In Arnautovics Teamkarriere sind Zahlen aber nie das Ausschlaggebende gewesen, sondern immer die hohen Erwartungen. Er sollte das Außergewöhnliche, das gewisse Etwas in Österreichs Auswahlen bringen, die zu lange als uninspiriert galten. Zum ersten Mal kam diese Hoffnung im Sommer 2007 auf, als für Österreich zwei Highlights anstanden: die U19-EM im eigenen Land und die Weltmeisterschaft der U20 in Kanada. Zwei Ereignisse, die symptomatisch für den schmalen Grat zwischen Erfolg und Enttäuschung sind, auf dem sich Marko Arnautovic zu bewegen pflegt.

Systemwechsel

Zunächst war alles angerichtet. Bei der U19-EM in Oberösterreich sollte der Stern des 18-jährigen Twente-Legionärs aufgehen. Teamchef Hermann Stadler hatte Arnautovic erst im April desselben Jahres in sein Team geholt. "Er war in allen Belangen ein ausgezeichneter Fußballer: körperlich robust, groß, kopfballstark, technisch hervorragend", erläutert Stadler dem ballesterer die Gründe für die Einberufung. "Er war damals schon ein Topspieler", sagt auch sein damaliger Teamkollege Marc Sand. Der Kärntner war zu jener Zeit im Sturmzentrum der U19 gesetzt, heute kickt er in der Zweiten Klasse B beim SV Rosegg des Kärntner Fußballverbands. Er spricht aber auch von Schwierigkeiten im Gefüge: "Das System ist auf Marko zugeschnitten worden, obwohl wir in der Vorbereitung mit einem Stürmer gute Ergebnisse erzielt hatten."

Im 4-2-3-1 der U19 war Arnautovic allmählich zur zweiten Sturmspitze geworden. "Spielerisch war er dadurch schwerer zu integrieren", sagt Sand. Hermann Stadler und seinem Team stellt er dennoch eine gute Leistung aus: "Unsere Trainer waren schwer in Ordnung. Wir hatten eine klare Linie. Sowohl Trainer als auch Spieler haben in Marko eine riesige Verstärkung gesehen." Doch Arnautovic konnte seiner Mannschaft keine zwei Spiele lang helfen. Nach einem 0:2 gegen den späteren Europameister Spanien sah er beim 1:1 gegen Griechenland – vor den Augen von A-Teamchef Josef Hickersberger – kurz vor Schluss die Gelb-Rote Karte. Das Ausscheiden nach einem 0:2 gegen Portugal musste er von der Tribüne des Rieder Stadions aus verfolgen. Drei Monate nach seinem Debüt war Arnautovics Karriere in der U19 wieder vorbei.

Eigenwillig, selbstsicher, nett

Zwischenmenschlich sei die Integration aber leicht gefallen, obwohl der Hoffnungsträger zu den Jüngsten im Kader gehörte. "Er war so, wie man ihn heute kennt: eigenwillig und sehr von sich überzeugt", sagt Sand mit einem Lachen. "Aber er war sehr nett." Hermann Stadler sagt über seinen ehemaligen Schützling: "Er hat immer zumindest einen gebraucht, mit dem er sich besser verstanden hat." Im U19-Team war das damals Edin Salkic. Der wenige Wochen jüngere Stürmer ersetzte Arnautovic beim abschließenden 0:2 gegen Portugal und spielt heute, nach Engagements beim SK Sturm und Wiener Neustadt, beim ASV Vösendorf in der Gebietsliga. Nach dem Kurzauftritt bei der Europameisterschaft strahlte Arnautovics Licht nicht mehr ganz so hell. Eine Altersstufe darüber nahm man nur wenig Notiz von ihm. Die U20-Weltmeisterschaft in Kanada ging ohne den Wiener über die Bühne. Sie endete mit dem vierten Platz für Österreich und diente heutigen Teamspielern wie Rubin Okotie und Zlatko Junuzovic als Karrieresprungbrett. Der damalige U20-Teamchef Paul Gludovatz legte großen Wert auf ein gewachsenes Teamgefüge. In den Oberösterreichischen Nachrichten berichtete er 2010, dass Josef Hickersberger ihm Arnautovic für das Turnier vorgeschlagen habe. Gludovatz’ lapidare Antwort: "Wenn er so super ist, dann nimm ihn halt du." Und weiter: "Ich wurde immer dafür kritisiert, dass ich nur mit den Braven arbeiten will. Aber aus meinen ‚braven’ Spielern habe ich immer gute Mannschaften gemacht."

Auf ballesterer-Anfrage zieht es Gludovatz heute vor, seine Meinung über Arnautovic bei sich zu behalten. Hickersberger selbst blickt amüsiert zurück: "Der Paul hat meine Empfehlung nicht beherzigt, obwohl wir uns immer sehr gut verstanden haben. Aber aus Gründen, die ich nicht kenne, wollte er ihn nicht dabeihaben." Aber auch der zweimalige ÖFB-Teamchef hatte Marko Arnautovic nicht auf dem Radar, als er ein Jahr später den Kader für die EM 2008 zusammenstellte, sondern vertraute auf bewährte Kräfte wie Roland Linz und Ivica Vastic.

Ständige Kritik

Unter Hickersbergers Nachfolger Karel Brückner war es schließlich so weit. Marko Arnautovic debütierte im Nationalteam – und viel schlechter konnte es kaum beginnen. Der 19-jährige Wiener erlebte in seinen ersten beiden Länderspielen 2008 ein 1:1 auf den Färöer und ein 1:3 gegen Serbien. Nach der EM war die Stimmung rund um Österreichs vermeintlich beste Kicker rasch gekippt. Teamchef Karel Brückner hielt dem medialen Gegenwind nicht lange stand – zwei verlorene Spiele später war Arnautovics Förderer Geschichte, noch ehe der junge Wiener 180 Spielminuten verbuchen konnte. Es passt zu seiner Laufbahn, dass seine Teamkarriere im Klima der Unsicherheit und der verpassten Chancen begann und Kritik an der Tagesordnung stand.

Dietmar Constantini, der das Team Anfang 2009 übernahm, setzte nur ein Spiel lang auf Arnautovic. Danach griff er für eineinhalb Jahre nicht mehr auf ihn zurück – auch weil sich der im Sommer 2009 vollzogene Wechsel zu Inter als Sackgasse entpuppte. Ein hartnäckiger Ermüdungsbruch und mangelnde Spielpraxis ließen einen Platz im Nationalteam in weite Ferne rücken. Doch in der von Andreas Herzog trainierten U21 führte kein Weg am Mailänder Tribünensitzer vorbei: In drei Spielen im Jahr 2010 schoss Arnautovic drei Tore und legte zwei weitere vor. Damit empfahl er sich nachdrücklich für höhere Aufgaben und wurde schließlich, nach seinem Wechsel zu Werder Bremen, ein fester Bestandteil des Teamkaders.

Im Doppelpass zur Überzahl

Obwohl sich die ersten Jahre im Nationalteam durchwachsen gestalteten, konnte Marko Arnautovic durch seine offensive Variabilität viel Schwung ins Team bringen. In Karel Brückners flachem 4-5-1 agierte er, ähnlich wie in der U21 von Andreas Herzog, weiter außen an den Flügeln oder als Sturmspitze anstelle von Marc Janko oder Rubin Okotie. Unter Dietmar Constantini, der in einem 4-4-2 ein dichtes Zentrum forcierte, zog es ihn immer mehr in die Mitte, wo er im Oktober 2010 gegen Aserbaidschan seine ersten beiden Tore erzielen konnte.

Unter Marcel Koller sollte sich der Reifeprozess Arnautovics im Team weiter fortsetzen. In den letzten Jahren trat er mehr als Vorbereiter denn als Torschütze in Erscheinung. Wie bei seinem nunmehrigen Klub Stoke City kommt ihm dabei entgegen, dass die Sturmspitzen im 4-3-3 von technisch starken Flügelstürmern unterstützt werden. Die Rückendeckung durch offensivstarke Außenverteidiger und ein laufstarkes zentrales Mittelfeld ermöglichen es Arnautovic, raumgreifender zu spielen.

Helmut Neundlinger hat Arnautovics Spielweise schon oft beobachtet. Der Journalist verfasst für FAS.research Netzwerkanalysen zu den österreichischen Länderspielen. Ihm fällt vor allem die Harmonie mit Fuchs am linken Flügel auf. "Mit David Alaba oder Zlatko Junuzovic erweitert es sich oft zum Dreieck. Das ist ein klar feststellbarer Schwerpunkt im Spielaufbau. Mit Fuchs zelebriert Arnautovic auf engstem Raum ein Doppelpassspiel, das oft wie ein Überzahlspiel wirkt." Auch Philipp Eitzinger, Redakteur des Taktikblogs ballverliebt.eu, sagt: "In der Regel ist Arnautovics Seite nach vorne die produktivere und nach hinten die sicherere. Die Abstimmung mit Fuchs und Alaba neben ihm wird immer besser."

Defensiver Dynamo

"Es war Kommunikation notwendig, um sich auch im Training und am Platz zu verbessern", sagt Nationalteamkapitän Christian Fuchs dem ballesterer. "Mittlerweile wissen wir beide, wie der andere spielt, was der andere braucht. Marko braucht nach vorne viele Freiheiten und Support. In den letzten Spielen sind wir sehr oft über außen durchgekommen. Aber gleichzeitig sind wir in der Defensive sehr stabil." Fuchs benennt auch die nötige mentale Komponente. "Er braucht den positiven Zuspruch. Den versuche ich ihm auch zu geben." In den letzten neun Spielen lieferte Marko Arnautovic vier teilweise spielentscheidende Assists. Das Solo, mit dem er Rubin Okoties Treffer gegen Montenegro vorbereitete, überzeugte noch dazu durch technische Raffinesse. Aber der größte Sprung in seiner fußballerischen Entwicklung betrifft die Arbeit nach hinten. "Ich vermittle ihm, auch dann bereit zu sein und zu arbeiten, wenn der Ball nicht bei ihm ist. Im Konkreten meine ich damit die Arbeit in der Defensive", sagt Marcel Koller dem ballesterer. Der Teamchef gibt aber auch zu bedenken, dass die Zeit im Rahmen der Zusammenkünfte des Nationalteams zu kurz sei, um dabei wirklich in die Tiefe zu gehen.

Kollers Rekordspieler

Arnautovic profitiert davon, dass bei Stoke City Defensivarbeit ebenfalls eine Bedingung ist, um in der Premier League bestehen zu können. "Seit er in England ist, ist Arnautovic defensiv deutlich stärker und lauffreudiger", sagt auch Josef Hickersberger. "Er geht jetzt in kämpferischer Hinsicht mit gutem Beispiel voran – etwas, das man ihm lange Zeit nicht zugetraut hat. Er ist ein sehr guter Teamplayer geworden." Dass er mit 2.159 Minuten die meiste Einsatzzeit aller von Marcel Koller eingesetzten Spieler hat, unterstreicht seinen Wert für das Team. Dabei schwingt aber immer noch ein Hauch Genialität mit. Arnautovic beherrscht es perfekt, sich aus einer Unterzahl zu befreien. Er schirmt den Ball mit dem Körper ab, bis er die Lücke zwischen den Gegnern findet. "Er kann aus vermeintlich statischen Situationen binnen Sekunden eine relevante Dynamik erzeugen. Da blitzt wohl auch das Handwerk des Käfigkickers durch", sagt Neundlinger. Dabei kann es durchaus einmal zu einem Rückpass kommen, beschleunigt Arnautovic jedoch nach vorne, kann er mit seiner Unberechenbarkeit Räume öffnen und den Spielaufbau entscheidend beeinflussen. "Der Gegner kann es sich nicht erlauben, Arnautovic unbewacht zu lassen", sagt Eitzinger. "Dadurch bindet er Gegenspieler."

Marko Arnautovic brauche nun mehr Konstanz, sagt Teamchef Koller: "Er verfügt über ein großes Potenzial, das aber noch lange nicht aus-geschöpft ist. Er ist schnell, hat eine sehr gute Technik und einen robusten Körper. Wenn er weiter an sich arbeitet, wird er einen weiteren Schritt in seinem Leistungsvermögen machen." Dass Arnautovic mittlerweile selbst in Testspielen wie jenem gegen Bosnien rackert, kämpft und das Spiel an sich reißt, ist ein guter Anfang. (Text: Mario Sonnberger, Mitarbeit: Johannes Hofer & Benjamin Schacherl, Fotos: Stefan Reichmann, 21.5.2015)

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