Bin Laden las Verschwörungstheorien zu 9/11

21. Mai 2015, 07:43
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Briefe geben Aufschluss über Denkweise des Al-Kaida-Chefs: "Foreign Policy" und Videospiel-Handbuch zählten zur Lektüre

Washington/Islamabad – Vier Jahre nach seinem Tod werden nun Details aus dem Versteck Osama bin Ladens im pakistanischen Abbottabad bekannt. Am Donnerstag gaben die USA mehr als 100 Dokumente in englischer Übersetzung frei, die der Eliteeinheit Navy Seals beim nächtlichen Zugriff auf den Al-Kaida-Chef im Mai 2011 in die Hände gefallen waren.

Die Veröffentlichung der "Bin Ladin's Bookshelf" genannten Dokumente erfolgte wenige Tage nach Erscheinen eines Artikels in der "London Review of Books", in dem Starjournalist Seymour Hersh die Obama-Regierung der Lüge über die Umstände von Bin Ladens Tod bezichtigt hatte. Die pakistanischen Behörden hätten den gesuchten Terroristen nach Ansicht Hershs jahrelang in dem Anwesen festgehalten, bevor US-Soldaten ihn töteten. Bisher gab die US-Regierung stets an, den Einsatz ohne Absprache mit der pakistanischen Regierung durchgeführt zu haben. Kritiker weisen auf die zeitliche Nähe der beiden Berichte hin.

Frustration und Isolation

Die von der Aufsichtsbehörde für die US-Geheimdienste (DNI) online gestellten Dokumente ermöglichen einen Blick auf die Denkweise und das Wissen des damaligen Chefs der Terrororganisation Al-Kaida. Sie zeichnen aber auch das Bild eines zunehmend isolierten und frustrierten Mannes, dem die Kontrolle über das von ihm geschaffene internationale Netzwerk nach und nach entgleitet.

Bis zu seinem Tod scheint Amerika eine widersprüchliche Faszination auf Bin Laden ausgeübt zu haben. "Wir müssen uns darauf konzentrieren, Amerikaner zu töten und zu bekämpfen", heißt es in einem der nun für die Öffentlichkeit zugänglichen Briefe. Die USA bezeichnet er als "Führer der Ungläubigen" und den Sieg über sie als "zwingende religiöse Pflicht". In Afghanistan müssten hundertmal mehr Amerikaner sterben, um die Zahl der US-Todesopfer des Vietnamkriegs zu erreichen.

Der zunehmende Machtverlust

Doch auch über die strategische Ausrichtung von Al-Kaida wurde heftig gestritten. So forderte Bin Laden, die Terroranschläge sollten sich auf den größten Feind USA konzentrieren: "Wir sollten Einsätze gegen die Armee und Polizei in allen Regionen stoppen, außer im Jemen", schrieb er. Darin zeige sich seine Sorge, "eine Uneinigkeit des globalen Jihads könnte den Niedergang der Bewegung einleiten", mutmaßt ein ranghoher US-Geheimdienstanalyst.

Dass die Organisation Al-Kaida im Irak, ein Vorläufer der Miliz "Islamischer Staat" (IS), im Irak einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten anheizte, brachte Bin Laden und seinem damaligen Vize Ayman al-Zawahiri scharfe Kritik ein. Dafür, dass Bin Laden die in seinem Namen angerichteten "Skandale" und das Blutvergießen nicht verurteile, werde er von Gott zur Rechenschaft gezogen werden, schrieb die Gruppe Jihad- und Reformfront in einem Brief von 2007. "Wenn du es noch kannst, ist es deine letzte Chance, den Zusammenbruch des Jihad im Irak aufzuhalten."

"Gott war nicht auf unserer Seite"

In einem Schreiben äußert Bin Laden seine Enttäuschung über gescheiterte Terroranschläge. "Es war Pech, und Gott war nicht auf unserer Seite", heißt es im "Bericht über äußere Operationen". Unter den Zielen sind Russland, wo dem Brief zufolge eine Gasleitung oder die US-Botschaft explodieren sollte, sowie Großbritannien und Amerikaner in Dänemark. Dorthin sei eine Gruppe von "drei Brüdern" geschickt worden, um eine "Operation" durchzuführen. Der Kontakt sei aber abgerissen. Bin Laden ruft dazu auf, neben Gas- und Dieseltanks auch Flugzeuge, Züge und Autos als "Tötungswerkzeuge" einzusetzen.

Faszination USA

Bin Laden scheint sich laut den veröffentlichten Bücherlisten aber auch für die Funktionsweise der US-Politik interessiert zu haben. 39 englischsprachige Bücher wurden bei dem an einer saudischen Eliteschule ausgebildeten und des Englischen mächtigen Terroristen gefunden, darunter ein Buch über Verschwörungstheorien rund um die Anschläge vom 11. September 2001 sowie über die Illuminaten. Auch der Abschlussbericht der Kommission zur Untersuchung der 9/11-Anschläge zählt zum Bestand. Er besaß zudem ein Buch von "Washington Post"-Reporter Bob Woodward über die Kriege von US-Präsident Barack Obama sowie ein Werk des Sprachphilosophen und Begründers der modernen Linguistik, Noam Chomsky. Auch "Foreign Policy" sowie Studien von US-Thinktanks hat Bin Laden gelesen.

Selbst ein Handbuch zum 2009 erschienen Videospiel "Delta Force Extreme 2", eine Anleitung für Siebdruck-Techniken, ein Guinness-Buch der Rekorde für Kinder und ein Handbuch für arabische Kalligrafie fanden die Soldaten. Möglicherweise wurden diese Werke allerdings von anderen Bewohnern des Verstecks in Pakistan genutzt. Unklar ist auch, ob er die Bücher selbst geordert hat oder ob Helfer sie ihm auf eigene Initiative zugespielt haben.

Aufzeichnungen geben zudem Einblick in das Privatleben des damals meistgesuchten Mannes der Welt. Als seine Frau Umm Hamza von einer Iran-Reise zurückkehrte, musste sie ihre komplette Kleidung wechseln aus Angst, es könne eine Wanze darin versteckt sein. "Da den Iranern nicht vertraut werden kann, könnte ein Chip in deine Sachen eingesetzt worden sein." In einem dreiseitigen Brief an seine in den Iran geflohene Frau Khairiyah schildert Bin Laden seine Bemühungen, die Familie wieder zusammenzuführen, und seine zunehmende Frustration über die Sicherheitsbedenken seiner Beschützer.

Pornografie

Dass man in Bin Ladens "Bücherregal" auch Pornografie gefunden hat, galt jahrelang als offenes Geheimnis. Auf Anfrage der Londoner Tageszeitung "Guardian" sagte ein US-Regierungssprecher, dass man nicht plane, Details zu der pornografischen Lektüre des Terroristen zu veröffentlichen. (red, APA, 21.5.2015)

  • Die Bücherliste Bin Ladens beinhaltet Werke von Noam Chomsky und dem Watergate-Skandal-Aufdecker Bob Woodward.
    foto: apa/epa/handout

    Die Bücherliste Bin Ladens beinhaltet Werke von Noam Chomsky und dem Watergate-Skandal-Aufdecker Bob Woodward.

  • Aufzeichnungen von Bin Laden.
    foto: apa/epa/handout

    Aufzeichnungen von Bin Laden.

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    foto: apa/epahandout
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