Hochner-Preis: "Recht auf Information" statt Amtsgeheimnis

20. Mai 2015, 17:59
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Ö1-Journalist Bernt Koschuh wurde mit Hochner-Preis ausgezeichnet, Vorhofer-Preisträger Jungwirth warnt vor "ungarischen Verhältnissen" – Die Reden im Wortlaut

Wien – Beim Bundespräsidenten rennt Bernt Koschuh offene Türen ein. Nicht allein, weil Heinz Fischer seine Räume in der Hofburg alle Jahre zur Verfügung stellt, um die nach Robert Hochner und Kurt Vorhofer benannten Journalistenpreise der Journalistengewerkschaft und der "Kleinen Zeitung" zu verleihen.

Der ORF-Chronikredakteur Koschuh dankte dort am Mittwochabend für den Hochner-Preis. Und weil solche Dankreden oft auch etwas wollen, zitierte Koschuh Heinz Fischer, der dem Amtsgeheimnis "einen beachtlichen Bart" attestierte.

Koschuh formuliert deutlicher: "Manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Überbringer von schlechten Nachrichten verfolgt werden. Nämlich unsere Informanten – etwa durch Anzeigen wegen Verrats des Amtsgeheimnisses. Die von ihnen aufgezeigten Probleme und Missstände zu beheben, da scheint man es oft nicht so eilig zu haben."

Tirol verweigere einem Verein seit acht Jahren Auskunft, trotz Urteils des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs. Salzburg verweigerte ehemaligen Heimkindern lange Einsicht in ihre Akten. Und als Koschuh über Kritik am Polizeieinsatz beim Akademikerball 2014 berichtete, wurde er nach Anzeige der Volksanwaltschaft einvernommen.

Das Amtsgeheimnis sei aus der Verfassung zu streichen und durch ein "Recht auf Information" zu ersetzen, fordert Koschuh – wie seit zwei Jahren angekündigt.

Willfährigkeit erkaufen

Michael Jungwirth ("Kleine Zeitung") verlangte von der Medienpolitik, sie müsse "mehr sein, als Überlegungen anzustellen, wie man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk an die Kandare nimmt oder sich durch Inserate die Willfährigkeit von Medien erkauft. Wir brauchen in Wien keine ungarischen Verhältnisse Orbán'schen Zuschnitts." (fid, 20.5.2015)


"Recht auf Information" statt Amtsgeheimnis: Bernt Koschuhs Rede im Wortlaut

"Liebe Clarissa Stadler, lieber Michael, sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Minister Ostermayer, Herr Chefredakteur Patterer, Generaldirektor Anzengruber, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine liebe große Familie und liebe Hochner-Preis-Jury – sehr geehrte Damen und Herren!

Ich fühl mich sehr geehrt! Offengestanden ist mir schwummrig geworden, als ich telefonisch erfahren hab, dass ich den Hochner-Preis bekomme. So richtig sich gefreut und gejubelt hat meine Frau Tina – entzückend war das. Jubel gab's auch von meinen Kolleginnen in der Redaktion. Und wenn ich diese Rede hinter mir hab, dann werd ich auch so richtig feiern können – und es ist schön, dass so viele mitfeiern wollen – so weit das halt geht. Bei mir geht's, ich hab morgen frei.

Bedanken möchte ich mich zunächst bei denen, die mich als 11. Hochner-Preis-Träger vorgeschlagen haben, Florian Klenk, Elisa Vass und meine Ressort-Chefin Barbara Weinzierl. Die haben da so viel Wertschätzendes und Freundliches in die Bewerbung reingeschrieben, dass ich ganz gerührt war und es noch bin.

Interviewpartner

Ich verdanke diesen Preis aber auch vielen Interviewpartnern, die mir vertraut haben und Dinge erzählt haben, die man nicht so oft zu hören bekommt und das in sehr pointierten Worten, wie sie nur Experten in eigener Sache finden können. Zum Beispiel über die Rekrutierung von Jihadisten in Wien.

Zitat: 'Salafisten, die haben Bücher verteilt. Das ist nicht so schlecht. Die Jugend soll mehr lesen, alles cool. Aber dann sind sie in die Ecke gegangen mit ein paar Jugendlichen und haben gesagt, kommt in die Moschee, das ist Gottes Krieg, wir müssen da alle hingehen. Und ein Freund von mir, der ist in den Krieg gezogen. Und er hat am Telefon gesagt, wenn ich zurückkomme, dann kommt meine Leiche.'

So drastisch hat die Emine formuliert, die heute auch da ist und die ich im Jugendzentrum Back Bone interviewen durfte. Und wenn ich als Journalist so pointierte Aussagen höre, weiß ich schon, der Beitrag wird gut, und das ist solchen Interviewpartnern zu verdanken. Noch ein Emine-Zitat über die Jihad-Propagandisten:

'Die sind echt freundlich aber die werden schnell wütend, wenn man ihre Meinung nicht vertritt. Viele Leute lassen sich dann einschüchtern und sagen, ich rede jetzt nicht zurück, rede rede und dann – ah – ok, jetzt verstehe ich. Obwohl, Du verstehst nichts in Deinem Kopf, er hat Dir einfach seinen Verstand in Deinen gesetzt.'

Danke Emine. Danke Back Bone Chefin Manuela Synek für den Mut, solche Interviews zu ermöglichen. Sie sind eine Bereicherung und meines Wissens war da kein anderes Jugendzentrum so mutig.

Aufzeigen mit Geschichten

Vielen, die mir in Interviews ihre Stimme geliehen haben, hat das Kraft und Überwindung gekostet - auch wenn sie anonym geblieben sind. Weil sie über ihr Leben erzählt haben und es das Leben nicht gut gemeint hat mit ihnen. Obdachlose etwa, Häftlinge, Asylwerber, ehemalige Heimkinder und Missbrauchsopfer. Aber sie wollten etwas aufzeigen mit ihren Geschichten.

So wie Monika B., die heute da ist. Sie war eines von hunderten Pflegekindern aus Wien, die auf Bauernhöfen bei Pflegeeltern im Bezirk Radkersburg aufgewachsen sind.

Zitat: 'Wir waren die Fürsorgekrüppel. Wir waren nur zuständig für den Acker, den Kuhstall, das Arbeiten. Da hat es kein Lernen oder Spielen gegeben. In meinem ganzen Leben habe ich nie eine Puppe bekommen.'

Als sie mir 2012 dieses Interview gegeben hat, sind bei der Frau B. die Tränen geflossen. Aber ich hatte das Gefühl, dass das in Ordnung ist. Das war ein befreiendes oder befreites Weinen und sie war entschlossen, wie viele Interviewpartner.

Entschlossen, nicht zu verschweigen und zu vergessen, sondern ihr Schicksal aufzuzeigen und zu benennen. Oft auch um zu verhindern, dass anderen heute Ähnliches widerfährt. Danke Frau B. für ihre Offenheit!

Einsicht in eigene Akten verweigert

Ich verdanke diesen Preis auch Informanten und Expertinnen, die mich immer wieder hinweisen auf brisante Themen und mir Informationen zukommen lassen. Ein Journalist ist so gut wie seine Informationen abseits von Presseaussendungen und Pressekonferenzen.

Und es ist in Österreich, dem Land, wo das Amtsgeheimnis in der Verfassung steht, und der Datenschutz für Firmen und Institutionen oft übertrieben wird, oft nicht einfach auf offiziellem Weg an Unterlagen zu kommen. Das Land Salzburg zum Beispiel hat bis ins Jahr 2013 ehemaligen Heimkindern die Einsicht in ihre eigenen Akten verweigert.

Anzeige der Volksanwaltschaft

Und ich erzähle kurz eine Anekdote:

Die Volksanwaltschaft hat nach einem meiner Berichte Anzeige erstattet wegen Verrats des Amtsgeheimnisses. Das war vor ziemlich genau einem Jahr. Kritik am Polizeieinsatz beim Akademikerball 2014 war das Thema des Beitrags. Und in anderen Staaten würden Menschenrechtskommissionen, die solche Einsätze beobachten, schon am nächsten Tag an die Öffentlichkeit gehen. In Österreich hingegen schreibt zuerst die zuständige Menschenrechts-Kommission einen Bericht an die Volksanwaltschaft, dann schreibt die Volksanwaltschaft dem Innenministerium, die schreibt der Polizei Wien, die schreibt dann zurück und nach einem Jahr, nach dem darauf folgenden Akademikerball – würde dann wohl ein Bericht veröffentlicht.

Eine Informantin, ein Informant hat das Ganze ein bisschen abgekürzt und mir etwas zugespielt und die Volksanwaltschaft wollte herausfinden, von wem ich das habe. Und so hat mich das Bundesamt für Korruptionsbekämpfung als Zeuge einvernommen – ohne Ergebnis freilich. Zum Glück gibt es Informantenschutz und Redaktionsgeheimnis.

Ich bin da auch keineswegs beleidigt und habe ein gutes Einvernehmen mit den drei Volksanwälten.

Überbringer werden verfolgt

Aber der Punkt ist: Manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Überbringer von schlechten Nachrichten verfolgt werden – nämlich unsere Informanten – etwa durch Anzeigen wegen Verrats des Amtsgeheimnisses. Die von ihnen aufgezeigten Probleme und Missstände zu beheben, da scheint man es oft nicht so eilig zu haben.

Bundespräsident Fischer hat einmal gesagt, das Amtsgeheimnis ist eine Einrichtung, "die einen beachtlichen Bart hat". Nun wird seit mehr als zwei Jahren angekündigt, dass das Amtsgeheimnis aus der Verfassung gestrichen und durch ein Recht auf Information ersetzt wird. Allmählich scheint die Reform jetzt spruchreif zu werden. Und vielleicht gibt ja die Posse um geschwärzte Akten, die das Finanzministerium an den Verfassungsgerichtshof geschickt hat, den letzten Anstoß. Wenn schon der Mensch droht, "gläsern" zu werden durch Geheimdienste und Internet, muss auch der Staat transparenter werden.

Dazu wird es aber auch ein Umdenken in den Köpfen geben müssen, dass Macht und Recht allemal vom Volk ausgehen und nicht von Politik und Bürokratie. Und dass Bürger und Steuerzahler daher ein Anrecht haben auf Informationen.

Und wenn in Streitfällen ein Informationsfreiheitsbeauftragter oder ein Gericht entscheidet, dass eine Information zur Verfügung gestellt werden muss, dann sollte das auch rasch umzusetzen sein.

Acht Jahre Informationen verweigert

Es kann nicht so sein wie in einem Fall, den ich dank dem Forum Informationsfreiheit kenne: Da hat ein Verein vor acht Jahren Informationen und Daten vom Land Tirol angefragt. Und vor eineinhalb Jahren hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg die Republik verurteilt, weil eben diese Information verweigert wurde. Das Land Tirol aber hat sie nach wie vor nicht herausgegeben.

Ich verdanke diesen Preis vor allem auch den Möglichkeiten die ich, die wir als Mitarbeiter der Ö1-Journale haben.

Ö1 muss erhalten bleiben – da sind sich auch im ORF eh alle einig. Ich möchte dazu einen Artikel aus der "Presse" zitieren:

'Ö1 ist ein rettendes Eiland, auf dem noch so etwas wie die Fackel der Wahrhaftigkeit brennt, eine der letzten heimischen Bastionen dessen, was guter Journalismus leisten kann und soll. Ö1, so sagen viele Hörerinnen und Hörer, sei für sie der letzte Grund, die ORF-Gebühren doch noch zu bezahlen.' Aber Ö1 sei gefährdet, wenn der Sender an den Stadtrand auf den Küniglberg zieht, schreibt die Kollegin Woltron dann vor etwas mehr als einem Jahr.

Rasch ein paar Informanten

Ich war damals gerade beim ORF-Report am Küniglberg und hab mich dort im Team sehr wohl gefühlt und viel gelernt. Aber als ich zurückgekommen bin, war so ziemlich das Erste, dass ich mir eine Woche zugepflastert habe mit Treffen mit Informanten, Experten. Fast ausschließlich zum Mittagessen, denn die arbeiten ja fast alle in der Nähe von Karlsplatz und Argentinierstraße. Mit dem Fahrrad ist man sofort in der Innenstadt. Und solche Treffen sind halt die Basis für gute Stories und Beiträge.

Und ich höre auch, dass renomierte Schauspieler und Sprecher, die für relativ wenig Geld für Ö1 arbeiten, sagen: 'Wegen 120 Euro brutto fahre ich sicher nicht auf den Küniglberg.'

In der Verkehrsarbeitsgruppe, wo ich mitarbeite, drehen wir nur an kleinen Schräubchen, planen die Verkürzung von Busrouten, damit wir um fünf Minuten schneller am Küniglberg sind.

Küniglberg "strategisch mieser Standort"

Ich habe mich als kleiner ORF-Redakteur vor einem Jahr aus dem Fenster gelehnt und Generaldirektor und Finanzdirektor geschrieben, der Küniglberg sei ein strategisch mieser Standort. Und 'wir werden ganz wunderbar dort im eigenen Saft braten, uns mit uns selbst beschäftigen statt mit der Außenwelt.'

Aber ich will nicht ungerecht sein. Schon heute recherchieren wir in der Radio-Information großteils am Telefon und arbeiten mit Telefon-O-Tönen. Das ist standortunabhängig.

Und in Vorbereitung auf den gemeinsamen Standort ORF-Zentrum werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter derzeit eingebunden, es gibt eine Vielzahl an Arbeitsgruppen – speziell im Newsbereich. Und wir beginnen dadurch ansatzweise schon zusammen zu wachsen. Das ist gut so. Und natürlich kann auch ein Kollege ein guter Informant sein.

Es gibt zwar immer noch absurde Schwierigkeiten, wenn's darum geht Fernseh-Interviews für das Radio nutzbar zu machen – trotz High Tech. Und es ist oft schwer, Radio-Beitragstexte etwa aus dem Abendjournal ins Internet ins ö1.orf.at zu bringen – auch weil's da bei uns Personalabbau gegeben hat. Aber insgesamt machen wir Fortschritte.

Auch ö1 kann von Synergien profitieren

Und natürlich wird es künftig Synergien geben, von denen die Ö1 Hörer profitieren werden und die ORF 2 oder ORF 3 Seher. Also Synergien, die nicht Personalabbau bedeuten sondern Qualitätsverbesserung – die ist auch bei Ö1 durchaus möglich.

Es bleibt letztlich die Hoffnung und das Vertrauen in die Entscheidungsträger und Kollegen, die den gemeinsamen Standort vorbereiten, von denen ich viele persönlich kenne und schätze und von denen viele früher einmal im Funkhaus gearbeitet haben; auch die Hoffnung, dass sie den Wert von zentrumsnahen Arbeitsplätzen erkennen und genügend solche Arbeitsplätze in einem möglichst großen Stadtstudio schaffen – für aktuelle und nicht aktuelle Berichterstattung.

Mein Wunsch, wohl unser Wunsch, wäre halt, dass sich nicht alles an Geld und Kosten orientiert. Geld ist vielleicht das einzige, was wirklich messbar ist. Aber im Radio kann man Kostenersparnis und Geld nicht hören.

Dank den Kolleginnen

Was man hören kann, sind Menschen, auch wieder solchen denen ich diesen Preis verdanke:

Der Barbara Weinzierl, unserer Chronik-Ressortchefin, Sie schafft es immer wieder, uns freizuspielen für aufwendige Recherchen und Reportagen – und das ist wohl die Grundlage, dafür, dass wir in letzter Zeit Preise abräumen.

Danke Barbara Reichmann, die ein erfrischend kritischer Geist ist und immer wieder hilfsbereit einspringt – universell in vielen Themenbereichen, eben zum Beispiel, wenn jemand an einer Schwerpunktrecherche arbeitet.

Danke der Concordia-Menschenrechts-Preisträgerin Barbara Gansfuss, die mir im Büro gegenüber sitzt, eine Seele, die immer ein Ohr hat für mich – und mich mit Rat und Tat unterstützt. So jemanden fast täglich gegenüber sitzen zu haben, hat einen unschätzbaren Wert.

Danke Petra Pichler, die für ihre Gerichtsberichterstattung den Wiener Journalistinnenpreis 2013 bekommen hab, eine Frau mit großem Gerechtigkeitssinn, mit der ich einen intensiven Austausch über Korruptionsthemen habe.

Danke der fröhlichen und ermutigenden Beate Tomassovits, der Aquila Verkehrssicherheits-Preisträgerin!

Und Danke Veronika Mauler, der frisch gebackenen Preisträgerin des europäischen CIVIS-Integrationspreises. Die setzt sich manchmal sogar an meinen Computer und feilt am guten Ton meiner Reportagen.

Also, Sie hören schon, wir sind klein, aber fein, ich der Hahn im Korb – und eigentlich hab ich uns von der Radio-Chronik ja immer als Underdogs gesehen. Es ist eine echte Freude, wenn die Underdogs jetzt Preise abräumen.

Vielen Dank!"


"ORF an die Kandare", "Willfährigkeit mit Inseraten erkaufen": Die Rede von Michael Jungwirth im Wortlaut

"Sehr verehrter Herr Bundespräsident, liebe Familie, liebe Freunde, Als ich vier Jahre alt war, erzählen mir meine Eltern, sei ich im Morgengrauen im Bett hochgeschreckt, sobald der Zusteller die Zeitung – es war damals schon die 'Kleine Zeitung' - in den mit einer quietschenden Spiralfeder versehenen Briefschlitz gesteckt hat. Meine morgendliche Mission war es damals bereits, die neuesten Nachrichten dem Leser zukommen zu lassen, in diesem Fall meinen Eltern, wenn auch zwischen 4 und 5 Uhr in der Früh.

Nach der Matura war ich ein Jahr lang in der Nähe von New York. Zum morgendlichen Ritual zählt der Kauf der "New York Times", am Donnerstag kam die "Village Voice", die Mutter aller Stadtzeitungen, dazu. Ich war unlängst wieder in den USA. Ich fürchte, ich habe mir kein einziges Mal die "New York Times" gekauft, und die einst 200 Seiten dicke "Village Voice" kann man heute gratis aus irgendwelchen Blechständern herausholen.

Es entspricht einer alten Tradition, dass der Preisträger des Vorhofer-Preises in seiner Rede dem eigenen Arbeitgeber die Leviten liest – mit der Aufforderung, dem seriösen Journalismus mehr Raum, mehr Zeit, mehr Geld, mehr Ressourcen einzuräumen.

Müsste man nicht dem Leser die Leviten lesen?

Müsste man nicht eher dem geneigten Leser die Leviten lesen? Noch nie war ein Zeitungsexemplar so billig wie heute – gemessen am Bruttoeinkommen, noch nie waren Zeitungen so gut und aufwendig gemacht, aktuelle Berichte angereichert durch Zusatzinformation, Hintergründe, Meinungsseiten. Dennoch greift der Leser weniger zu Zeitungen als früher. Ein schwacher Trost, dass es dem Fernsehen nicht anders geht. Die Zib1 als Lagerfeuer der Familie existiert nicht mehr, die Lektüre der Morgenzeitung als großes familiäres Lagerfeuer am Frühstückstisch ist auch ein Auslaufmodell.

Wir wissen es ohnehin. Die Zukunft liegt im Digitalen, wir müssen auf mehreren Klaviaturen spielen, je nach Zählweise vier bis fünf (Print, Online, Handy, Ipad, Soziale Medien). Aber können wir's? Weil wir eine Klaviatur, Print, beherrschen, auf ihr brillieren, glänzen, alle Register ziehen, heißt es noch lange nicht, dass wir es auf den anderen genauso gut können. Noch dazu, wo man auf jeder der Klaviaturen was anderes spielt – auf der einen Klassik, auf der zweiten Jazz, auf der dritten Pop, auf der vierten Hip-Hop. Und was machen wir, wenn die Menschen überhaupt auf Tasteninstrumente pfeifen und andere Instrument, etwa ein Saxophon, bevorzugen?

Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich mit dem Vorhofer-Preis ausgezeichnet werde. Ich nehme den Preis mit großer Freude und großer Demut an. Es ist dies zum 20. Mal, dass der Preis für "publizistische Leistungen im Printbereich" vergeben wird. Aber wenn Print ein Auslaufmodell ist, wird der Vorhofer-Preis in 20 Jahren überhaupt noch vergeben werden? Natürlich wird Print weiter bestehen, nicht mehr in der Breite, nur noch in der Tiefe, für einen harten Kern.

Müsste man den Preis nicht auf andere Plattformen ausdehnen, damit der Vorhofer Preis noch eine Zukunft hat? Dass die Medien vor einem großen Umbruch stehen, sollte auch das besondere Interesse der Politik hervorrufen.

"Willfährigkeit mit Inseraten erkaufen"

Medienpolitik muss mehr sein, als Überlegungen anzustellen, wie man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk an die Kandare nimmt oder sich durch Inserate die Willfährigkeit von Medien erkauft. Wir brauchen in Wien keine ungarischen Verhältnisse Orban'schen Zuschnitts.

Die Medien werden oft etwas großspurig als vierte Gewalt bezeichnet. Ich weiß nicht, ob die Zuschreibung heute zutreffend ist – in Zeiten der Fragmentierung des öffentlichen Raumes, der öffentlichen Meinung.

Was wir in jedem Fall in Zukunft sein sollten, sind Plattformen, um den öffentliche Diskurs zu ermöglichen. Die Vorstellung von Francis Fukuyama, mit dem Zusammenbruch des Kommunismus sei das Ende der Geschichte eingeleitet, hat sich als große Illusion erwiesen. Wenn wir uns umblicken, spüren wir mehr denn je, dass Gewissheiten Risse bekommen haben.

Ich war ja lange in Brüssel, und bei x-Hintergrundgesprächen hat uns Helmut Kohl einzutrichtern versucht, wir brauchen den Euro, denn dann sei die EU als Friedensprojekt umumkehrbar. Heute spürt jeder, dass die Garantie vom ewigen Frieden in Europa brüchig geworden ist. (Ich hoffe nicht, dass der Traum vom ewigen Frieden im Reich der Utopien verschwindet) – eine schmerzhafte Erkenntnis für jemand, der mit vielen anderen 1989 bei Revolution in Osteuropa dabei war – ich denke nur an Andreas Koller, Armin Wolf, Claus Pandi, Barbara Coudenhove-Kallerghi, Roland Adrowitzer... und wir damals 1989 in Prag gedachten haben, als das Regime gestürzt wurde.. so, das war's jetzt mit den Bösewichten.

Aus der Nabelschau ausbrechen

Ich bin 2007 von Brüssel nach Wien zurückgekehrt. Innenpolitische Berichterstattung erfordert ein besonders Fingerspitzengefühl – auf der Suche nach der goldenen Mitte zwischen Nähe und Distanz. Trotz aller Angriffigkeit sollte man nie die Grenze zur Untergriffigkeit überschreiten, trotz aller Härte immer auch Fairness walten lassen.

Wenig Fairness verdient höchstens eine Politik, die sich in Worthülsen ergeht, sich in Selbstinszenierung gefällt, den Dienst an Bürger mit dem Dienst an der eigenen Klientel verwechselt. Politik ist nun allemal geborgte Macht. Umgekehrt sollte auch der innenpolitische Journalist, der dauernd von der Politik Weitblick und Tiefgang einfordert, selbst aus der Nabelschau ausbrechen.

Die Zukunft Österreich entscheidet sich nicht zwischen Neusiedler, Wörther- und Bodensee, sondern im europäischen, im globalen Kontext. Gerade das aktuelle Flüchtlingsdrama lehrt uns, wie sehr Innen- und Außenpolitik miteinander verwoben ist – und dass in der Vergangenheit zu wenig über den nationalen Tellerrand geblickt wurde in der Entwicklungspolitik, in der Handelspolitik, in der Au?enpolitik im Umgang mit Regionen, die zu "failed States" geworden sind, vielleicht auch in Verteidigungspolitik.

Neutralität hin oder her – ich bin froh, dass die Amerikaner 1944 Panzer in Bewegung gesetzt haben, um uns von den Nazis zu befreien. Sonst hätten wir vor ein paar Tagen vielleicht erst 65 Jahre Zweite Republik gefeiert.

Zeitungen als verlässlicher Kompass

Die Zukunft Österreichs sollte man nicht der traditionellen Innenpolitik überlassen. Nur so haben Zeitungen als verlässlicher Kompass in Zeiten der neuen Unübersichtlichkeit eine Zukunft. Ich bedanke mich zuerst bei der Jury, die mich offenbar in mehreren Wahlgängen zum Preisträger gekürt hat.

Ich bedanke mich bei Ihnen, Herr Bundespräsident, herzlich und aufrichtig für die Gastfreundschaft. Ich bedanke mich beim Verbund, der das finanziell ermöglich hat. Ich bedanke mich bei meinem Chef, Hubert Patterer, bei Thomas, den vielen Kollegen für das Vertrauen. Ich bedanke mich bei meiner lieben Frau, die mir immer den Rücken gestärkt hat. Zuletzt bedanke ich mich bei meinen Eltern, dass sie mir nicht die Lust an der Zeitungsstellung um vier Uhr früh ausgetrieben haben."

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    Bernt Koschuh, hier bei der Preisverleihung des Concordia Publizistikpreises Ende April, erhielt am Mittwoch auch den Robert-Hochner-Preis.

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