Auf nur einem Kilometer eingehen

Blog21. Mai 2015, 12:00
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In Punta Skala nahe Zadar fand die kroatische Triathlon-Staatsmeisterschaft statt. Der Veranstalter hatte mich eingeladen, dabei zu sein und meinen ersten Duathlon zu laufen. Es wurde eine Lektion in Demut – bei 27 Grad

foto: (c)falkensteiner hotels & residences

Eigentlich hätte ich es wissen müssen und die Sache anders angehen. Aber nachher ist man halt immer klüger. Und weil Überheblichkeit im Sport unter die Kategorie "Todsünden" fällt und die Strafe für das Nichternstnehmen der Aufgabe dem Überheblichsein (im Wortsinn) auf den Fuß folgt, ging ich ein. Obwohl ich doch nur einen (in Ziffern: 1) Kilometer laufen sollte: Ich war noch nie so froh über eine Ziellinie wie vergangenen Sonntag in Kroatien.

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foto: thomas rottenberg

Ja, eine oder zwei Minuten später ging es dann eh schon wieder. Und soooo schlecht war ich gar nicht gewesen: Gesamtneunter, Zweiter meiner Altersgruppe. In einem Starterfeld, in dem auch einige "echte" Leistungssportler angetreten waren. Und sonst durchwegs Leute, die mit den Gegebenheiten – etwa den 27 Grad, die es beim Start in der prallen Mittagssonne gehabt hatte – vertraut gewesen waren. Die nicht zum ersten Mal bei so etwas mitgemacht hatten.

Nachdem ich mir den zweiten Becher Wasser über den Kopf geleert hatte, beschloss ich, nicht mehr sterben zu wollen, sondern stolz zu sein. Stolz auf meinen ersten Duathlon. Und auf das, was ich gerade gelernt hatte.

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foto: thomas rottenberg

Zugegeben: Es war ein Nano-Duathlon gewesen. Zwei Kilometer laufen, sechs am Rad, dann noch einmal einen Kilometer laufen. Und wenn Sie jetzt grinsen und "Kindergeburtstag" sagen, sind Sie genau dort, wo ich beim Start des Rennens auch noch war.

Vergangenen Sonntag gegen Mittag. In Punta Skala. Punta Skala liegt in Kroatien. In der Nähe von Zadar. Denn hier fanden die kroatischen Triathlon-Staatsmeisterschaften statt. Aber vielleicht sollte ich von vorne beginnen.

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In Punta Skala hat die Hotelgruppe der aus Südtirol stammenden (alt)österreichischen Hotelierdynastie Falkensteiner vor ein paar Jahren einen Komplex aus mehreren unterschiedlichen Hotels aus dem Boden der Halb- oder Viertelinsel gestampft.

Vor zwei oder drei Jahren fiel den lokalen Betreibern dann Einiges auf: Zum einen der da auch in Österreich in den Mainstream schwappende Trend zu Sport- und Trainingsreisen - egal ob zum Laufen oder Biken - an Destinationen wie Mallorca, Ibiza, Teneriffa oder Weißgottnochwohin. Zum anderen der Boom bei Tri- und anderen Multisportevents.

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foto: thomas rottenberg

Drittens erkannten sie, dass die landschaftlichen und klimatischen Bedingungen der "angesagten" Destinationen sich nicht so gravierend von denen in Dalmatien unterschieden - und es daher in den Randzeiten zur Hauptsaison Kapazitäten… und so weiter. Außerdem fehlte der kroatischen - starken - Triathlonszene ein attraktiver und potenter Veranstalter für eine Staatsmeisterschaft.

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Lange Rede kurzer Sinn: Die Hotelgruppe beschloss, den Lauf-, Schwimm- und Radevent nicht bloß zu sponsern, sondern auch gleich selbst als Veranstalter aufzutreten. Erstmals 2014. Klein. Dann heuer, 2015. Größer, aber auch noch überschaubar-familiär.

Aber doch auch schon mit "internationaler" Beteiligung: Einem deutschen und zwei österreichischen Journalisten. Wir waren eingeladen. (Und bevor sie jetzt aufheulen: Kein Reiseteil irgendeines Mediums - egal ob im In- oder Ausland - funktioniert heute mehr anders. Wir sagen es allerdings, andere schweigen da lieber beredt.)

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Die Sache ist nur die: Ich bin kein Triathlet. Erstens, weil ich dafür ein zu schwacher Schwimmer bin. Zweitens habe ich noch nie den fliegenden Wechsel zwischen den Disziplinen geübt. In der Einladung, die vor drei Wochen hereinflatterte, hieß es aber ausdrücklich, dass ich auch an einem Bewerb teilnehmen könnte.

Es gab ein paar zur Auswahl. Aber: Für einen 10-Kilometer-Lauf sechs Stunden anreisen? Naja. Außerdem ist Sandrina Illes, meine Trainerin, Duathletin. Was lag also näher, als mich für den Duathlon anzumelden? Noch dazu, wo der Bewerb das Präfix "Schnupper" vorangestellt hatte.

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Sandrina lachte, als ich ihr von meinem Plan erzählte. Und fragte nochmal wegen der Distanzen nach: "Zwei-Sechs-Eins? Ernsthaft? Viel länger als eine halbe Stunde solltest du da nicht brauchen." Dafür, eigens für den Bewerb irgendwas zu trainieren, reichte die Zeit nicht - und davon, für so kurze Distanzen die Schuhe (Lauf-, dann Rad-, dann wieder Laufschuhe) zu wechseln, riet die Expertin ab: Sich während der Fahrt die Radschuhe anzuziehen, ist kein ganz leichter Stunt: "Wenn du das nicht geübt hast, haut es dich entweder auf - oder du verlierst ewig viel Zeit."

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Aber bevor "mein" Zwergenlauf am Sonntag stattfinden würde, waren ohnehin alle anderen dran. Supersprint- und olympische Tri-Distanzen. Ein Zehn Kilometerlauf. Ein paar Triathlon-Relays (also Staffeln). Aquathlon (Schwimmen und laufen). Und so weiter.

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Natürlich kommt zu einer Staatsmeisterschaft das Who-is-Who einer Szene. Kroatiens Triathlonszene gilt als "stark". Ich kann das nicht beurteilen, verlasse mich da aber auf die Worte des Kollegen aus Deutschland. Der ist selbst Liga-Triathlet - und nickte angesichts der Power, mit der die Konkurrenz da auffuhr, anerkennend mit dem Kopf.

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Was auch ich sah, erkannte und verstand: Nachwuchssorgen dürften die kroatischen Tri-Sportler und -innen keine haben. Rings um uns wuselten junge Athletinnen und Athleten, im teils gerade mal zweistelligen Alter. Aber fast alle trugen nicht bloß Vereinsfarben, sondern auch "professionelle" Triathlon-Dressen.

Und sie waren nicht einfach nur schnell, sondern teils auch technisch - ich kann das nur beim Laufen ein bisserl beurteilen - top. Aber vor allem: Sie alle haben Eltern, die voll hinter dem Einsatz und dem Training ihrer Kinder stehen. (Wenn wir das hier einmal ganz bewusst positiv formulieren wollen.)

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Trotzdem war das Starterfeld - bei allen Bewerben - überschaubar. Das hielt den Event familiär und sympathisch - und ließ Kleinigkeiten, die anderswo vermutlich echte "Bugs" gewesen und fette Probleme geschaffen hätten, irrelevant bleiben.

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Etwa der Umstand, dass der "Teppich", der es den Triathleten leichter machen sollte, aus dem Wasser zu kommen, bloß mit ein paar Steinen beschwert war - und mit jedem Schritt weiter ins Wasser geschoben wurde.

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Oder dass in der Wechselzone die Positionen der Fahrräder nicht markiert waren. Da mit vollem Karacho-Puls reinzurennen und das eigene Rad - oder schlimmer: beim Wechsel vom Rad zum Laufen die eigenen Laufschuhe zu suchen, kann bei größeren Starterfeldern rasch mühsam werden.

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Aber das ist eben der Vorteil kleiner und "familiärer" Events: Vorne fetzt die Elite mit professionellem Ehrgeiz raus - und dahinter ist es zwar immer noch ambitioniert, aber nicht so bierernst, dass außer Ehrgeiz nur Ehrgeiz übrig bliebe.

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Obwohl gut aussehen und gut unterwegs sein schon zusammen gehört.

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Die Veranstaltung, hatte uns der Renndirektor erklärt, solle wachsen. Langsam, aber doch. Deshalb gelte es, ein paar Dinge auszuprobieren. Etwa: Wie viele Teilnehmer verträgt die Laufstrecke? Die führte nämlich kurz nach dem Start Küste und den Strand entlang. Und zwar über einen mit Steinplatten ausgelegten Weg. Breite: Eineinhalb Meter. Zum Urlaubs-Spazieren wirklich nett. Aber auch für Wettkampfläufer?

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Wenn mich jemand gefragt hätte, wie viele Läufer auf eine eineinhalb Meter schmale Strecke passen, hätte ich aus dem Stand "zwei" gesagt. Aber erstaunlicherweise ging es trotzdem: Die 10km-Läufer wurden ganz bewusst gleichzeitig mit den Triathleten auf die zweimal zu absolvierende Strecke gelassen - aber weder Nur-Läufer noch Multisportler empfanden das als störend.

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Und als dann - am Sonntag - ein sehr gemischter Pulk aus Leistungssportlern und Jedermann-Duathleten auf die Nano-Strecke gelassen wurde, ging es allen genauso: Keiner wusste, warum (Befürchtungen hatten ja viele geäußert) - aber es funktionierte. Und das sehr gut.

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Trotzdem begann hier mein Drama. Das meines Egos. Hinter einem (gefühlt) Zwölfjährigen herzurennen, geht halt irgendwie gar nicht. Auch wenn der Jugend- oder Kinderstaatsmeister ist. Also: Gasgeben. Gar kein Problem.

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Auch am Rad ging alles bestens: Den Wechsel hatte ich - weil die Kamera nicht in ihr Gehäuse gewollt hatte - so richtig versemmelt …

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…aber dann holte ich Platz um Platz zurück. Kräfte für die letzte Etappe sparen? Wozu - für den einen lächerlichen Kilometer?

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Aber ich hatte die Rechnung eben ohne den Wirt gemacht: Ich war nie ein Sprinter. Und wenn der Wechsel vom Rad auf die Laufstrecke schon bei längeren Distanzen nicht so easy ist, wie es oft scheint, ist der Sprung vom Sattel ins Maximaltempo für die Kurzstrecke dann noch extra "tricky". Außerdem hatte es 27 Grad: Ich laufe bei Temperaturen um die zehn Grad am liebsten.

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Wie gesagt: Ich ging ein. Am Weg vom Strand zurück hinauf zum Hotel ging ich ein Stück. Dass das zwei Läufer vor mir und etliche hinter mir auch taten, war kein Trost. Auch nicht, dass einige im Ziel noch kaputter aussahen, wirkten oder waren, als ich: Ich hatte es verbockt. Ohne Not. Sondern nur, weil ich die Aufgabe nicht ernst genommen hatte. Ein Anfängerfehler.

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Nur: Das ist eigentlich egal. Weil es trotzdem Spaß gemacht hat. Ziemlich großen Spaß sogar. Dezent formuliert. Ich habe Blut geleckt.

Aber damit war ich nicht der Einzige.

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Denn beim Triathlon-Supersprint-Bewerb stand in der Wechselzone zwischen etliche tausende Euro teuren Zeitfahr- und Rennmaschinen ein klappriges, altes Damenrad. Lange nachdem alle anderen Athleten - Elite, Halbprofis, Amateure und Jedermannsportler - schon weg waren, stand es immer noch da.

Dann kam eine Dame die 250 Meter vom Strand zur Wechselzone gelaufen. Eigentlich: gegangen – und zwar langsam und schnaufend. Nicht schlank. Ganz und gar nicht sportlich. Und statt einer Triathlon-Dress trug sie einen Badeanzug. Mit Mascherl.

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Sie kämpfte: mit ihrer Radlerhose. Dem Radständer. Dem Rad. Aber vor allem mit sich selbst. Sie kam zunächst kaum aufs Rad und zockelte dann langsam auf die Strecke. Ein Bild wie in einem "lustigen" Film.

Nur: Niemand lachte. Niemand grinste. Ganz im Gegenteil: Alle feuerten die Frau an. Weil sie sich dem einzigen Gegner stellte, den zu besiegen zählt: sich selbst. (Thomas Rottenberg, 21.5.2015)

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Anmerkung im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise und die Teilnahme am Falkensteiner Punta Skala Triathlon erfolgten auf Einladung der Falkensteiner Hotels & Residences.

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