Wiederkehr der wissenschaftlichen Weltauffassung

20. Mai 2015, 07:00
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Eine opulente Schau zum Denkerzirkel als Höhepunkt im Ausstellungsreigen zum 650-Jahr-Jubiläum der Uni Wien

Wien – Die Denker des Wiener Kreises, die sich zwischen 1924 und 1936 in Kaffeehäusern und einem kleinen Raum am damaligen Mathematischen Seminar in der Wiener Boltzmanngasse trafen, haben allerlei kühne Gedanken gewälzt. Auf eine Idee wären sie aber ganz bestimmt nie gekommen: Dass irgendwann in ferner Zukunft die Uni Wien mit einem riesigen Plakat über dem Haupteingang an sie erinnern wird.

Der erste Blick beeindruckt

Doch das Plakat ist noch lange nicht alles: Links neben dem Portal wurde ein weiterer kleiner Zugang geschaffen, der durch einen asiatisch anmutenden Eingang in eine opulente Ausstellung führt, die gleich auf den ersten Blick beeindruckt: An den hohen Wänden des großen Saals, in dem früher einmal Volleyball gespielt wurde, sieht man von oben kommend riesige Porträts der Protagonisten des Wiener Kreises, dazu einige ausgewählte Kostproben ihres Denkens in Form von originellen Zitaten.

Auf über 1000 Quadratmetern wird in den ehemaligen Turnräumen quasi im Bauch der Universität die Geschichte des einzigartigen interdisziplinären Denkerzirkels erzählt: seine Vorgeschichte, die eigentliche Zeit seiner Existenz von 1924 bis 1936, aber auch die Vertreibung seiner Protagonisten und deren internationale Wirkung.

Weltpremiere

Es ist die erste Ausstellung über den Wiener Kreis, die aber längst nicht nur deshalb beeindruckt, weil sie eine Weltpremiere darstellt. Die wissenschaftlichen Kuratoren dieser Schau – der international angesehene Mathematiker Karl Sigmund als treibende Kraft sowie der Wissenschaftshistoriker Friedrich Stadler – haben keine Kosten und Mühen gescheut, alle möglichen Originaldokumente zu versammeln, die Zeugnis geben von den Ideen des Denkerzirkels, von seinem Umfeld und seiner internationalen Wirkung.

Drei Original-Typoskripte des Tractatus von Ludwig Wittgenstein, des wichtigsten "Außenseiters" des Wiener Kreises, sind da ebenso zu bestaunen wie die bildstatistischen Tafeln von Otto Neurath, die extra aus England nach Wien gebracht wurden. Doch es gibt nicht nur opulent aufbereitetes Text- und Bildmaterial: So entlehnten die Ausstellungsmacher aus dem Rathauspark die Büste des Physiker-Philosophen Ernst Mach, der so etwas wie der geistige Ahnherr und "Vordenker" des interdisziplinären Denkkollektivs war.

Ganz im Sinne Machs ging es auch den Denkern des Wiener Kreises – neben dem Philosophie-Ordinarius Moritz Schlick vor allem dem austromarxistischen Soziologen Otto Neurath, dem ebenfalls politisch links stehenden Mathematiker Hans Hahn oder dem Philosophen Rudolf Carnap – um die Durchsetzung einer antimetaphysischen, durch und durch wissenschaftlichen Weltsicht.

Diese Lobpreisungen der Vernunft und das Propagieren einer szientifischen Weltsicht muten heute mitunter etwas befremdlich an. Man muss sie aber im Kontext der Zeit sehen - und nicht zuletzt im Kontext der damals den deutschsprachigen Universitäten dominierenden Philosophie: Da waren Neokantianismus und noch weitaus metaphysischere Lehren angesagt - oder das "dunkle Denken" eines Martin Heidegger.

Ohne Chancen auf Karrieren

Diese Gegnerschaft kommt in der ansonsten überaus gelungenen Ausstellung leider etwas kurz. Etwas mehr Vertiefung hätte man sich auch bei der Darstellung der Lage an der Universität Wien just zwischen 1924 und 1936 gewünscht: Denn in diesen Jahren war es für die jüngeren Denker im Wiener Kreis und seinem Umfeld (wie Edgar Zilsel oder Karl Popper) aus rassistischen und ideologischen Gründen unmöglich geworden, an der Uni Wien Karriere zu machen.

Entsprechend kann auch ein Teil vom Programm des Wiener Kreises – formuliert etwa in seinem Manifest Die wissenschaftliche Weltauffassung aus dem Jahr 1929 – als lokale Kritik an den verkommenen Zuständen der Universität und am damaligen "Verrat der Intellektuellen" (Julien Benda) gelesen werden.

Geringe Uni-Schnittmenge

So gesehen war die Schnittmenge zwischen der Universität Wien und dem Wiener Kreis nicht allzu groß, auch wenn Moritz Schlick und Hans Hahn Professoren dieser Universität waren. Wie verhasst der Protestant Schlick im dominierenden antisemitisch-reaktionär geprägten Milieu vor dem "Anschluss" war, zeigte sich spätestens bei den Reaktionen auf seine Ermordung im Hauptgebäude der Universität im Juni 1936 - zugleich der Todesstoß für den Wiener Kreis.

Vielen Mitgliedern gelang die Flucht in die USA, sie fanden dort aber nie wieder zusammen. Und an der Universität Wien tat man nach 1945 alles Mögliche, um zu verhindern, dass dieses Denken und seine noch lebenden Protagonisten hier wieder Fuß fassen konnten. In den Worten des Wiener-Kreis-Philosophen Victor Kraft: "Die Arbeit des Wiener Kreises ist nicht abgeschlossen, sie ist abgebrochen worden."

Umso triumphaler ist seine Wiederkehr im Rahmen dieser Ausstellung ausgefallen. (Klaus Taschwer, 20.5.2015)


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Die Ausstellung ist montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet und läuft bis zum 31. Oktober. Eintritt: 8 Euro; für Angehörige der Uni Wien ist der Eintritt gratis.

Am 28. Mai findet in der Alten Kapelle am Campus des Alten AKH das Symposion "Politics, Democratic Education and Empowerment" statt, das ganz dem Werk von Otto Neurath gewidmet ist.

  • Der Haupteingang der Universität Wien steht ab sofort im Zeichen des  Wiener Kreises.
    foto: christian fischer

    Der Haupteingang der Universität Wien steht ab sofort im Zeichen des Wiener Kreises.

  • Dessen Protagonisten trafen sich zwischen 1924 und 1936 im Mathematischen Seminar.
    foto: institut wiener kreis

    Dessen Protagonisten trafen sich zwischen 1924 und 1936 im Mathematischen Seminar.

  • Der erste Blick auf die Ausstellung: Dort, wo früher Volleyball gespielt wurde, hängen nun die Denker des Wiener Kreises an den Wänden.
    foto: christian fischer

    Der erste Blick auf die Ausstellung: Dort, wo früher Volleyball gespielt wurde, hängen nun die Denker des Wiener Kreises an den Wänden.

  • Einige Protagonisten des Wiener Denkerzirkels an der Wand und davor ihr Manifest: "Die wissenschaftliche Weltauffassung" (1929).
    foto: christian fischer

    Einige Protagonisten des Wiener Denkerzirkels an der Wand und davor ihr Manifest: "Die wissenschaftliche Weltauffassung" (1929).

  • Zitate für das philosophische Stammbuch:  Etliche der Sentenzen geben zu denken – oder wie es Hans Hahn während einer Sitzung des Wiener Kreises formulierte: "Wenn wir das Fenster aufmachen und uns die Leute auf der Straße hören, landen wir entweder im Gefängnis oder im Irrenhaus."
    foto: christian fischer

    Zitate für das philosophische Stammbuch: Etliche der Sentenzen geben zu denken – oder wie es Hans Hahn während einer Sitzung des Wiener Kreises formulierte: "Wenn wir das Fenster aufmachen und uns die Leute auf der Straße hören, landen wir entweder im Gefängnis oder im Irrenhaus."

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