Gekaufte Noten an kosovarischen Universitäten

21. Mai 2015, 18:17
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Ein neuer Studiengang in Prishtina soll den Aufbau eines neuen Wertesystems nach dem Krieg unterstützen

Innsbruck - Ist von Jugendarbeitslosigkeit in Europa die Rede, geht es zumeist um Griechenland, Spanien oder Italien. Fast nie wird ein junger europäischer Staat genannt, in dem diese Quote noch einmal um einiges höher ist - man geht von bis zu 70 Prozent aus - und darüber hinaus zwei Drittel der Bevölkerung unter 30 Jahre alt sind: Der Kosovo sei ein in unserer Wahrnehmung völlig vernachlässigtes europäisches Sorgenkind, sagt Belachew Gebrewold, Leiter des Fachbereichs Soziale Arbeit, Sozialpolitik und Sozialmanagement des Management Center Innsbruck (MCI).

Geduld am Ende

Sein Institut kooperiert aktuell mit der Universität Prishtina, Gebrewold hat diese kürzlich besucht und vergangene Woche eine Delegation von dort in Innsbruck empfangen. Das Ziel der Zusammenarbeit: ein Masterstudienplan für Soziale Arbeit im Kosovo - denn ausgebildete Sozialarbeiter, die benötige das noch schwer vom Krieg in den Neunzigerjahren gebeutelte Land derzeit dringend. "Wir Kosovaren sind ein sehr geduldiges Volk, doch 16 Jahre nach dem Krieg sagen sich viele junge Menschen, dass sie nur ein Leben haben, sie fragen sich, wie lange sie noch warten sollen", sagt Lulzim Dragidella, Sozialpädagoge und Professor an der Universität Prishtina. Von der Unabhängigkeit hätten sich viele mehr erwartet gehabt.

Dragidella hat dramatische Zahlen parat: 93 Prozent der Kosovaren seien von Armut betroffen, ein Drittel der Bevölkerung lebe von weniger als 1,37 Euro pro Tag - wobei beispielsweise ein Liter Milch auch imKosovo rund einen Euro kostet. Zirka 50.000 Menschen hätten allein in den vergangenen sechs Monaten das Land verlassen. Als weitere Probleme nennt Dragidella Korruption, Gewalt gegen Frauen und eine allgemeine Perspektivenlosigkeit.

Die Folge all dessen: "Junge Menschen sind enorm empfänglich, sich radikalen Gruppen anzuschließen." Über 95 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. "Es sind bereits jetzt wesentlich mehr Leute in den Jihad gezogen als aus den umliegenden Ländern."

Die Universitäten würden derzeit als eine Art Beschäftigungstherapie dienen: "Im Grunde wird die Arbeitslosigkeit durch ein Studium einfach hinausgezögert", sagt Dragidella. Der Kosovo hat rund 1,8 Millionen Einwohner und etwa 100.000 Studierende. Doch Jobs für junge Akademiker würden weit und breit fehlen - vor allem für jene, die nicht die "richtigen Leute" kennen.

Junge Hochschulen

Nicht nur die Bevölkerung, auch die Hochschulen sind im Kosovo jung: Die älteste und bis heute größte ist die Universität Prishtina. Sie wurde 1970 gegründet, während des Krieges wurde sie im Untergrund in Privathäusern weitergeführt und war bis danach die einzige Universität. Sie zählt rund 55.000 Studierende und hat ein Jahresbudget von 30 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Ludwig-Maximilians-Universität München hat etwa 30.000 Studierende und eine Milliarde Budget.

Inzwischen gibt es im Kosovo fünf weitere kleine staatliche Hochschulen und zahlreiche private Einrichtungen. "Aufgrund des wenigen Geldes, das zur Verfügung steht, liegt der Fokus auf der Lehre, Forschung findet kaum statt", sagt Dragidella. Und auch im Bildungswesen gelte, obwohl niemand gerne darüber spreche: "Die Politik hat großen Einfluss, und Gegengeschäfte für gute Noten sind keine Seltenheit."

Was der Kosovo brauche, sei der Wiederaufbau einer Wertestruktur, die im Krieg zerstört wurde: "Jungen Menschen muss vermittelt werden, dass man Arbeit durch Fleiß, nicht Beziehungen bekommt", sagt Dragidella.

Genau hier soll der neue Studiengang ansetzen: Wie am Innsbrucker MCI wird er sich nicht nur mit Sozialpädagogik, sondern auch mit möglichen politischen Maßnahmen befassen. Gebrewold glaubt, dass im Kosovo dadurch in ein paar Jahren wertvolle Arbeit geleistet werden kann - um Kriegstraumata zu überwinden, Frauen und Minderheiten zu stärken. "Wir müssen erkennen, dass in unserer global vernetzten Welt das Schicksal anderer Länder auch unser Schicksal ist", sagt er. (Katharina Mittelstaedt, 21.5.2015)

  • Politik und Staatsgewalt haben großen Einfluss auf die Universitäten im Kosovo. Korruption, gekaufte Noten und Zusammenstöße mit der Polizei stehen an der Tagesordnung. Im Bild zu sehen: Eine Polizeiblockade an der Universität Pristina um protestierende Studierende abzuwehren.
    foto: apa/epa/kushtrim ternava

    Politik und Staatsgewalt haben großen Einfluss auf die Universitäten im Kosovo. Korruption, gekaufte Noten und Zusammenstöße mit der Polizei stehen an der Tagesordnung. Im Bild zu sehen: Eine Polizeiblockade an der Universität Pristina um protestierende Studierende abzuwehren.

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