Salmannsdorf: Heurigenkultur und "irre Grundstückspreise"

Video22. Mai 2015, 05:30
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Kulturinitiative, die sich von der Stadt vernachlässigt fühlt, erstellt Leitbild gegen Durchzugsverkehr, Heurigensterben und Bausünden

Wien – "Na, des is oarg", ruft Wolfgang Burkart, während er einen Bebauungsplan studiert. Neben dem Bauingenieur im Ruhestand steht Erich Bramhas – Architekt, ebenfalls im Ruhestand – und schüttelt den Kopf: "Warum malen 's das so hässlich an?", fragt er rhetorisch nach einem Blick auf ein kürzlich erbautes, mehrstöckiges Wohnhaus. Die "exorbitanten Bausünden" in Salmannsdorf und Neustift am Walde sind den beiden ein Dorn im Auge.

derstandard.at/luger

Weitere Mitstreiter der "Kulturinitiative Neustift-Salmannsdorf" haben sich in der Rathstraße in Wien-Döbling versammelt. Es wird aufgeregt diskutiert. Jeder möchte zu Wort kommen. Man verliert sich in Details über Flächenwidmungen und Bauvorschriften. Einig ist man sich, dass die zwei Stadtviertel im Wiener Nordwesten seit Jahrzehnten von der Stadt vernachlässigt werden.

Lärmende Gefährte

Den Durchzugsverkehr empfinden die Grätzelbewohner als eines der größten Probleme. Die zweispurige Rathstraße wird auch von Lkws häufig befahren. Die lärmenden Gefährte trennt nur ein schmaler Gehsteig von den Häusern. Und die Situation verschlimmere sich: Immer mehr Leute ziehen ins Grätzel, morgens werden bis zu 300 Kinder auf einmal mit dem Auto in die örtlichen Kindergärten geführt, sagt Elisabeth Eischer. Die Stadt führe aber weder Kfz-Zählungen noch CO2- oder Lärmpegelmessungen durch. Dabei wünschten sich die Anrainer das "Dorf in der Stadt" zurück, so Eischer, der als Heurigenwirtin noch ein anderes Thema am Herzen liegt: Sie ist um die Heurigenkultur besorgt.

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Die Heurigenromantik sei gefährdet, sagen Grätzelbewohner.

Um 1970 gab es im Stadtviertel noch rund 60 Heurige, heute sind es neun; zwei weitere sperren bald zu. Immobilienfirmen würden zwar mit "Wohnen am Weinberg" werben, aber viele der neuen Eigentümer störten sich dann am Lärm, erzählt Eischer. Manche Wirte seien gezwungen, ihre Schanigärten um 18 Uhr zu schließen, was große Umsatzeinbußen mit sich bringe: "Die Leute geben auf." Die "irrsinnigen Grundstückspreise" seien mitverantwortlich – viele verkaufen teuer, anstatt sich mit Lärmbeschwerden und Umsatzeinbußen zu plagen.

foto: michael luger
Eine der "exorbitanten Bausünden" in Salmannsdorf.

Die Heurigenromantik im Grätzel werde aber auch durch die Neubauten zerstört, meint Erich Bramhas und zeigt etwa auf ein eckiges Haus mit Glasfront. Obwohl viele Straßenzüge unter den städtischen Ensembleschutz fallen, "kann man bauen, was man will" – das gelte zumindest für große Baufirmen. Den ortsansässigen Eigentümern erhaltenswerter Bürger- oder Jugendstilhäuser werde es umso schwerer gemacht: Weil Sanierungen bürokratisch und teuer sind, verfallen die Häuser, was wiederum ein Nährboden für Immobilienspekulation sei.

Gepflasterte Gasse, adaptierte Bürgerhäuser

Biegt man von der Rathstraße aus nach rechts ein, gelangt man in die Dreimarksteingasse, "eine der schönsten Straßen Wiens", meint Bramhas. Dort entspricht die Atmosphäre eher dem, was man von einem Döblinger Stadtviertel erwartet: Es ist ruhig und begrünt, die Gasse ist gepflastert, die alten Bürgerhäuser sind entsprechend adaptiert. Doch auch hier könnten die Grundstücke irgendwann Spekulanten in die Hände fallen, befürchten Bramhas und Burkart.

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Die Dreimarksteingasse gehört für die Anrainer zu den schönsten Straßen Wiens.

Die Kulturinitiative erstellt derzeit ein Leitbild, um die Lebensqualität in Neustift und Salmannsdorf zu verbessern: Die verkehrsbelastete Rathstraße etwa soll eine Flaniermeile werden, und die Bebauungspläne sollen dem Erhalt des Ortsbildes dienen. Bramhas zeigt sich siegessicher, was das Durchsetzen des Leitbildes gegenüber der Stadt betrifft: "Wir werden gewinnen." (Christa Minkin, 22.5.2015)

Die Karte: Überblick über die Grätzel-Besuche


Hintergrund: ÖVP-Hochburg seit 37 Jahren

Döbling ist seit 1978 in ÖVP-Hand. Im selben Jahr trat Adolf Tiller das Amt des Bezirksvorstehers an, das der 76-Jährige bis heute innehat. 2015 tritt er erneut an.

Bei den Bezirksvertretungswahlen 2010 erhielt die ÖVP 36,4 Prozent. Die SPÖ kam auf 31,8, die FPÖ legte auf 14,7 Prozent zu. Grün wählten 13,6 Prozent.

Bei der Gemeinderatswahl 2010 entfielen die meisten Stimmen – 38 Prozent – auf die SPÖ. Die ÖVP erreichte hingegen nur 26,4 Prozent. Die FPÖ kam auf 20,2 und die Grünen auf 12,7 Prozent.


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