Ein Abgesang auf Europa und den Westen

19. Mai 2015, 05:30
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John Naisbitt ist überzeugt: Die Zukunft gehört China und dem globalen Süden. Die USA und Europa seien gelähmt. Ein Besuch beim Megatrendautor und seiner Frau in Wien

Wien - Der Weg zum Starautor John Naisbitt führt in eine Dachgeschoßwohnung in Wien-Alsergrund. Das helle Wohnzimmer ist weitläufig und elegant eingerichtet. Beeindruckend ist aber vor allem der Ausblick auf die Dächer Wiens und hinunter auf den alten Jüdischen Friedhof in der Seegasse, der gerade saniert wird.

Ganz leise sei es untertags nur selten hier, erzählt Johns Ehefrau Doris. Neben den Arbeitern am Friedhof sorge ein benachbarter Tennisplatz für eine ständige Geräuschkulisse. Für mehr Smalltalk bleibt keine Zeit. Das Paar bittet darum, mit dem Gespräch gleich zu starten. Kein Wunder. John Naisbitt, 86 Jahre, weißer Bart, freundliches Gesicht ist ein gefragter Mann. Er gibt Interviews am laufenden Band. Heute, Dienstag, ist er zunächst Stargast einer Veranstaltung der Kreditversicherung Coface in Wien, ehe er beruflich nach Kasachstan reist.

Hype um Autor

Der Hype um den Autor begann in den 1980ern. Damals veröffentlichte Naisbitt Megatrends: In dem Buch versuchte er, Trends der Zukunft zu beschreiben. Einige der Prognosen erwiesen sich als richtig. Etwa jene, dass sich die USA von einer Industrie- in eine Informationsgesellschaft verwandeln werden. Andere Vorhersagen waren falsch. Amerika ist kein direkt demokratisches Land geworden.

Das Buch verkauft sich weltweit trotzdem neun Millionen Mal. Es folgte eine Serie: Megatrends 2000, Megatrends für Frauen, Megatrends Asien. In den Medien wird Naisbitt seither "Zukunftsforscher" genannt. In kritischen Beiträgen ist er der "Trendguru".

Nach Wien führte ihn ein langer Weg: 1929 wird er in eine Mormonenfamilie in Utah hineingeboren. Mit 17 meldet er sich zu den Marines. Er studiert Politikwissenschaften und steigt in die Politik ein. Unter Kennedy wird er Vizebildungsminister, später berät er Präsident Lyndon B. Johnson. Später gründet er ein Trendforschungsunternehmen. 2000 heiratet er die damalige Verlagsleiterin Doris - eine Österreicherin.

Ende der Dominanz

Inzwischen publizieren sie im Duett. Angetan hat es dem Paar vor allem China. Auch ihr neuestes Buch ("The Global Game Change"), das in Europa ab Jänner erhältlich sein soll, handelt vom Aufstieg der Volksrepublik.

Das Buch beschreibt, wie die 200-jährige Dominanz der Amerikaner und Europäer zu Ende geht, erzählt Naisbitt. Die neuen Machtzentren werden in Afrika, Lateinamerika und Asien entstehen.

Für die Vernetzung der Regionen werde China mit Handel und Investitionen sorgen. Belege dafür? Die steigende Bedeutung chinesischer Investitionen in Afrika. Das rasante Wachstum der Mittelschicht in der Volksrepublik und in anderen Schwellenländern. Europa und die USA dagegen seien mit ihren eigenen Problemen (hohe Arbeitslosigkeit, niedriges Wachstum) beschäftigt. "Es wird nicht Bang-Bang machen und die Vorherrschaft des Westens ist vorbei", sagt Frau Doris. Aber der Prozess habe bereits begonnen.

Vorurteile gegen China

Auf Einwände reagiert das Paar eher allergisch. China mag ja rasant wachsen. Das Pro-Kopf-Einkommen des Landes liegt aber bei gerade 11,900 Dollar in Kaufkraftparitäten. China nimmt damit einen Rang vor Albanien und hinter Weißrussland ein. Sieht so eine Weltmacht aus? Vor allem aber ist das Land eine Diktatur mit allen entsprechenden Problemen.

Solche Einwände seien Beleg für die "stereotypen" Vorurteile über das Land, sagt John Naisbitt. Natürlich habe China ein autokratisches System, sekundiert Doris. Doch China habe in den vergangenen 30 Jahren Unglaubliches geleistet, beim Kampf gegen Armut und der Schaffung von Innovation. "Wahrscheinlich wäre das nicht möglich gewesen, wäre China eine Demokratie nach westlichem Vorbild gewesen."

Doch es sind nicht die Erzählungen über die Volksrepublik, sondern jene vom Abstieg Europas die bei den Naisbitts so allgemein ausfallen, dass sie stutzig machen. Wie konkret sich die neue Machtbalance zwischen Nord und Süd zeigen wird - müssen alle in der Schule Mandarin lernen, werden wir nur mehr für chinesische Firmen arbeiten? -, können die Autoren nicht präzisieren.

Abgesang auf Europa

Und ist der Abgesang auf Europa nicht verfrüht? Nicht nur China, auch die EU war einst erfolgreich darin Menschen aus der Armut zu helfen. Auch wenn man es angesichts aktueller Krisenmeldungen gern vergisst: Die Erweiterung der Union in den 80er-Jahren um Griechenland, Spanien, Portugal gilt als ein höchst erfolgreiches Wohlstandsprojekt. Spaniens Pro-Kopf-Einkommen hat sich seit den 60er-Jahren um das 750-Fache gesteigert. Solche Einwände tun die Naisbitts ab - die hohen Lohnnebenkosten, die vielen politischen Streitereien. All das verhindere, dass Europa zum Zentrum der Innovation wird. (András Szigetvari, DER STANDARD, 19.5.2015)

  • Die Autoren John und Doris Naisbitt prophezeien Asien, Lateinamerika und Afrika eine rosige Zukunft.
    ap

    Die Autoren John und Doris Naisbitt prophezeien Asien, Lateinamerika und Afrika eine rosige Zukunft.

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