Frankreich: Freispruch für Banlieue-Polizisten

18. Mai 2015, 17:52
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Der Tod zweier Jugendlicher hat 2005 zu Krawallen geführt. Die involvierten Polizisten wurden freigesprochen, jetzt werden neue Ausschreitungen befürchtet

"Ein Skandal!" "Ihr seid verantwortlich." "Wir vergeben nicht." Wie eine Lawine ergossen sich am Montag wütende Kommentare über die sozialen Medien, nachdem das Berufungsgericht in Rennes sein Urteil gefällt hatte. Am Montag kam es zum Schluss, dass die beiden beteiligten Polizisten keine Mitschuld am Tod von Zyed Benna (17) und Bouna Traoré (15) treffe. Die Einwandererjungs waren 2005 in einem Elektrizitätswerk von Clichy-sous-Bois nördlich von Paris ums Leben gekommen. Ihr Tod bewirkte schwere Krawalle, die sich über ganz Frankreich ausdehnten und 10.000 ausgebrannte Autos, 3000 Festnahmen und mehr als hundert Verletzte nach sich zogen.

Die Vorfälle des 27. Oktobers 2005 sind bis heute nicht restlos geklärt. An jenem Nachmittag ging bei der lokalen Polizei ein Anruf ein, mehrere Jugendliche seien in eine Baustelle eingedrungen. Als Wachmeister Sébastien Gaillemin, damals 31, vor Ort eintraf, rannten drei Jugendliche in Richtung eines Wäldchens davon. Wenige Schritte dahinter lag das durch einen Zaun geschützte Elektrizitätswerk, in dem sich Zyed und Bouna versteckten. Sie wurden von einem Stromschlag tödlich getroffen, während ihr Freund Muhittin Altun, damals 17, mit Verbrennungen überlebte.

Polizist kehrte auf Posten zurück

Über Funk gab der Polizist an die wachhabende Volontärin Stéphanie Klein unter anderem durch: "Wenn sie in das Gelände eindringen, gebe ich nicht viel auf ihr Leben." Er selbst unternahm aber nichts. In der Einvernahme erklärte er, er habe das Stromwerk zweimal abgesucht, aber die Jungs nicht entdeckt; um halb sechs sei er auf den Posten zurückgekehrt. Um 18.11 Uhr erfolgten die tödlichen Stromstöße.

Hätte der relativ unerfahrene Polizist zusätzliche Patrouillen anfordern sollen? Hätte er von der Werkbetreiberin verlangen müssen, die Stromzufuhr zu unterbrechen? Juristisch gesprochen: Unterließ er eine Hilfeleistung für gefährdete Personen? Dieser Tatbestand stand im Mittelpunkt des Prozesses, den mehrere Anwälte gegen die Polizei anstrengten. Ihr Einsatz blieb jahrelang fruchtlos, erst Anfang 2015 begann der Prozess. Er wurde zudem bewusst in die bretonische Stadt Rennes ausgelagert, um Ausschreitungen vor dem Gebäude zu verhindern.

Freispruch ist endgültig

Diese Maßnahme verstärkte aber nur noch das Gefühl, dass sich die Justiz aus den Vorstädten raushalte, und schien auch übertrieben: Im Unterschied zu den Krawallzeiten, die durch Banlieue-Sprüche des früheren Ex-Innenministers Nicolas Sarkozy zusätzlich aufgeheizt waren, blieb es in Clichy-sous-Bois und darüber hinaus während des Prozesses ruhig. Kurz darauf erging der Freispruch. Es gebe keinerlei Indizien für eine Mitschuld der beiden Polizisten, lautete das Urteil. Eine finanzielle oder moralische Entschädigung für die Hinterbliebenen entfällt damit. Und während eine Verurteilung anfechtbar gewesen wäre, ist ein Freispruch nach französischem Recht endgültig. Auch das verstehen viele Banlieue-Bewohner nicht.

Polizeianwalt Daniel Merchat freute sich, die beiden betroffenen Polizisten hätten erstmals seit zehn Jahren Grund zur Erleichterung. Der Verteidiger der Angehörigen, Emmanuel Tordjiman, reagierte hingegen scharf: "Die Opfer werden nicht als solche anerkannt. Es wird letztlich so getan, als sei überhaupt nichts passiert."

Demos geplant

Ein weiterer Verein namens Au-delà des mots (Jenseits der Worte) rief für Montagabend zu einer Protestkundgebung vor dem Gericht der Pariser Banlieue-Stadt Bobigny auf, betonte aber, sie solle sich in Ruhe abwickeln. 2005 hatten die Krawalle kurz nach der Todesnachricht begonnen. Jetzt muss die Polizei gar nicht erst in Alarm versetzt werden: Wegen der Terrordrohung sind Frankreichs Sicherheitsdienste bereits voll mobilisiert. (Stefan Brändle aus Paris, 18.5.2015)

  • "Zyed und Bouna: Ich denke an euch" - in Clichy-sous-Bois erinnerten  Transparente an die 2005 gestorbenen Jugendlichen.
    foto: picturedesk.com/ap/christophe ena

    "Zyed und Bouna: Ich denke an euch" - in Clichy-sous-Bois erinnerten Transparente an die 2005 gestorbenen Jugendlichen.

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