IS zeigt unverminderte Schlagkraft

Analyse18. Mai 2015, 17:44
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Die Einnahme von Ramadi kam überraschend: Die Fähigkeit des "Islamischen Staates" neue Offensiven zu eröffnen, wurde unterschätzt

Bagdad/Damaskus/Wien – Die Vorstellung, dass die Milizen des "Islamischen Staats" (IS) dabei sind, das antike Palmyra zu erobern, hat zuletzt die Berichterstattung aus dem irakisch-syrischen Kriegsgebiet dominiert. Die Ruinen in Nimrud bei Mossul im Irak, wo der IS im März sein Zerstörungswerk aufnahm, haben wenige Touristen selbst gesehen: Aber fast jeder Syrienreisende war in Palmyra.

Aber während der IS in Palmyra/Tadmur – wo es um eine Luftwaffenbasis geht – einstweilen von syrischen Regierungstruppen zurückgeschlagen wurde, gelang ihm im Irak der bedeutendste Vorstoß seit der Eroberung von Mossul im Juni 2014: Ramadi, Hauptstadt der irakischen Provinz Anbar mit knapp 300.000 Einwohnern – nicht gezählt die Flüchtlinge –, wurde am Sonntag von irakischen Behörden als gefallen gemeldet. Die USA, deren fortgesetzte Luftschläge die relativ rasche Einnahme der Stadt nicht verhindern konnten, relativierten am Montag: Es werde weitergekämpft, der IS kontrolliere nicht die gesamte Stadt.

Kontrolle ausgeweitet

Aber Schlüsselgebäude – der Sitz der Provinzverwaltung und das lokale Armeehauptquartier – sind unter Kontrolle der Jihadisten, die hunderte Menschen ermordet haben sollen. Alle, die mit dem irakischen Staat assoziiert sind, sind in Gefahr, umgebracht zu werden. Der IS erbeutete auch große Mengen an Militärgerät und Waffen – so wie die Einnahme Ramadis überhaupt eine willkommene Finanz- und Ressourcenspritze für die Organisation bedeuten dürfte.

Der irakische Premier Haidar al-Abadi hatte zu Beginn der US-Offensive Armeeverstärkung versprochen, laut Augenzeugen fiel sie dürftig aus. Wieder haben die irakischen Sicherheitskräfte, denen US-Ausbildner und Berater zur Seite stehen, versagt. Die Provinzregierung von Anbar hat deshalb dafür gestimmt, Abadi zu ersuchen, schiitische Milizen in die sunnitische Stadt zu schicken.

Hilfe von Schiitenmilizen

Diese sind nun im Anmarsch, mit den üblichen Befürchtungen der Sunniten, denn mit den Schiitenmilizen werden iranische Berater Teil der Kampagne (wobei es auch irakische schiitische Milizen gibt, die nicht mit dem Iran zusammenarbeiten). Darüber, dass die irakische Armee diese Volksmobilisierungseinheiten kontrolliert, macht sich niemand Illusionen. Dennoch dürfte den USA die Versicherung, dass die irakische Regierung die Operationen führt, reichen, um weiter Unterstützung aus der Luft zu leisten.

Der Verlust Ramadis, das im vergangenen Jahr immer wieder bedroht war, aber immer gehalten werden konnte, ist ein schwerer Schlag für Abadi und seinen Verteidigungsminister Khaled al-Obaidi, dessen Fähigkeiten immer öfter angezweifelt werden. An die für Sommer angekündigten Offensive zur Rückeroberung von Mossul glaubt fast niemand. Konkret ist es dem IS vor dem Angriff auf Ramadi gelungen, die Aufmerksamkeit der irakischen Armee und der diversen schiitischen Verbände und sunnitischen Stammesmilizen auf verschiedene andere Kampfschauplätze zu lenken und sie zu splitten, schreiben die Analysten des "Institute for the Study of War" (ISW) in Washington. Besonders mit den Vorstößen auf die Ölraffinerie von Baiji im Nordirak sei ihnen dies gelungen.

In der Defensive

Hinter der gesamten Anti-IS-Kampagne steht aber nun ein Fragezeichen: Aus dem teilweise Geländeverlust der Milizen in der Provinz Salahuddin, wo etwa Tikrit zurückerobert wurde, hatte man geschlossen, dass der IS in der Defensive sei und eingeschränkte Kapazitäten zu neuen Offensiven habe. Das hat sich als Irrtum erwiesen.

Zeitlich passend hat das ISW am Montag eine neue Studie über die Kriegsführung des IS in Syrien und im Irak präsentiert, der im Untertitel als "anpassungsfähiger Feind" bezeichnet wird. Jessica Lewis McFate warnt davor, die defensive Strategie des IS als Schwäche zu deuten - sie sei vielmehr ein Zeichen dafür, dass der IS die von ihm in Syrien und Irak gehaltenen Territorien absichern und seinen Anspruch auf die Errichtung eines Kalifats absichern will.

Ruf nach Bodentruppen

Der ernüchternde Schluss der Autorin ist, dass es ohne Bodentruppen wahrscheinlich nicht gehen wird. Gleichzeitig bezeichnet sie aber die dafür infrage kommenden Akteure - USA, Iran, die arabische Koalition, die gerade im Jemen (ziemlich erfolglos) im Einsatz ist - als ungeeignet. Ein seltener Einsatz eines US-Sonderkommandos auf dem Boden fand am Wochenende statt, als der angeblich die Gas- und Ölgeschäfte des IS zuständige Abu Sayyaf im ostsyrischen Al-Amr getötet und seine Frau festgenommen wurde. Experten sind sich aber einig, dass es dem IS nicht schwerfallen wird, Abu Sayyaf zu ersetzen. (Gudrun Harrer, 18.5.2015)

  • Die Welt zittert um die antiken Anlagen von Palmyra in Syrien. Dort scheint der "Islamische Staat" einstweilen zurückgeschlagen – während das irakische Ramadi gefallen ist.
    foto: ap/sana

    Die Welt zittert um die antiken Anlagen von Palmyra in Syrien. Dort scheint der "Islamische Staat" einstweilen zurückgeschlagen – während das irakische Ramadi gefallen ist.

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