Josef Strau: Der Bohemien ist nicht tot, er träumt

18. Mai 2015, 17:29
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Der Künstler gastiert erstmals und mit seinem Alter Ego, der Schildkröte, in der Secession

Wien - Komponist, Orchester, Dirigent - und die Ausstellung als Musikstück. So in etwa sieht die Rollenverteilung zwischen Künstler, Produktionsteam und Kuratorin in Josef Straus aktueller Ausstellung in der Secession aus. Wer jetzt an eine fixe Partitur denkt, irrt, denn Straus Stück A Turtle Dreaming wird als Rauminstallation aufgeführt. Entsprechend offen und variabel sind die vom Notenblatt offerierten Wege: linksherum, rechtsherum oder durch die Mitte; adagio, jede Note lesend oder andante, ganze Zeilen überspringend.

Wie das aussieht? Aus Holzplatten und -leisten, Dämmmaterial und Metallgittern wurden vier begehbare pavillonartige Skulpturen gefertigt, der Form von Buchstaben wie H, J oder dem hebräischen Jod nachempfunden. Eher improvisiert wirkende Kojen, die Musikstücken von George Gershwin, Charles Ives oder von der mit Strau befreundeten Marina Rosenfeld gewidmet sind und in denen Handyvideos flimmern - von spärlichen Eisschollen und jämmerlichen Schneeresten im Park. Minihommagen an ein winterliches New York, wo der 1957 in Wien Geborene nach langen Episoden in Köln und Berlin vor einiger Zeit glücklich wiedergeboren wurde - oder wie er es in einem vor Pathos triefenden Text formuliert: "herabgefallen wie ein frischgeborenes Baby-Känguruh".

Mythologisch verbrämten Stranden

Dazu gesellt sich freilich die träumende Schildkröte aus dem Ausstellungstitel, die zuletzt auch in Josef Straus erster US-amerikanischen Personale, Ende 2014 in der Chicagoer Renaissance Society auftauchte: The New World, Application for Turtle Island, eine absichtlich vor Klischees strotzende Geschichte der Migration - inklusive Straus eigenen, mythologisch verbrämten Strandens. Die Schildkröte ist also Strau selbst.

Die vier Panzertierexemplare in Wien ähneln nicht von ungefähr jenen Blumentröge tragenden Tieren vor den Secessionstüren: Es sind Mängelexemplare jener Kopien, die man sonst im Museumsshop kaufen kann. Objets trouvés also, denn Strau arbeitet oft mit Gefundenem und, sieht man von den Handyvideos einmal ab, im Grunde mit dem, was andere für ihn produzieren: Er erzählt, andere interpretieren bauend.

Tapeziert ist die Szenerie mit Ausstellungsplakaten, gefüllt mit Straus tagebuchartigen Notizen, zu Papier gebrachten fragmentarischen Bewusstseinsströmen. Straus "Ablagerungen aus dem Hintergrund meines Kopfes" werden von den grafischen Layouts gleichermaßen visuell gefasst, wie sie auch wieder zersplittert werden. In dieser faszinierend-verwirrenden Kulisse folgt im Grunde alles eher der Dramaturgie des Traums. Was im Zustand des Schlafes von höchster Logik durchdrungen scheint, lässt sich wach und zurück in der Realität in keine Erzählform mehr pressen. Was heißen solch vage, offene (Gedanken-)Oberflächen aber für einen Künstler wie Strau, der eine "semantische Idee von Arbeit" verfolgt? Ist das nicht bitter?

Plädoyer für die Freiheit des Kreativen

Strau machte einst mit einem Essay zur "Non-Produktivität" von sich reden, meinte allerdings keine Totalverweigerung, sondern vielmehr die Verlagerung von am Markt verwertbarer Produktion von Kunstikonen hin zu diskursiven Formaten und gesellschaftlicher Teilhabe. Ein Input, der in den 1990ern bitter nötig war. Auch in der Secession hält Strau ein Plädoyer für die Freiheit des Kreativen, allerdings wird dabei die Figur des Künstlers - und damit Strau - im Rückgriff etwa auf Typen Dostojewskis - ein wenig zu sehr romantisiert und stilisiert. In aufgeregt-betriebsamer Zeit ist das Modell "Flaneur" zwar ein Statement, so ungebrochen wie bei Strau entsteht jedoch ein selbstverliebter Eindruck. (Anne Katrin Feßler, 18.5.2015)

Secession

Bis 21.6.

  • Einblick in Josef Straus Schau in der Secession: "A Turtle Dreaming".
    foto: oliver ottenschläger / secession

    Einblick in Josef Straus Schau in der Secession: "A Turtle Dreaming".

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