Politcontest: Freiheit für "Conchitistan"

19. Mai 2015, 07:00
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Der ESC macht die Welt nicht besser, gesellschaftspolitische Stimmungen transportiert er aber allemal

Wien/Sarajevo – "Unaufhaltbar" sah Conchita Wurst sich und ihresgleichen nach ihrem Sieg beim Song Contest vor einem Jahr. Der Jubel über das Statement für eine offene Gesellschaft gefiel schon damals nicht allen. Aus Ländern wie Russland und Polen kam nach dem Sieg der Österreicherin in Kopenhagen deutliche Ablehnung. Während hierzulande Jung und Alt, Konservativ und Progressiv zumindest nach außen hin den Wurst-Traum von Offenheit und Toleranz träumen, lässt vor allem Osteuropa mit Misstönen aufhorchen.

foto: apa

Conchita ist dort ein Feindbild, besonders in illiberalen, konservativen und religiösen Kreisen. In Bosnien hat sie alle drei Religionsgruppen gegen sich. In der Republik Moldau wird Österreich als "Conchitistan" bezeichnet. Gehetzt wird gegen das "blaue (also schwule) Europa". Man wolle nicht zur EU gehören, weil die "so schwul ist".

Umgekehrt ist die Vorjahrssiegerin Hoffnungsträgerin für die schwul-lesbische Community. Einige reisen aus Sarajevo an, um für ihre Rechte einzutreten.

Produkt der biederen 1950er

Ob Österreich, Europa oder gar die Welt ein Jahr nach diesem Sieg für "Frieden und Freiheit" tatsächlich offener geworden ist, darf bestenfalls müde belächelt werden. Eine nachhaltige Wirkkraft des Showereignisses ist schwer nachweisbar.

Umgekehrt drückt das politische Geschehen dem Wettsingen seit Beginn seinen Stempel auf. Ausdruck einer spießigen Fernsehkultur ist die Show trotz oder genau wegen ihrer künstlichen Erregungen bis heute geblieben. In einer Zeit, in der Menschen ihr Programm öfter selbst bestimmen, wirkt der Song Contest wie aus einer anderen Welt.

foto: ap / sergey ponomarev
Die erste Siegerin des Song Contests war die Schweizerin Lys Assia. Sie tritt auch heute noch auf.

Der "Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne" ist Produkt der biederen 1950er-Jahre. In den ersten Jahren nach dem Krieg vermittelt die Show das Bild von Frieden und Einheit. Eskapismus kann als Leitmotiv der Showtreppe gewertet werden. Die Schärfe, mit der sich diese Fluchttendenzen abzeichnen, korrespondieren nicht selten mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen.

Singen aus der Krise

Die Irin Dana trällerte 1970 von Tanz und Romantik, als in Nordirland Straßenschlachten tobten. Den Weg aus der Ölkrise in die kommerzielle Popkultur ebneten Abba 1974 mit "Waterloo". 1982 sang Nicole für "Ein bisschen Frieden" als Antwort auf Ronald Reagans Star-Wars-Programm.

Wiedervereinigungseuphorie bestimmte die frühen 1990er ("Insieme" – Italien, "Brandenburger Tor" – Norwegen, "Keine Mauern mehr" – Österreich).

foto: orf / ali schafler
Simone trat 1990 für Österreich an, mit "Keine Mauern mehr".

Die Krise der Ideologien war auch die Krise des Song Contests. Spaßbeiträge von Guildo Horn, Stefan Raab und Alf Poier stellten die Sinnfrage. Höhepunkt dieser Entwicklung und Tiefpunkt in der Geschichte des Song Contests zugleich ist 2006 erreicht, mit dem Sieg der finnischen Make-up-Rocker Lordi.

foto: apa / tor wennstrm
Überzeugten 2006 mit Schminke und Pose: die finnischen Hardrocker Lordi.

Eine neuerliche Wende hatte der Song Contest 1998 genommen, als die Sprachregel fiel. Dass nicht mehr in der Landessprache gesungen werden musste, erweiterte den Siegerkreis, bereitete aber umgekehrt Austauschbarkeit den Boden und bedeutete den Sieg von Kapitalismusinteressen und maximaler Verwertbarkeit.

Das ist geblieben, und wenn man im Song Contest der Jetztzeit so etwas wie Zeitgeist ablesen will, ist es am ehesten der erweiterte Kreis von Wählern und Gewählten: Punkteallianzen sind heute kaum noch nötig. (Doris Priesching, Adelheid Wölfl, 19.5.2015)

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