Mathematik-Zentralmatura: Ich bin Nummer 123.197

Userkommentar19. Mai 2015, 10:03
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Der große Schrecken ist vorüber – doch warum ist die Mathematik-Abschlussprüfung eine Überprüfung der Lesekompetenz?

Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug wie nie zuvor. Jetzt hätten wir es also geschafft. Das Bildungsministerium, das Bifie, manch Nachhilfe-Institut und die österreichischen Maturantinnen und Maturanten. Der große Schrecken Mathematik ist vorüber. Was bleibt, sind überfüllte Köpfe – und die Erkenntnis, dass das kompetenzorientierte Wissen über Polynomdivisionen, Normalapproximationen und Punktwolkendiagramme nicht einmal das Bifie interessiert. Schade eigentlich, ich hätte es gerne zumindest einmal in meinem Leben angewandt.

Erleichtert aufatmen

Die Angestellten des Bundesinstitutes für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung konnten erleichtert aufatmen. Einen Fauxpas wie im Dezember 2014, als ein Drittel der angehenden Maturantinnen und Maturanten nicht genügend Grundkompetenzen aufweisen konnte, wurde schon im Vorfeld verhindert: Die Aufgaben des ersten Teiles – zwei Drittel der Typ-1-Aufgaben, "Grundkompetenzen", mussten für eine positive Beurteilung richtig gelöst werden – waren in der Schwierigkeitsstufe "entgegenkommend" bis "ängstlich" einzuordnen. Folglich wird der große Aufschrei aus-, das Bifie bestehen und die Ministerin im Amt bleiben – welch Wunder.

Gute Noten Seltenheit

Dass das Notenintervall aber größtenteils auf "Gut" bis "Genügend" zusammenschrumpfen wird, Österreich dementsprechend wenige sehr gute Mathematikerinnen und Mathematiker aufweisen wird können, bleibe nicht unerwähnt. Die Durchschnittsnote wird gleich bleiben, den Sommer werden wohl weniger Schülerinnen und Schüler mit Mathematik verbringen als noch in den vergangenen Jahren. Gute Noten werden jedoch zur Seltenheit – alles können reicht nicht mehr.

Die der standardisierten Reifeprüfung oft vorgeworfene "Gleichmacherei" wurde im Jahr 1 NI (nach individuell) mit ausgezeichnetem Erfolg bestanden. Donner und Doria!

Von Formeln geträumt

Da steh ich nun, und bin kein Mathe-Genie, denke beim Betrachten eines Hauses nicht daran, dass die Höhe gleich 2*[(tanα/2)*r] ist und verstehe den Inhalt meines Glases nicht als Integral, sondern als mein verdientes, erstes Bier post mathematicae. Aufgrund der Matura bin jedoch auch ich zum Könner herangewachsen, habe statt vom Leben von Formeln geträumt und Fehler in Liedern gefunden, welche mich zu mathematischen Höchstleistungen gepeitscht haben. (Nein, MoTrip, eine Parabel steigt nicht exponentiell!)

Wofür?

Ich hätte die gleiche Matura auch ohne zu lernen gleich geschrieben und die gleiche Note erhalten. Es hätte mich schon vor einer Woche herzlich wenig interessiert, wie groß die Schwankungsbreite des Alters unseres Mannes vom Tisenjoch ist – der einzige Lichtblick bei diesem Beispiel war für mich sein Name, da er mich während der Matura durchgehend an unseren Volksmusik-Giganten mit dem weißen Häubchen erinnerte. Es hätte mich genauso wenig interessiert, wie lange man für eine Zufuhr von 2,5 Litern in eine Vase der Form eines verkehrten Pyramidenstumpfes benötigt.

Es hätte mir vor einer Woche in gleichem Ausmaß widerstrebt, mich mit diesen "realitätsnahen und praxisbezogenen" Beispielen auseinanderzusetzen und Formeln sowie Gleichungen aufzustellen. Danke, Bifie, dass ich mich jetzt frage, wieso ich alles gekonnt hätte, aber teilweise nichts gekonnt habe.

Zur Überprüfung meiner Lesekompetenz?

Da steh ich also nun, und bin doch völlig überfragt. Wieso sehe ich meine Mathematik-Abschlussprüfung als Überprüfung meiner Lesekompetenz? Wieso muss ich bei der Mathematik-Abschlussprüfung darüber nachdenken, ob eine Frau ihren Gatten betrogen hat? Wieso habe ich bei meiner Mathematik-Abschlussprüfung DJ Ötzis "Hey, Baby" im Kopf? All jenen, die meine Gedanken nicht ganz nachvollziehen können, lege ich Teil 2 meiner letzten, schriftlichen Matura ans Herz.

Abschließend bleibt zu sagen: Der Notendurchschnitt wird gleich bleiben, die Durchfall-Quote wird gleich bleiben. Die Frustration, dass das Bifie keine zu guten Noten will – die ist neu. Aber das Bifie will schließlich keine Noten-, sondern eine Qualitätssteigerung. Auch gut – hoffentlich. (Lukas Steiner, 19.5.2015)

  • Wieso habe ich bei meiner Mathematik-Abschlussprüfung DJ Ötzis "Hey, Baby" im Kopf?
    foto: apa/kalaene jens

    Wieso habe ich bei meiner Mathematik-Abschlussprüfung DJ Ötzis "Hey, Baby" im Kopf?

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