Mountainbiker wollen per Gesetzesnovelle die Wälder erobern

26. Mai 2015, 05:30
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Eine lose Allianz aus Naturfreunden, Alpenverein, Grünen und privaten Initiativen fordert die komplette Öffnung aller Forstwege für Radfahrer

Wien – Fast jeder zweite Quadratmeter österreichischen Bodens ist Wald. Jahr für Jahr wächst das Forstgebiet um etwa 4.000 Hektar und damit knapp um die Fläche des Attersees. Die Frage nach der Nutzungshoheit eines solchen Gebiets stellt sich zwangsläufig – derzeit versuchen sie Mountainbiker, die in steigender Zahl auf Forststraßen drängen, und Waldbesitzer von gegenüberliegenden Standpunkten aus zu beantworten. In der Offensive ist ein loses Interessenbündnis aus teilpolitischen bis privaten Initiativen, das eine Gesetzesänderung zur generellen Öffnung von Forstwegen für Radler fordert.

Mountainbiker durchqueren die heimischen Wälder nach gültiger Rechtslage oft illegal. Zwar ist laut Forstgesetz das Befahren der rund 120.000 Kilometer an Forstwegen anders als das Begehen prinzipiell verboten; Grundbesitzer können das Betretungsrecht aber ausweiten, indem sie das Radfahren ausdrücklich und ausgeschildert gestatten. Davor scheuen Eigentümer wegen der Haftung, etwa bei Unfällen mit Personenschäden, allerdings oft zurück.

Kaum vorhandene Bereitschaft

Die Unsicherheit wuchs im Vorjahr vor allem bei Waldbesitzern im Mostviertel. Franz Kößl, Ausbildungsleiter des Roten Kreuzes in Waidhofen an der Ybbs, radelte im Juni über die sogenannte Bellevue-Strecke bei Ybbsitz, um einen Platz für eine bevorstehende Einsatzübung zu finden. Er kannte die Strecke, doch stürzte unglücklich über einen Weidezaun, brach sich einen Wirbel und ist seither vom Hals abwärts gelähmt.

Zwar haften Grundbesitzer in solchen Fällen nur bei grober Fahrlässigkeit, und in Niederösterreich wie in mehreren anderen Bundesländern decken Haftpflicht- und Rechtsschutzversicherungen gegen den Eigentümer gerichtete Ansprüche ab. Nach dem tragischen Unfall verstärkten sich in der Gegend die Bedenken dennoch. "Die Bereitschaft der Landwirte, ihre Grundstücke für die Mountainbike-Routen zur Verfügung zu stellen, ist kaum mehr vorhanden", sagte Johann Bösendorfer von der niederösterreichischen Landwirtschaftskammer bei einer Art Krisensitzung im heurigen März in Waidhofen.

Das größte und schönste Fitnessstudio

"Eine ungezügelte Öffnung des Waldes ist von der Mehrheit der Eigentümer nicht erwünscht", meint auch Franz Titschenbacher, der Präsident der steirischen Landwirtschaftskammer. Forststraßen sind für ihn in erster Linie Arbeitsplätze von Erwerbstätigen in rund 145.000 Betrieben. Ferner solle der Wald der Erholung dienen. Wenn das gewährleistet ist, könne man auf Basis privatrechtlicher Verträge auch einzelne Wege zum Befahren freigeben, so Titschenbacher. Doch als "größtes und schönstes Fitnessstudio Österreichs, wie dies eine radikale Minderheit fordert", will er die Wälder nicht genutzt sehen.

Zur radikalen Minderheit zählt Titschenbacher offenbar den Verein Radlobby Österreich, von dem die Metapher der Natur als Fitnessstudio stammt. "Radfahren auf Forststraßen muss grundsätzlich legalisiert werden", sagt der Vorsitzende der Radlobby, Andrzej Felczak. In der Schweiz und in Deutschland sei das schon längst Realität.

Auch für Dietmar Gruber, der 2010 gemeinsam mit Ex-Radprofi Gerhard Zadrobilek das Bergsportlernetzwerk "Upmove" gründete, kommt nur eine vollständige Öffnung der Forststraßen infrage. Die Einwände der Grundbesitzer bezeichnete Gruber in einem Userkommentar auf derStandard.at kürzlich als "Nebelgranaten" – in seinen Augen sind Argumente wie die Sorge um das Ökosystem Wald, potenzielle Konflikte zwischen Mountainbikern und Wanderern sowie mögliche Eingriffe in die Eigentumsrechte nur vorgeschoben.

Keilen um Unterstützung

800.000 regelmäßig aktive Mountainbiker soll es laut "Upmove" in Österreich geben, knapp 30.000 davon hat Grubers Team bisher überzeugen können, für die Aktion "Legal Biken" zu unterschreiben. Um Unterstützungserklärungen werben derzeit auch die Naturfreunde für ihr Projekt "Freie Fahrt". Bei fast 7.000 Unterschriften hält die SPÖ-nahe Organisation einen Monat nach Kampagnenstart.

Zuletzt reihten sich die oberösterreichischen Grünen und die Steiermark-Sektion des ÖVP-nahen Alpenvereins in die Allianz der Befürworter ein. "Eine flächendeckende Öffnung der Forststraßen mit gewissen Einschränkungen wäre besser als Einzellösungen", sagt der Vorsitzende des steirischen Alpenvereins, Norbert Hafner. Der grüne Landessprecher Lambert Schönleitner erhofft sich durch die Öffnung auch touristische Impulse.

Lose Allianz für eine Gesetzesreform

Das Ziel des losen Bündnisses lautet weitgehend gleich: eine Novellierung von Paragraf 33 des Forstgesetzes, der das Betretungsrecht regelt. "Durch den Zusatz '…und Forststraßen (§ 59 Abs. 2) mit dem Fahrrad befahren', kann das Radfahren auf Forststraßen legalisiert werden", heißt es im Vorschlag der Naturfreunde. Darüber hinaus könne eine Anpassung von Paragraf 176 ("Allgemeine Haftungsbestimmungen") auch die haftungsrechtliche Situation für Grundbesitzer entschärfen.

Die "Weiterentwicklung der Wegefreiheit" müsse jedenfalls mit einer Vorrangregelung für Wanderer einhergehen, sagt SPÖ-Klubobmann und Naturfreunde-Vorsitzender Andreas Schieder. Sogenannte "Biker Fair Play-Regeln" sollen zum Dogma der Waldradler werden. Nur bei Tageslicht und auf halbe Sicht geloben sie die Forststraßen zu befahren, denn "wir biken verantwortungs- und rücksichtsvoll".

In dieser Tonalität versuchen sich die Kampagnenbetreiber gegenseitig zu übertreffen. "Legal biken, das heißt auch: auf andere Naturnutzer Rücksicht nehmen", so die Parole von "Upmove". Die Radlobby wünscht sich Konsens, "denn respektvolles Miteinander in legalem Rahmen ist unser Ziel." Vielleicht will man damit auch den Vorwürfen entgehen, "Extrem-Mountainbiker" würden ohnehin nur "in einseitigem Interesse" agieren, wie es Felix Montecuccoli, der Verbandspräsident der Land&Forst Betriebe Österreich ausdrückt. (Michael Matzenberger, 26.5.2015)

Wissen

Wer besitzt Österreichs Wälder?

Laut der Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Holzwirtschaft gehören nur 18 Prozent der rund vier Millionen Hektar Wald im Land öffentlichen Einrichtungen. 14,8 Prozent stehen im Besitz der Republik respektive der Österreichischen Bundesforste und 4,3 Prozent sind Gemeinde- oder Landeswälder. Die 82 Prozent Privatbesitzer teilen sich auf in 54 Prozent Kleinwaldbesitzer (unter 200 Hektar) und 28 Prozent Großwaldbesitzer (über 200 Hektar). Die größten Waldbesitzer hinter den Bundesforsten (511.000 Hektar) sind die Stadt Wien (28.000 Hektar, davon 31 Prozent im Stadtgebiet) und die Privatiers Franz Mayr-Melnhof-Saurau (27.400 Hektar), die Esterházy Betriebe Gmbh (22.600 Hektar), die Fürstlich Schwarzenbergsche Familienstiftung (19.000 Hektar), das Benediktinerstift Admont (16.700 Hektar) und das Habsburg-Lothringensche Gut Persenbeug (12.700 Hektar).

Wo ist die Nutzung der Wälder geregelt?

Bereits 1852 wurde im ersten "modernen" Forstgesetz festgeschrieben, wie etwa mit Bränden und Insektenschäden umzugehen ist. Ein konkretes Betretungsrecht wurde nicht ausformuliert; das Forstschutzpersonal jedenfalls war verpflichtet, jeden, dessen "Aufenthalt im Walde zu Besorgnissen für die öffentliche Sicherheit oder das Waldeigentum Anlaß gibt, aus dem Forst hinauszuweisen". Jäger taten das der Überlieferung nach bisweilen auch mit vorgehaltener Büchse. 1975 wurde das derzeit gültige Forstgesetz in 185 Paragrafen verabschiedet. Es regelt von Rodungen und Neubewaldung über die Berufsqualifikation von Forstschutzorganen bis zur Bodenstreugewinnung alle Waldaspekte.

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  • Gehen und also das Schieben von Rädern im Wald erlaubt das Forstgesetz derzeit. Für das Aufsteigen müsste es novelliert werden.
    foto: apa/roland schlager

    Gehen und also das Schieben von Rädern im Wald erlaubt das Forstgesetz derzeit. Für das Aufsteigen müsste es novelliert werden.

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