Im Würgegriff der Fiskalpolitik

18. Mai 2015, 17:15
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Nur wenige Beiträge thematisieren in Cannes die Verwerfungen unserer Zeit. Miguel Gomes jedoch zeigt beim Filmfestival sein sechsstündiges Epos über Portugal und die Folgen des von der EU auferlegten Sparkurses

Die ökonomischen Unstimmigkeiten der Gegenwart sind unüberschaubar. Wie das Kino auf diese Missverhältnisse und ihre Konsequenzen zu reagieren vermag, ist eine Frage, auf die man sich von einem Filmfestival wie Cannes Annäherungen erwarten darf.

Es sind jedoch nicht viele, die es wagen. Eine gute Portion Wahnsinn, Wagemut, auch Produzenten, die großzügig denken, sind dafür vonnöten. Der portugiesische Filmemacher Miguel Gomes (Tabu) hat von alldem etwas. Sein aus drei Teilen zusammengesetztes, sechs Stunden langes Epos Arabian Nights (bisher wurden zwei davon in der Quinzaine gezeigt) ist nicht nur der relevanteste, sondern auch einer der künstlerisch bezwingendsten Filme an der Croisette.

Ein ganzes Jahr lang hat Gomes in seiner Heimat gefilmt, um die Auswirkungen des von der EU auferlegten Sparkurses von 2014 auf Land und Bevölkerung zu thematisieren. Nicht in rein dokumentarischer Form, nicht als Fiktion, sondern in Form einer filmischen Intervention: Reale und erfundene Geschichten von wachsender Prekarität, von Ungleichgewicht, Korruption und Armut werden in mythologische Fabeln eingepasst, die an Scheherazade angelehnt sind.

Selbst wenn dem Filmemacher im Prolog das Projekt über den Kopf wächst, er panikartig die Flucht vor seinem Team ergreift: Das Rezept geht auf betörende Weise auf. Gomes zeigt ein Land im Würgegriff der Fiskalpolitik, er hält der Depression jedoch Erfindungsgeist entgegen. Der Realität vermag er das hinzufügen, was dem nüchternen Blick auf Defizite entgeht. Nennen wir es einfach den menschlichen Horizont.

Wie darf man sich das vorstellen? Als freie, einmal burleske, dann aberwitzige, schließlich dokumentarisch beseelte Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Ständig erweitert sich diese in neue Richtungen, wechselt zwischen Stimmungen von Melancholie, Komik und Zorn.

Männliche Potenzfantasien

Der Besuch von EU-Gesandten, die öffentliche Gelder kappen wollen, gerät im Kapitel "The Men With the Hard-Ons" etwa zur Satire über männliche Potenzfantasien. Im zweiten Teil wird ein flüchtiger Mörder in einer Naturlandschaft zum lumpenproletarischen Helden, weil er sich erfolgreich dem staatlichen Zugriff entziehen konnte. Jede Episode hat ihren Tonfall: In einem Wohnbau, aus dem Menschen delogiert werden, zieht Zigarettenqualm durch die Gänge, während auf der Tonspur Songs von Lionel Richie oder Rod Stewart erklingen.

Gomes schließt an die Tradition des Schelmenromans an, indem er eine aus den Angeln gehobene Welt in der Verzerrung besser sichtbar macht. Im Wettbewerb ist derweilen von solcher Ambition kaum etwas zu finden. Der US-Amerikaner Todd Haynes weiß mit Carol, seinem Liebesdrama um zwei Frauen im New York der 1950er-Jahre, zumindest durch seine visuell kontrollierte Form zu überzeugen. Leidenschaft und Schmerz bleiben in den Bildern von Ed Lachman allerdings ein wenig taub unter der Schönheit.

Der skandinavische Regisseur Joachim Trier zeigte in Cannes seine erste internationale Produktion. Louder Than Bombs ist die Studie einer Familie, die nach dem Unfalltod der Mutter, einer berühmten Kriegsfotografin (Isabelle Huppert), die Fähigkeit verloren hat, aufeinander zuzugehen.

Trier legt den Film als Kaleidoskop an, in dem der Vater (Gabriel Byrne) und seine beiden Söhne (Jesse Eisenberg, Devin Druid) jeweils isoliert voneinander betrachtet werden. Die Erzählweise des Films, die jede Figur zu einem Perspektivenwechsel lenkt, wirkt jedoch mit der Zeit immer forcierter. Anders als bei Gomes ist die Offenheit hier nur ein Manöver, um die erzählerischen Lücken wieder zu schließen. (Dominik Kamalzadeh, 18.5.2015)

  • Erfindergeist gegen Depression: Regisseur Miguel Gomes (im Bild) vermag in "Arabian Nights" (Scheherazade!) der Realität seines Heimatlandes Portugal das hinzuzufügen, was dem Blick auf Defizite entgeht, nämlich den menschlichen Horizont.
    foto: archiv

    Erfindergeist gegen Depression: Regisseur Miguel Gomes (im Bild) vermag in "Arabian Nights" (Scheherazade!) der Realität seines Heimatlandes Portugal das hinzuzufügen, was dem Blick auf Defizite entgeht, nämlich den menschlichen Horizont.

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