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3. Juni 2015, 10:21

Ihr seids deppert! So lauteten die ersten Reaktionen auf die rasanten Abenteuer von Markus Pekoll. Während andere kicken gingen, radelte er lieber mit Freunden durch die Gegend, stürzte sich bald mit vollem Karacho steiles Gelände hinunter. Mountainbike-Downhill heißt der Spaß, bei dem es gilt, über Erde, Wiese, Steine, Felsen und Wurzelwerk - jedenfalls gut durchgeschüttelt - möglichst flink zwischen Bäumen und anderen bedrohlichen Hindernissen hindurch bergab zu rasen. "Wir haben nicht viel darüber nachgedacht, haben es einfach getan. Es war von Anfang an lässig."

Stürze gehören dazu: "Eine Verletzung zeigt, dass der Körper Ruhe braucht."

Weniger lässig war allerdings, dass der Steirer, mittlerweile Downhill-Profi, im französischen Lourdes Mitte April auf den Rücken stürzte. Das Malheur passierte nicht bei einer Wallfahrt sondern bei einer Bergabfahrt im Rahmen des Weltcupauftakts.

foto: armin walcher
Unterwegs in Chile.

Diagnose: drei Rippenbrüche, zwei Querfortsatzfrakturen, Prellungen und eine Lungenquetschung. Die ärztliche Empfehlung: vier Wochen Pause. Pekolls Plan: "Zwei Wochen komplett Ruhe geben, null Sport machen, danach mit dem Aufbautraining beginnen".

Alles andere hätte wenig Sinn gehabt, denn die Beweglichkeit war durch Prellungen und Muskelschutzspannung stark eingeschränkt. "Meistens ist eine Verletzung ein Zeichen dafür, dass der Körper Ruhe braucht. So ein Unfall ist nicht nur Pech, sondern passiert durch Unkonzentriertheit. Das war schon ein Bumm, der deutlich macht, wie gefährlich der Sport ist", sagt Pekoll, der bisher von schweren Verletzungen weitgehend verschont geblieben ist, sich nur vor Jahren als Hobbyfahrer einmal eine Hand gebrochen hat. "Von dem her bin ich eh gesegnet", so der 27-Jährige.

foto: armin walcher
Kurze Zeit für eine Rast.

Pekoll stuft den Sport seiner Wahl als "gefährlich" ein. Von den besten zehn der vergangenen Saison waren im Mai fünf verletzt. "Es wird immer enger, es geht um viel Geld und jeder riskiert mehr. Aber, es sind auch Fußballer verletzt, auch Skifahren ist gefährlich und auch Tennisspieler haben ihre Blessuren. Das bringt der Sport mit sich".

Längere Verletzungspausen gehen bei diversen Sportarten nicht selten mit dem Verpassen von mehreren Bewerben einher, doch weil das zweite Rennen der Saison nach einer längeren Pause erst dieses Wochenende (6./7. Juni) im schottischen Fort William über die Bühne geht, kann Pekoll bereits wieder mitmischen. Genauso wie beim Heimweltcup in Leogang, der nächstes Wochenende steigt. Hierzulande haben die Betreiber der Skipisten und Liftanlagen neben zu transportierenden Wandersleuten längst auch Mountainbiker als lukrative Sommer-Alternative entdeckt.

Von Lourdes bis Übersee: Die Stationen der Downhill-Saison 2015 im Überblick.

Fort William ist als einer von sieben Weltcup-Veranstaltungsorten insofern bemerkenswert, als der rund 160 Kilometer nördlich von Glasgow gelegene Ort mit einer sehr schwierigen und spektakulären Strecke aufwarten kann und sich alljährlich einer großen Zuschauerzahl erfreuen darf. Die Strecke am Fuße des Ben Nevis, des mit 1.344 Metern höchsten Berges Großbritanniens, ist 2,5 Kilometer lang, die Raserei dauert in etwa 4,5 Minuten.

Geschwindigkeiten bis 85 km/h: "Das Erlebnis vor Ort ist spektakulärer."

"Man ist auf Highspeed mit einem Schnitt von rund 40 km/h unterwegs. Das hört sich vielleicht nicht nach viel an, aber wenn man die Strecke mit den vielen Steinen sieht, dann ist das doch beachtlich", erklärt Pekoll. Die Maximalgeschwindigkeit liegt in etwa bei 85 km/h. Und daher gilt: "Das Erlebnis vor Ort ist wesentlich spektakulärer, als vor dem Fernseher".

gianluca ricceri
Das bewegte Leben von Markus Pekoll.

Der Schladminger ist in der Szene nicht irgendwer, 2011 durfte er sich Europacupsieger nennen, 2013 avancierte er in Bulgarien zum Downhill-Europameister, vier Staatsmeistertitel hat er inzwischen eingeheimst. Und er war der erste Österreicher in den Top sieben der Weltrangliste. Ein Erfolg im Weltcup fehlt ihm noch, ist klarerweise eines seiner Ziele. "Das hoffe ich in den nächsten Jahren zu erreichen".

Heuer will er zumindest einmal auf das Podium, den Staatsmeistertitel verteidigen und in der Weltcupgesamtwertung unter den besten Zehn landen. Und bei den Weltmeisterschaften in Andorra im Herbst? "Da zählt im Endeffekt immer nur eine Medaille".

Easy: "Wir brauchen keinen Schnee, müssen nur warten, bis er weggeht."

Die Konkurrenz kommt dabei aus aller Herren Länder. Vergangene Saison waren unter den besten zehn Profis Fahrer von fünf Kontinenten vertreten. "Die Top-Leute kommen aus Großbritannien, Frankreich, Australien, Neuseeland und den USA. Es gibt auch einen starken Südamerikaner und zwei gute Südafrikaner", sagt Pekoll. Während noch vor ein paar Jahren nur zwei Fahrer alles abgeräumt haben, gab es letzte Saison fünf verschiedene Sieger. "Im Moment geht es ziemlich rund, es kommen immer mehr schnelle Leute. Der Sport boomt, weil man überall Radfahren kann und zwar weltweit. Wir brauchen keinen Schnee, keine Schneekanonen, müssen nur warten, bis der Schnee weggeht".

foto: armin walcher
Der Bundesadler für den österreichischen Meistertitel fährt auf dem linken Arm mit.

Apropos Schnee: Die österreichischen Meisterschaften hätten auch heuer wieder am Semmeringer Zauberberg steigen sollen. Sie wurden aber aus betriebstechnischen Gründen abgesagt. Im Frühjahr ist dort noch so viel Schnee gefallen, dass man mit den Vorbereitungen für den von 23. bis 24. Mai angesetzten Bewerb nicht rechtzeitig fertig geworden wäre. "Ich finde es schade, vom Semmering ist es nicht weit nach Wien und Graz, das waren immer Rennen mit super Atmosphäre, weil viele Zuschauer dort waren."

Eine Lanze für den Radsportverband

Der Steirer bricht eine Lanze für den Radsportverband. "Die Unterstützung könnte nicht besser sein. Der für uns zuständige Bernd Kindermann macht viel, er fährt mit uns auf Trainingslager, schickt Physiotherapeuten zu den Rennen. Die Teilnahme an den Weltmeisterschaften wird vom Verband aus perfekt organisiert. Alles läuft sehr gut".

Und das, obwohl oder gerade weil Mountainbiken eine ziemlich junge Sportart ist. Die Geburtstunde soll im Jahr 1973 im kalifornischen Marin County geschlagen haben, als man mit extra robust gestalteten Rädern die Schotterpisten des Mount Tamalpais runterdüste. 1976 stiegen ebendort die ersten Mountainbike-Rennen.

Sein erstes Rennen bestritt Pekoll 2002, "ein Kinderrennen nur zum Spaß". Richtig losgegangen ist es dann 2006. Mit dem Weltcupzirkus unterwegs ist er seit 2010, ein Jahr später wurde er Profi. Seither fährt er für das MS-Racing-Team, dessen Chef Markus Stöckl mit der spanischen Radfirma Mondraker kooperiert. Stöckl stellte 2007 einen Weltrekord auf, als er auf einem Mountainbike mit 210 km/h eine Speedski-Strecke talwärts donnerte.

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Markus Stöckl, Pekolls Teamchef, stellte 2007 in Chile einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord mit einem Mountainbike auf. Sagenhafte 210,4 km/h.

Um bestens vorbereitet an die Sache heranzugehen, wird mit hohem Engagement im Materialbereich getüftelt, werden zahlreiche Trainingsläufe absolviert und vor allem im Winter viel Zeit in der Kraftkammer verbracht. "Der Trainingsalltag ist ein eher monotoner. Wenn es das Wetter nicht zulässt, Rad zu fahren, gehe ich Langlaufen, sitze am Ergometer, mache Dehnungs- und Rumpfkräftigungsübungen".

"Man hat an vielen Schrauben zu drehen, muss aufpassen, sich nicht zu verirren."

Mit Reinhard Ronacher hat Pekoll einen Konditions-Trainer, der auch österreichische Skiweltcupfahrer betreut. "Man bereitet sich im Prinzip wie ein Skifahrer vor. Mountainbike-Downhill ist nicht viel anders als ein Abfahrtslauf, nur dass wir die doppelte Zeit unterwegs sind. Dahingehend muss das Training angepasst werden".

Auf dem Materialsektor wurden in den letzten zwei Jahren riesen Schritte gemacht. Wesentlichstes Merkmal der Veränderung ist die Umstellung von 26 auf 27,5 Zoll-Räder. "Mit den größeren Rädern rollt man über Hindernisse besser drüber, hat man mehr Bremskraft und besseren Kurvengrip. Das Rad flext ein bisserl mehr, dadurch hat man auch noch mal mehr Grip und fährt teilweise mit wesentlich größerem Speed runter".

Komplexes Material

Wie komplex die Materialfrage inzwischen geworden ist, lässt sich erahnen, wenn der Steirer über Federung, Speichenspannung und Rahmentuning spricht. "Im Bereich Suspension habe ich viel investiert, ich habe drei Wochen mit einem Mechaniker daran gearbeitet. Es geht nicht mehr nur darum, im Trainingslager auf dem Rad zu sitzen. Sondern auch darum, wie es sich anfühlt und was es bringt, wenn man zum Beispiel die Speichenspannung um 10 Newtonmeter erhöht".

Allein um die gar nicht simple Federung kümmern sich mehrere Leute im Team. "Das ist schon ziemlich kompliziert. Man hat an vielen Schrauben zu drehen und muss aufpassen, dass man sich dabei nicht verirrt".

Pekolls Downhill-Bike mit technischen Details. (Foto: Nathan Hughes)

Zum Glück gibt es zumindest ein Grundsetup, dann aber heißt es "Federwege einstellen, bei der Rahmenlänge variieren, somit den Radstand verändern, je nachdem wie der Untergrund beschaffen ist, ob es steiler oder flacher, schneller oder langsamer ist. Auf Strecken wie in Leogang, die steil und dann wieder flach sind, muss man einen guten Kompromiss finden", sagt Pekoll.

Einkommen: "Mit normaler Arbeit würde ich das Geld nicht verdienen."

Faszinierend findet er die umfangreiche Arbeit, die nötig ist, um an die sportliche Spitze zu kommen. Egal ob mentales oder körperliches Training. Pekoll macht auch die Arbeit für die Presse, hat aber Leute, die ihn dabei unterstützen. "Im Endeffekt bin ich der Chef und muss schauen, dass ich die Trainer, Mechaniker und Serviceleute richtig einsetze".

Von seinem Job kann der Steirer mittlerweile gut leben. Bei der Suche nach Sponsoren kam ihm zugute, dass er von Beginn weg an seiner Vermarktung interessiert war. "Mit normaler Arbeit würde ich das Geld nicht verdienen, von da her geht es mir nicht schlecht". Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und komme weltweit herum. Es ist ein Fulltimejob, anstrengend aber lässig". Von wegen deppert. (Thomas Hirner, 3.6.2015)