Georg Elser und die Zeichen der Zeit

18. Mai 2015, 11:44
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Regisseur Oliver Hirschbiegel interessiert sich in "Elser" nicht nur für den Mann, der 1939 im Bürgerbräukeller ein Attentat auf Hitler verübte, sondern auch für das dörfliche Milieu, aus dem Georg Elser stammte

Wien – Nur eine kleine graue Wolke ist über dem Münchener Abendhimmel zu sehen, als die Bombe hochgeht. Am Grenzübergang zur Schweiz wird ein Mann festgenommen, der unter Verdacht steht, den Sprengstoff mittels Zeitschaltung gezündet zu haben. Es ist der 8. November 1939. Wäre die Bombe im Bürgerbräukeller dreizehn Minuten früher explodiert, wäre Hitler unmittelbar daneben am Rednerpult gestanden.

Aufgeworfene Fragen

Zu Beginn kann man den jungen Mann bei den Vorbereitungen für den Anschlag beobachten. Man erkennt die körperliche Anstrengung, die es ihn kostet, die Dynamitstangen hinter der Mauer zu verstecken. Seine Hände sind aufgeschürft, man hört seinen lauten Atem. Dieser Mann vollbringt eine Lebensaufgabe, und man weiß, dass Georg Elser sie mit dem Tod bezahlen wird.

Dass sich "Elser" in der Folge nicht für den minutiösen, dramatischen Ablauf des Attentats interessiert, gereicht diesem Film – im Gegensatz zu Klaus Maria Brandauers Version von 1989 – jedenfalls zum Vorteil: Kaum wird Elser, ein einfacher Schreiner aus dem schwäbischen Königsbronn, zu möglichen Hintermännern verhört, blickt auch die Erzählung ein paar Jahre zurück – es soll, das macht "Elser" mit wiederholten Rückblenden in die frühen Dreißigerjahre deutlich, um deutsche Zeitgeschichte gehen. Und um Antworten auf Fragen, die nicht die Gestapo stellt.

Zehn Jahre nach seinem umstrittenen "Der Untergang" über die letzten Tage Hitlers im Führerbunker widmet sich Regisseur Oliver Hirschbiegel erneut dem Nationalsozialismus, doch diesmal bekommt man Hitler zum Glück nur kurz zu sehen. Auch zeichnet nicht wieder Bernd Eichinger, sondern der Berliner Autor und Produzent Fred Breinersdorfer, der schon das bemerkenswerte Widerstandsdrama "Sophie Scholl" schrieb, für das Drehbuch verantwortlich.

Und so interessiert sich "Elser" nicht nur für die Motive, die einen lebensfrohen Arbeiter aus einem kleinen Dorf zum Widerstandskämpfer werden ließen, sondern im selben Maß für dessen Milieu: Langsam übernehmen die ortsansässigen Nazis die Stammtischhoheit, bald werden sie die Kommunisten, mit denen auch Elser sympathisiert, verhaften.

Alle sind sie versammelt, die Feiglinge, die Opportunisten, die Machtgierigen – und unter ihnen Georg Elser, der findet, dass die "Nazis nicht gut sind für Deutschland" und der die Barbarei heraufziehen sieht.

Fiktive Antworten

Auf die Frage, was Elser zu seiner Widerstandstat getrieben hat, findet dieser Film neben historisch verbürgten auch fiktionale Antworten. Letztere finden sich vor allem im Privaten: Christian Friedel, zuletzt in Jessica Hausners "Amour Fou" ein dem Tod ergebener Heinrich von Kleist, spielt Elser als sensiblen, eigensinnigen Mann, der sich gegen das Elternhaus und den betrunkenen Mann seiner verheirateten Geliebten Elsa (Katharina Schüttler) behaupten muss.

Elser erkennt die Zeichen der Zeit und muss seine Liebe zurücklassen, um das zu verhindern, was er kommen sieht: "Die wollen Krieg."

Natürlich ist "Elser" ein Plädoyer für Selbstbestimmung und Courage, doch seine Stärke liegt gerade darin, dass er den Entschluss Georg Elsers zum Attentat mit dessen Herkunft und Umfeld verknüpft. So bleibt Elser nicht länger der verschrobene Eigenbrötler, als der er lange Zeit galt, sondern wird zu einem Mann, der das Leben liebte und dafür zu sterben bereit war. (Michael Pekler, 18.5.2015)

  • Christian Friedel spielt den am 9. April 1945 in Dachau hingerichteten Georg Elser als sensiblen, eigensinnigen Mann, der seine Liebe zurücklässt, um das zu verhindern, was er kommen sieht.
    foto: bernd schuller

    Christian Friedel spielt den am 9. April 1945 in Dachau hingerichteten Georg Elser als sensiblen, eigensinnigen Mann, der seine Liebe zurücklässt, um das zu verhindern, was er kommen sieht.

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