Israelische Töne und Misstöne – und der Spirit von Eurovision

Blog17. Mai 2015, 15:00
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In der Eigendefinition des Eurovision Song Contests ist der Bewerb unpolitisch. Seit Israel teilnimmt, gibt es aber immer wieder Turbulenzen

Die erste Teilnahme Israels beim Eurovision Song Contest fand 1973 statt. Ilanit trat mit dem Song "Ey sham" an und erreichte den respektablen vierten Platz. Es war die Zeit, in der Israel sich stärker Richtung Europa richtete. 1972, nach den Terror-Attentaten bei den Olympischen Spielen in München, suchte Israel eine neue Identität, die zunehmend europäisch sein sollte, wie Jan Feddersen das einmal recherchierte. Parallel passierten auch andere Ereignisse, die ebenso beeinflussten. So flog etwa der israelische Fußballverband 1974 aus der Asian Football Association. Die Aufnahme in die UEFA wurde zuerst von den Ostblock-Staaten blockiert und konnte erst nach dem Mauerfall 1991 realisiert werden. In diesem Licht ist auch Israels Teilnahme beim Eurovision Song Contest zu sehen. Bei der EBU ist Israel seit 1957.

Siege 1978 und 1979

Dass Israel sich in einem ständigen Konflikt mit den Nachbarstaaten befand, hinterließ auch beim Song Contest Spuren. Zu Beginn schien das Land aber sehr erfolgreich zu sein. 1978 und 1979 konnte Israel sogar gleich zweimal hintereinander gewinnen. Zuerst mit "A-ba-ni-bi" von Yizhar Cohen & the Alpha-Beta und danach mit "Hallelujah" von Gali Atari & Milk and Honey.

1980 Marokko statt Israel

Doch ausgerechnet 1980 sah Israel sich nicht imstande den Bewerb noch einmal auszurichten und gab an die NOS in den Niederlanden ab. Der Termin, der dann fixiert wurde, war ein weiterer Schlag ins Gesicht Israels, denn der Song Contest in Den Haag fand ausgerechnet am israelischen Gedenktag Jom haZikaron statt. An dem Tag wird in Israel den gefallenen Soldaten und den Opfern von Terrorismus gedacht. Als bekannt wurde, dass Israel nicht mitmachte, sprang ein anderes Land ein, das ebenfalls Mitglied der EBU war und ist: Marokko. Im marokkanischen Fernsehen einen israelischen Beitrag zu zeigen, war – und ist wohl auch heute noch – undenkbar. Diese Chance nutzte das nordafrikanische Land.

Dana International siegte 1998 – und löste Debatte aus

1998 gelangte Israel wieder in den Fokus einer hochpolitischen Debatte, diesmal allerdings innenpolitisch. Dana International wurde vom israelischen Sender ausgewählt, um das Land in Birmingham zu vertreten. Dass eine Transgender-Frau Israel repräsentieren sollte, schmeckte konservativen Kräften weniger und das Land erlebte eine Kontroverse, die man in Österreich in ähnlicher Form Ende 2013 erleben konnte, als Conchita nominiert wurde. Dana International sollte dann mit "Diva" ganz knapp den Sieg davon tragen, beim womöglich spannendsten Voting der Geschichte des Bewerbs. Die Community der Lesben, Schwulen und Transgender-Personen in Israel feierte den Sieg und konnte ihn auch nützen. Tel Aviv wurde zu einer queeren Hauptstadt, die Sichtbarkeit und der Kampfgeist der LGBTI-Community war nicht mehr zu stoppen.

2005 Libanon musste zuhause bleiben

2005 wollte Libanon am Eurovision Song Contest in Kiew teilnehmen und hatte sogar schon einen Beitrag ausgewählt. Dann wollte der Sender aber beim israelischen Beitrag ausblenden, worauf die EBU sagte: So nicht. Der Libanon musste zuhause bleiben.

2007 politische Botschaft?

Der Beitrag 2007 dürfte der EBU einiges an Kopfzerbrechen bereitet haben, da eine Regel besagt, dass politische Botschaften eigentlich nicht erlaubt seien. Allerdings war die Band "Teapacks" mit dem Song "Push The Button" recht klug. Dass gefährliche Männer einen Knopf drücken können kann alles bedeuten. Ahmadinejad dachte man sich damals höchstens dazu, kam im Lied aber nicht explizit vor.

Der bilinguale Weg 2009

2009 konnte nach Marokko 1980 das zweite Mal Arabisch auf der Bühne des Song Contests gehört werden – und zwar beim israelischen Beitrag. Mira Awad, eine christlich-arabische Sängerin, sang mit Noa das Duett "There Must Be Another Way", das bilingual vorgetragen wurde. Mira Awad musste sehr viel Kritik und Drohungen seitens radikaler Palästinenser einstecken und Petitionen machten die Runde. Sie müsse ihre Teilnahme widerrufen, schallte es an vielen Ecken. Das tat sie aber nicht. Die beiden Sängerinnen, die sich politisch instrumentalisiert sahen, da sie schon jahrelang gemeinsam arbeiteten, fuhren trotzdem nach Moskau und endeten auf Platz 16. Noch im selben Jahr gab Mira Awad eine Wahlempfehlung zugunsten der Kommunisten ab.

Demonstrationen gegen Israels Teilnahme

2011 bis 2014 konnte sich Israel nicht mehr für das Finale qualifizieren, und das trotz eigentlich sehr guter Acts. In Israel wird seither auch diskutiert, inwieweit die Politik eine Rolle spielt, dass niemand mehr für Israel anrufen mag. 2013 in Malmö gab es sogar Demonstrationen von linken Politikern und arabischen Einwanderern gegen die Teilnahme Israels.

2015 weltoffener "Golden Boy"

2015 wird Israel mit einem 16-jährigen Sänger antreten. Sein fröhlicher Song "Golden Boy" ist eine Werbung für das liberale, weltoffene und LGBT-freundliche Tel Aviv. Bei den Fans ist der Song enorm beliebt. Wenn dieser Beitrag es nicht ins Finale schafft, wäre dies schon sehr eigenartig. Bei der Pressekonferenz in Wien gab es einen sehr emotionalen Moment. Ein libanesischer Journalist meldete sich zu Wort und wünschte sich Frieden, worauf es zu einer Umarmung kam. Das ist eben der Spirit von Eurovision. (Marco Schreuder, 17.5.2015)

Videos: Die erwähnten Beiträge im Überblick

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Israels erste Teilnahme am Song Contest 1973: Ilanit mit dem Song "Ey sham".
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Song-Contest-Gewinner 1978: Yizhar Cohen & the Alpha-Beta mit "A-ba-ni-bi".
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... und im Jahr darauf: Gali Atari & Milk and Honey mit "Hallelujah".
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Nahm 1980 statt Israel teil: Marokko mit Sängerin Samira Bensaid.
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1998 gewann Dana International mit "Diva" für Israel den Song Contest – und löste eine innenpolitische Debatte aus.
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2005 wollte der Libanon Israels Beitrag ausblenden. Die EBU spielte nicht mit.
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Song mit politischer Botschaft? Die Teapacks mit dem Song "Push The Button" (2007).
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Mira Awad sang 2009 mit Noa das Duett "There Must Be Another Way" bilingual.
eurovision song contest
2015 wirbt "Golden Boy" in seinem Song-Contest-Song für das liberale, weltoffene und LGBT-freundliche Tel Aviv.

Marco Schreuder ist seit 1976 Eurovision-Song-Contest-Fan, hat seither keinen einzigen Song Contest ausgelassen und ist Bundesrat der Grünen.

  • Dana International, die Siegerin 1998, bei ihrem glückloserem Antreten 2011, als sie das Finale nicht erreichen konnte.
    foto: ebu/elke roels

    Dana International, die Siegerin 1998, bei ihrem glückloserem Antreten 2011, als sie das Finale nicht erreichen konnte.

  • Großen Jubel gab es für ihren Sieg 1998 in Tel Aviv.
    foto: epa/shaul golan-yedioth

    Großen Jubel gab es für ihren Sieg 1998 in Tel Aviv.

  • Der erst 16-jährige "Golden Boy" Nadav Guedj vertritt Israel beim diesjährigen Song Contest und wird im zweiten Halbfinale antreten.
    foto: ebu/thomas hanses

    Der erst 16-jährige "Golden Boy" Nadav Guedj vertritt Israel beim diesjährigen Song Contest und wird im zweiten Halbfinale antreten.

  • Libanesischer Medienvertreter mit israelischem Sänger: So etwas sieht man vermutlich nur beim Eurovision Song Contest. Es flossen einige Tränen.
    foto: eurovision.tv

    Libanesischer Medienvertreter mit israelischem Sänger: So etwas sieht man vermutlich nur beim Eurovision Song Contest. Es flossen einige Tränen.

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