Unerzählte Geschichten: Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau

Userkommentar16. Mai 2015, 09:33
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Dieser Tage erinnern sich Sinti und Roma des Aufstands im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau – Gedenken und Forschung sind heute wichtiger denn je

Am Abend des 15. auf den 16. Mai 1944 umzingelten mit Maschinengewehren bewaffnete SS-Soldaten das Lager für Sinti- und Roma-Gefangene, das sogenannte "Zigeunerlager" des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, mit der Absicht, die nahezu 6.000 Häftlinge zu töten. Doch als die SS-Soldaten das Lager umstellten, um mit dem Abtransport der Inhaftierten zu den Gaskammern zu beginnen, stießen sie auf bewaffneten Widerstand vonseiten der Männer, Frauen und Kinder im Lager. Die Gefangenen hatten von der geplanten "Liquidierung" gehört und hatten sich Waffen aus Blech und Holz, Rohren, Steinblöcken und anderem Schrottmaterial, was immer sie finden konnten, gemacht.

Nach den Erinnerungen von Überlebenden und Zeugen des Widerstands gaben die SS-Truppen ihren Plan, als sie mit den bewaffneten Häftlingen konfrontiert waren, schnell auf. Durch ihre improvisierten Waffen und koordinierten Anstrengungen schafften die Gefangenen es, die SS-Truppen abzuwehren und den Abtransport zu den Gaskammern zu verhindern. Zwar wurden einige Gefangene dennoch in jener Nacht erschossen, doch durch ihren organisierten Widerstand konnten die Sinti- und Roma-Gefangenen ihre Hinrichtung in den Gaskammern noch um einige Monate verzögern.

Historische Tatsache des Völkermords

Im April stimmte das Europäische Parlament darüber ab, den 2. August als Europäischen Roma-Holocaust-Gedächtnistag anzuerkennen, um "der historischen Tatsache des Völkermords an den Roma während des Zweiten Weltkriegs" zu gedenken. Diese Anerkennung kam über siebzig Jahre nach der endgültigen Auslöschung des Sinti- und Roma-Lagers von Auschwitz-Birkenau, als 2.897 Frauen, Kinder und Männer in einer Nacht in die Gaskammern abgeführt wurden. Sie kam nach mehreren Jahrzehnten der Arbeit für Recherche, Dokumentation und zum Gedenken an die Ereignisse des 2. August durch Gelehrte, Überlebende und deren Familien sowie Roma-Aktivisten, und in den vergangenen Jahren insbesondere durch junge Menschen. Feiern zum Gedenken an den 2. August finden inzwischen weltweit statt.

Gedenken an den Aufstand in Auschwitz-Birkenau

Koordiniert von der Roma-Organisation "La Voix des Rroms" werden in Paris während des ganzen Monats Mai Feiern und Aktionen zum Gedenken an den Widerstand der Roma in Auschwitz-Birkenau veranstaltet und am 15. und 16. Mai finden in ganz Europa und in den Vereinigten Staaten wie auch in Lateinamerika Veranstaltungen zum Gedenken an den Aufstand und zur Feier der Widerstandskraft der Roma-Gemeinschaften statt.

Geschichtsschreibung "gegen den Strich"

Diese Arbeit zum Gedenken wie auch die Recherche, die in die Dokumentation der Geschichte der Sinti und Roma in den Konzentrationslagern, während des Widerstands sowie der Orte von Massengräbern und Hinrichtungen, Lagern und Ghettos einfließt, erfolgte oftmals durch die Geschichtsschreibung "gegen den Strich" (Spivak). Viele Orte der Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus und die Geschichten der Verfolgten wurden bis heute weder erzählt noch recherchiert.

Lager zur Isolierung und Konzentration

Der 16. Juli ist der 79. Jahrestag der Eröffnung des Lagers von Marzahn für Sinti und Roma außerhalb von Berlin. Dieses Lager, das im Jahr 1936 von der örtlichen Polizei und von Wohlfahrtsbeauftragten im Rahmen der Olympischen Spiele eingerichtet wurde und das sich zwischen einem Abwasserfeld und einem Friedhof befand, war das Ergebnis eines Plans zur Isolierung, Konzentration und Polizeikontrolle der Sinti und Roma aus Berlin und Umgebung. Zahlreiche Beispiele für den Widerstand und die Selbstbehauptung der in Marzahn festgehaltenen Sinti und Roma sind heute bekannt; letztendlich jedoch wurden die meisten der Männer, Frauen und Kinder 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet.

Lücken in der Geschichte

Es gibt zwar geschichtliche Dokumentationen über den Aufstand der Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau und belegte Zeugenaussagen, die in Archiven verfügbar sind, doch bis zum heutigen Tag gibt es keine Monographie oder ausführliche Studie über die Ereignisse vom 16. Mai. Die derzeit verfügbaren Kenntnisse zu diesem und weiteren zentralen Ereignissen sind das Ergebnis mühsamer Recherche und Arbeit, um sicherzustellen, dass die Geschichten der Roma erhalten bleiben und entsprechend gewürdigt werden.

Über siebzig Jahre nach der Schließung des Lagers für die Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau und dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist nach wie vor umfangreiche Arbeit zu leisten, um die Geschichten der Sinti und Roma während des Holocausts – vom Widerstand und von den Qualen bis hin zum täglichen Leben und den Beziehungen mit den Nachbarn, zu anderen Sinti und Roma und Menschen aus anderen Gemeinschaften – zu recherchieren, zu dokumentieren und ihrer zu gedenken.

Roma-Institut gegen Vorurteile

Nachforschungen, Gedenken und Dokumentation erfordern die Unterstützung, Ermutigung und Trägerschaft durch Institutionen. Das geplante Europäische Roma-Institut (ERI) wird in der Lage sein, die gegenwärtige Dokumentations- und Gedenkarbeit zu den Sinti- und Roma-Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs und darüber hinaus zu unterstützen. Das ERI ist eine bahnbrechende Einrichtung, die sich mittels Kunst, Kultur, Geschichte, Wissensproduktion sowie über die Medien für die Förderung der Selbstermächtigung und Selbstbestimmung der Roma und für die Bekämpfung von Vorurteilen gegen die Roma in ganz Europa einsetzen wird. Das ERI wird es sich zur Aufgabe machen, die Fülle und Vielfalt der Roma-Gemeinschaften in Europa zu unterstützen und darüber zu informieren, indem bestehende und neue Roma-Initiativen über Medien, Kunst und Kultur sowie Archive und Dokumentationen gefördert und unterstützt werden.

Dialog fördern

In einer Zeit, in der die Sinti und Roma in der europäischen Kultur und in den Medien häufig von denjenigen marginalisiert und angegriffen werden, die Vorurteile und Feindlichkeit schüren wollen, anstatt einen echten Dialog und ein wahres Verständnis zu fördern, wird unsere Geschichte und deren Relevanz für Europa nach wie vor nicht offen präsentiert. Weitere Recherche- und Gedenkarbeit wird nicht nur zur Erforschung der Geschichte der Sinti und Roma in Europa, sondern auch zum Wissen über die europäische Geschichte und zum derzeitigen Diskurs über die europäische(n) Identität(en) im allgemeineren Sinne beitragen.

Verständnis für die Geschichte der Roma

Das geplante Europäische Roma-Institut wird in der einzigartigen Lage sein, die Recherche, die Wissensproduktion und das Gedenken an die Erfahrungen der Sinti und Roma während des Holocausts zu fördern und zu unterstützen; dies wird neue Möglichkeiten für das Verständnis der Geschichte der Roma innerhalb Europas und über seine Grenzen hinaus eröffnen. Am 15. und 16. Mai gedenken wir also des Aufstands der Tausenden Männer, Frauen und Kinder in Auschwitz-Birkenau, indem wir zusammenarbeiten, um die bisher unbekannten Geschichten von Sinti und Roma während des Holocausts und darüber hinaus ans Licht zu bringen. (Ethel Brooks, Patricia Pientka, 16.5.2015)

Ethel Brooks ist Romnia aus den USA. Sie unterrichtet Frauen- und Geschlechterforschung und Soziologie an der Rutgers University. Ihre Forschungsthemen sind Geschichte der Roma und Sinti, visuelle Kulturen und Geschlechtsverkörperung. Sie ist Autorin einer Studie über die Hintergründe der Bekleidungsindustrie.

Patricia Pientka ist deutsche Sinteza. Sie hat Neuere und Neueste Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Philosophie studiert. Ihre Forschungsinteressen: Geschichte der Sinti und Roma, Stadtforschung, deutsch-jüdische Geschichte. Sie ist die Autorin des Buchs "Das Zwangslager für Sinti und Roma in Berlin-Marzahn".

Link

George Soros, Thorbjørn Jagland: Why We Are Setting Up a European Roma Institute

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    foto: epa/jacek bednarczyk

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