Leuchtende Gehirnströme

15. Mai 2015, 18:13
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Das Rockmusical ist ein unentspannter Zwitter: "The Who's Tommy" im Linzer Musiktheater erzählt eine abstruse Heilsgeschichte

Linz - Wenn Rockmusiker der Sechziger- und Siebzigerjahre sich mit Halluzinogenen und in gleicher Weise mit indischen Religionslehren befassen, können eigenartige Kunstwerke ihren Lauf nehmen. So auch bei der britischen Band The Who bzw. dem vorwiegend von Bandmitgründer Pete Townshend geschriebenen und komponierten Konzeptalbum Tommy.

Tommy, 1969 erschienen und auch verfilmt, erzählt vom Großwerden des Kindes Tommy Walker, das taub, stumm und blind wird, nachdem es mitansehen musste, wie sein aus dem Krieg heimgekehrter Vater den neuen Freund der Mutter im Affekt zu Tode prügelt. Das sogenannte "Miteinander" der Teenagerjahre wird folglich kompliziert. Obendrein wird der Bub Opfer sexueller Gewalt.

Tommy, als autistisch diagnostiziert, bekommt aber seine Chance als talentierter Flipperautomatenheld, der zum gefeierten Star und nach seiner Heilung sogar zu einer Art "Messias" aufsteigt.

Als Rockmusical ist The Who's Tommy derzeit im Musiktheater Linz zu sehen. Die Inszenierung von Gil Mehmert vollzieht einen bizarren, eher glücklosen Spagat zwischen Kammerspiel und Actionspektakel. Sie kann zudem zwei Bleigewichte nicht abschütteln: Einerseits verausgabt sich der dramaturgische Erzählbogen an zähen biografischen Details (alles startet mit der Hochzeit der Eltern), andererseits verliert der Abend durch die sperrige deutsche Fassung an Geschmeidigkeit (musikalische Leitung: Kai Tietje).

Die Showbühne (Beatrice von Bomhard; auch Kostüme) baut sich im Hightech-Baukastensystem Szene für Szene neu zusammen. Für den innerlich beschädigten Tommy werden Bilder äußerlich sichtbarer Verwundung gesucht: Irgendwann lässt Tommy im Zorn den Flipperautormaten heiß laufen, sodass er Flammen schlägt. Und Lichterketten hängen von der Decke, die die Gehirnströme des Kindes nachzeichnen sollen. Klingt gut, ist aber nur ein Detail einer abstrusen und kitschigen Heilsgeschichte. (Margarete Affenzeller, 15.5.2015)

Spieltermine bis 1. Juli. Wiederaufnahme in der Spielzeit 2015/16 am 27. November 2015.

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