Eine Bankrotterklärung der Wissenschaftspolitik

Kommentar der anderen15. Mai 2015, 17:29
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Der Geldregen für Josef Penninger zeigt, dass in Österreichs Forschung Marketing mehr zählt als Leistung

Nun lesen wir also, dass der Star der österreichischen Wissenschaft, Josef Penninger, doch seinem Heimatland erhalten bleibt. Die Kleinigkeit von 20 Millionen Euro soll uns das verteilt auf mehrere Jahre kosten, zusätzlich zu den kolportierten öffentlichen Kosten von 15 Millionen im Jahr für das Forschungsinstitut IMBA, das Penninger leitet. Diese zusätzlichen Mittel wurden nur "in Aussicht gestellt", aber wir können ganz sicher sein, dass diese in sehr kurzer Zeit angefordert und ausgegeben werden. Und wenn nicht? Dann kommt sicher zeitgerecht ein weiteres verlockendes Angebot aus dem Ausland, welches einer neuerlichen Forderung nach mehr Geld Nachdruck verleiht.

Um zu verstehen, wie viel das in der österreichischen Wissenschaft ist, muss man die richtigen Relationen herstellen: Der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), der Projekte in allen Wissenschaftsdisziplinen in ganz Österreich fördert, soll ab 2016 180 Millionen im Jahr erhalten. Ist uns das Bleiben Penningers tatsächlich mehr als zehn Prozent dieser Summe oder auch den Gegenwert von etwa 70 FWF-Projekten wert? Eine Summe, über die von einem einzigen Mann nach Gutdünken entschieden wird, im Vergleich zu vielen Gutachtern und einem Gremium von Wissenschaftern beim FWF. Ist uns das Bleiben Penningers zehn Prozent jener Summe wert, die alle Universitäten Österreichs zusammen jeweils pro Jahr als Ausgleich für die Kostensteigerungen der letzten Jahre erhalten sollen und mit welchen nicht einmal der ohnehin bescheidene Status quo aufrechterhalten werden kann?

Der Großteil wissenschaftlicher Grundlagenforschung wird in Österreich an den Universitäten geleistet, unter teilweise recht armseligen Bedingungen verglichen mit jenen Top-Unis, mit denen man sich gerne vergleichen möchte.

Keine Frage, aus mir spricht der Neid angesichts dieser Entscheidung. 80 Prozent der Forschungsprojekte beim FWF müssen abgelehnt werden. Nebenbei reichen auch IMBA-Forscher Projekte ein, was zu einer weiteren Erhöhung der Mittel an diesem Institut führt, aber wenigstens in kompetitiver Weise und nicht freihändig. Die Universitäten pfeifen aus dem letzten Loch, Forschung ist dort nur mehr mit Drittmitteln möglich, denn aus dem regulären Budget geht schon lange keine Forschung mehr.

Die Entscheidung des für die Wissenschaft verantwortlichen Bundesministers zeigt ganz deutlich, wohin die Reise geht: weg von Bildung, Ausbildung, Wettbewerb und Diversität wissenschaftlicher Forschung hin zu bestens vermarkteten Einzelpersonen, deren Naheverhältnis zu verschiedenen einflussreichen Persönlichkeiten kein Nachteil ist.

Die Entscheidung zeigt auch, dass in Österreich das persönliche Netzwerk und Marketing wesentlich mehr zählt als Leistung, Objektivität, langfristige Strategie und wohlüberlegte Zukunftsszenarien. Die Entscheidung ist auch eine Offenbarung, dass die ständige Beteuerung, es gäbe kein Geld, eine Falschinformation ist. Richtigerweise sollte es heißen: Es gibt kein Geld für die Universitäten und deren Forschung, aber sehr wohl für handverlesene Personen und ihren Institutionen.

Zu Ende gedacht bedeutet diese Entscheidung auch, dass die Regierung der breiten Forschung und den Universitäten keine Aufmerksamkeit schenkt und dass es um die Zukunft von Wissenschaft und Forschung an Österreichs Universitäten schlecht bestellt ist. Es ist eine Bankrotterklärung österreichischer Wissenschaftspolitik. Oder ist eben das gerade Politik? (Andreas Hartig, 15.5.2015)

Andreas Hartig ist Professor für Biochemie an der Universität Wien.

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