Der Mann, der den Schöpfer verriet

Reportage17. Mai 2015, 12:00
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Der Whistleblower, der Fälschungen des Stammzellen-Forschers Hwang Woo-suk ans Licht brachte, wurde geächtet - nun bricht er sein Schweigen

Als Ryu Young-joon nach einem langen Arbeitstag im Krankenhaus die Redaktionsräume des Fernsehsenders MBC betritt, lässt er sein bisheriges Leben für immer hinter sich. Er wird von einem Produzenten für investigative Recherchen in Empfang genommen, in einen leeren Konferenzraum geführt. Die beiden reden mit gedämpfter Stimme, die Rollos zum Newsroom sind zugezogen. Äußerste Diskretion ist die Bedingung für dieses Treffen am 31. Mai 2005, dessen Nachbeben die südkoreanische Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern wird.

Der damals 32-jährige Ryu ist angetreten, den größten Wissenschaftsskandal seines Heimatlandes aufzudecken. Er muss dafür gegen eine korrupte Elite ankämpfen, sein persönlicher Einsatz könnte höher kaum sein: Es geht um Ryus vielversprechende Karriere am koreanischen Krebsforschungszentrum, den Ruf seiner Familie, die Zukunft seines sechs Monate alten Sohnes. Gemeinsam mit dem Produzenten schreibt er eine Liste, die das schlimmstmögliche Szenario für ihn skizziert. "Alles, was ich mir damals auch nur im Entferntesten ausgemalt hatte, trat auch vollständig ein", sagt Ryu fast zehn Jahre später.

Vom Helden zum Verräter

Er sitzt im Hinterzimmer eines japanischen Restaurants, nur einen Steinwurf vom Seouler Rathaus entfernt. Als die Bedienung die papierene Schiebewand öffnet, um Fischsuppen und Gemüsebeilagen aufzutischen, unterbricht der Mediziner seinen angefangenen Satz, wirft nervöse Blicke über die Schulter. Für viele Südkoreaner ist er noch immer ein Verräter, Nestbeschmutzer, Abschaum.

Kurz nach der Jahrtausendwende steuert die Karriere des Doktoranden noch geradlinig in Richtung Wissenschaftsolymp. Satte Forschungsgelder warten, renommierte Publikationen und internationaler Ruhm. All das hat er dem Stammzellenforscher Hwang Woo-suk zu verdanken, in dessen Labor er 2002 anheuert. Hwang ist ein genialischer Wissenschafter von ungeheurer Arbeitswut, der wie ein Sektenführer eine treu ergebene Anhängerschaft aus Jungakademikern um sich schart. Mit manischer Zielstrebigkeit verfolgt er seinen Lebenstraum: den ersten Nobelpreis eines Südkoreaners. Schon bald ist er zum Greifen nah.

Im Jahr 2004 gelingt es Hwangs Team, erstmals menschliche Stammzellen aus einem Klon-Embryo zu gewinnen. Das Volk feiert ihn als Messias, die Medien des Landes überschlagen sich in Superlativen. Krankheiten wie Alzheimer könnten der Vergangenheit angehören, Querschnittsgelähmte wieder gehen, schreiben sie. Doch Ryu ist skeptisch.

Hinter den Kulissen ermahnt er seinen Mentor: Man könne die Öffentlichkeit nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stammzellenlinie, für die man 242 Eizellen benötigt habe, möglicherweise spontan und nicht infolge des Klonprozesses zustande gekommen sei. Die Ergebnisse des Kontrollversuchs seien unbefriedigend gewesen. Doch Hwang Woo-suk tut die Worte seines Assistenten ab. Enttäuscht verlässt Ryu das Team.

"Die Strukturen der wissenschaftlichen Gemeinschaft sind im Grunde wie bei der Mafia", sagt der heute 42-Jährige: "Bei den Professoren konzentriert sich die alleinige Macht, der Druck verläuft von oben nach unten. Die Uni-Absolventen haben noch einen gewissen Idealismus, doch je älter sie werden, desto klarer sehen sie, wie es funktioniert: Nur wer blind seinem Vorgesetzten folgt, erhält Zutritt in die Gesellschaft."

Wer blind folgt, hat Erfolg

Aus der Ferne verfolgt Ryu, wie sein einstiger Mentor unglaubliche elf Stammzellenlinien präsentiert, alle auf die DNA der Patienten zugeschnitten. Die Studie prangt auf der Titelseite der Forscherbibel "Science". Eine Sensation, schreiben die Medien, jubelt das Volk, verkündet die Regierung. Unmöglich, denkt Ryu - und schweigt. Was bleibt ihm auch anderes übrig?

Kein Gericht würde ihm ohne Beweise Glauben schenken, seine Landsleute ihn als geltungssüchtigen Spinner abtun. Wie überhaupt sich niemand mit einem Mann anlegen sollte, der regelmäßig mit dem Präsidenten zu Mittag isst und Forscherkarrieren mit Nebensätzen zerstören kann. Doch dann kommt ein zehnjähriger Bub und lässt ihm keine Wahl.

Ryu Young-joon kann sich noch gut an ihn erinnern, schließlich hat er ihn damals nach einem Autounfall operiert, sein Porträt auf den Arbeitstisch gestellt und jeden Morgen für sein Überleben gebetet. Er war es auch, der dem Vater die traurige Nachricht überbrachte: Rückenmarksverletzung, unterhalb der Wirbelsäule gelähmt. Eigenhändig hat er dem Jungen eine Stammzellenprobe entnommen - für den Fall der Fälle. Nun verspricht Hwang Woo-suk in aller Öffentlichkeit, mit diesen Stammzellen die Nervenfunktionen des Jungen wiederherzustellen und ihn von seiner Lähmung zu heilen. Sein ehemaliger Assistent ist außer sich vor Wut.

Das Verfahren wurde niemals auf Nebenwirkungen geprüft, die Zellen könnten eine Immunreaktion hervorrufen oder einen bösartigen Krebs ausbilden. "Hwang hat das bewusst verschwiegen. Für seine Gier hat er das Leben eines unschuldigen Menschen aufs Spiel gesetzt", sagt Ryu - doch niemand schenkt seinen Warnungen Gehör.

Heute würde er es Schicksal nennen, was damals passiert. Ryu schaltet an jenem Abend den Fernseher ein und blickt in das Gesicht von Choi Seung-ho, dem Moderator des Aufdeckerformats PD Notebook. Es ist die Jubiläumssendung, und in seinen Abschlussworten richtet sich Choi direkt an seine Zuschauer: "Auch wenn wir es in manchen Fällen nicht immer geschafft haben, die Wahrheit aufzudecken, mussten wir nie äußerem Druck nachgegeben. Sobald wir auf einen Skandal gestoßen sind, haben wir ihn auch gesendet", sagt er voller Pathos. Noch bevor der Sendungsabspann über den Schirm flimmert, schreibt Ryu der Redaktion eine Nachricht.

Allein gegen die Eliten

"Damals war es sehr gefährlich, gegen Hwang vorzugehen. Sein Einfluss war überall, für viele war er eine Vaterfigur", sagt Choi Seung-ho rückblickend. Ein ums andere Mal legte er sich in seiner Karriere mit den Mächtigen des Landes an, doch der Fall Hwang Woo-suk war zweifelsohne sein dickster Fisch.

Mit Ryus Unterstützung stoßen die Journalisten schon bald auf erste Ungereimtheiten, später auf einen handfesten Skandal. Dass Hwang die Eizellen von seinen weiblichen Mitarbeitern eingekauft hat, ist da noch der geringste Verstoß. Er veruntreute auch über drei Millionen Euro an Steuergeldern, fälschte DNA-Analysen und manipulierte Fotos. Die Untersuchungskommission der Seoul National University wird in ihrem Abschlussbericht gar von einer "Totalfälschung" sprechen. Als die Recherche im Dezember 2005 auf Sendung geht, entlädt sich der Volkszorn. Doch er richtet sich nicht gegen den Betrüger. Er richtet sich gegen die Aufdecker.

Tausende Demonstranten

Innerhalb einer Woche verliert die Fernsehsendung alle langjährigen Anzeigenkunden, der Aktienkurs des Senders kollabiert. Über 500.000 Hassmails erhält die Redaktion, darunter Morddrohungen. Am 4. Februar 2006 verteilt ein wütender Mann auf dem Seouler Gwanghwamun-Platz hunderte Flyer, auf denen er die Rehabilitierung von Hwang Woo-suk fordert. Dann übergießt er sich mit Benzin, verbrennt sich selbst. Noch am selben Abend marschieren über 2000 Hwang-Anhänger an den Ort, entzünden ihm zu Ehren Kerzen und schwenken Korea-Flaggen.

Jene Anhänger sind es auch, die Ryu Young-joon öffentlich als Whistleblower outen. Keine Woche später wird er von seinem Arbeitgeber gekündigt, ebenso seine Frau. Wie Freiwild jagen ihn Reporterteams durch die Stadt. Wochenlang schläft Ryu in öffentlichen Badehäusern, weil über 30 Kameramänner rund um die Uhr vor seiner Haustür kampieren. Ein halbes Jahr lang muss er abtauchen, wie ein Flüchtling, kann seine Familie und seinen neugeborenen Sohn nicht sehen.

"Das Volk drehte völlig durch. Hwang Woo-suk war wie eine Vaterfigur für unser Land", erinnert sich Choi: "Dennoch hat damals die Kontrolle der Medien noch funktioniert: Wir haben den Skandal ausrecherchiert und öffentlich gemacht. Heute wäre das unmöglich." Er spricht aus eigener Erfahrung. Vor drei Jahren wurde er auf Druck des ehemaligen Präsidenten Lee Myung-bak gefeuert.

Hwang Woo-suks Strafe fiel mit 18 Monaten Bewährung eher milde aus, doch er verlor auch seine Lizenz, an menschlichen Embryozellen zu experimentieren und um staatliche Forschungsgelder zu werben. Dennoch ist er umtriebig wie eh und je. Mit seiner Firma Sooam hat sich der Stammzellenforscher auf die eine Fertigkeit spezialisiert, die ihm niemals jemand abgesprochen hat: das Klonen von Hunden.

Acht Jahre ohne Arbeit

Für Ryu Young-joon hat es acht Jahre gedauert, bis er wieder einen Arbeitsplatz bekommen hat. "Und das war nur möglich, weil ich bei meiner neuen Stelle keine Patienten sehe", sagt er mit einem Lächeln, doch meint seine Worte keineswegs ironisch. Er arbeitet am pathologischen Institut einer Uni-Klinik, eine Autostunde von Seoul entfernt. Zusätzlich hält er Vorträge vor Nachwuchswissenschaftern, die er für die ethischen Konflikte sensibilisieren möchte.

Rund um Weihnachten 2013 trifft er ein letztes Mal auf den Vater jenes querschnittsgelähmten Jungen, den er einst behandelt hat, und erkundigt sich nach dessen Verbleiben. Sein Sohn sei jetzt im Himmel, sagt der Vater. Ryu traut sich nicht, nachzufragen. (Fabian Kretschmer aus Seoul, 16.5.2015)

  • Hwang Woo-suk war bis 2005 gefeierter Klon-Forscher. Selbst nach Aufdecken des Fälschungsskandals forderten viele Koreaner seine Rehabilitierung.
    foto: reuters/you sung-ho

    Hwang Woo-suk war bis 2005 gefeierter Klon-Forscher. Selbst nach Aufdecken des Fälschungsskandals forderten viele Koreaner seine Rehabilitierung.

  • Whistleblower Ryu Young-joon wurde hingegen geschasst.
    foto: ap photo/joyce lee

    Whistleblower Ryu Young-joon wurde hingegen geschasst.

  • Hwang klont mittlerweile Tiere, auch Mammuts sollen wiederauferstehen.
    foto: ap photo/ahn young-joon

    Hwang klont mittlerweile Tiere, auch Mammuts sollen wiederauferstehen.

  • Artikelbild
    foto: apa/dpa
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