"Austrian Art 1860-1960": Überwindung der Großen Mauer

Reportage16. Mai 2015, 10:00
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Die in Peking eröffnete Retrospektive ist Anlass, das kulturelle Beziehungsgeflecht zwischen Österreich und China in den Blick zu nehmen

Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit." Als Indiz permanenter Veränderung kann wohl gewertet werden, wenn ebendieses programmatische Postulat - das im Original auf dem Portal der Wiener Secession prangt - in Englisch und Mandarin in riesengroßen Lettern das Entrée einer Ausstellung in Peking anno 2015 ziert. Schauplatz ist das im gigantischen Millennium Monument angesiedelte renommierte Beijing World Art Museum, Anlass eine aus knapp 100 Exponaten bestehende, auf 1500 m2 präsentierte, durchgängig repräsentative Werkschau österreichischer Kunst, die Retrospektive Austrian Art 1860-1960.

Das Interesse war groß am Tag der Eröffnung, der nicht zufällig mit dem 150-Jahr-Jubiläum der Wiener Ringstraße zusammenfiel - stellt die Periode der Gründerzeit doch den Anbeginn der Metamorphosen der austriakischen Gesellschaft sowie des Aufbruchs Richtung Moderne in der Malerei dar. Das Interesse an bildender Kunst per se ist in Asien enorm und von Wachstum gekennzeichnet. Global betrachtet mutieren Kunstwerke zunehmend aber auch zu Anlage- und Spekulationsobjekten. Gerade in Zeiten der Krise. Laut aktuellen Kennzahlen des internationalen Kunsthandels stammen rund 80 Prozent der weltweit verkauften Kunstwerke von europäischen Künstlern. 2013 erzielten die 308.000 Unternehmen im globalen Kunstmarkt einen Umsatz von 47 Milliarden Euro. 38 Prozent davon werden in den USA erwirtschaftet, 26,5 Prozent in Europa, 32 Prozent aber alleine in China, Tendenz steigend. Ein Umstand, der sich in Dependancen von Galerien sowie international agierenden Auktionshäusern niederschlägt. Messeformate wie die Art Basel exportierten nicht nur nach Miami, sondern reüssierten auch höchst erfolgreich in Hongkong. Ein Standort in Peking wird evaluiert.

Tatsächlich sind die Rekordpreise ein monetäres Stillleben politischer und sozialer Verhältnisse, ein Spiegelbild, das Chinas komplexe Gesellschaftsstruktur und ihre Metamorphosen reflektiert: oszillierend zwischen kommunistischer Staatsräson, kapitalistischem Lifestyle, asiatischer Gelassenheit, westlicher Unbescheidenheit, zwischen feudalistischen Denk- und Verhaltensmustern sowie aufgeklärter Emanzipation. Inmitten dieser Veränderungen findet sich in Österreich unerwartet Verbundenheit. Seit 1971 bestehen diplomatische Beziehungen zwischen Österreich und der Volksrepublik China. Rudolf Kirchschläger und Bruno Kreisky gehörten zu den Architekten des heute zu einer bilateralen Freundschaft mutierten Verhältnisses.

Zeit des Erwachens

"Experten haben mir den subjektiven Eindruck bestätigt. Eine derart präzise und repräsentative Übersicht österreichischer Kunst hat es in dieser Fülle, dieser Qualität weltweit noch nicht gegeben." Zu dieser Euphorie verleitet wurden Irene Giner-Reichl, Österreichs Botschafterin in Peking, und Wang Limei, Direktorin des World Art Museum, das unter Patronanz der Botschaft die Ausstellung Austrian Art 1860-1960 präsentiert. Zwei Jahre lang sichtete und versammelte der in Sachen Kunstvermittlung erfahrene Experte Josef Schütz mit Akribie, Verve, Leidenschaft und Diplomatie vieles, verwarf das eine oder andere Exponat, ersetzte es durch ein Besseres, Repräsentativeres, vermengte im Endeffekt perfektionistisch prominente Leihgaben von Museen und privaten Sammlern mit Eigenem.

Wesentlich war dem aus dem Mühlviertel stammenden, in der Wiener Gluckgasse Ansässigen die Qualität und die kunsthistorische Relevanz, vor allem aber das Ziel, der "österreichischen Kunst zu der Wertschätzung zu verhelfen, die ihr zusteht". Der durchgängig hochwertige Reigen veranschaulicht präzise das Erbe der Kulturnation vom Klassizismus über Jugendstil, Secessionismus, Expressionismus, Kubismus, Impressionismus bis zur Moderne; als spannendes Kaleidoskop mit Werken von Waldmüller, Schiele, Klimt, Kokoschka, Koloman Moser, Moll, Eisenschitz, Dobrowsky, Walde, Egger-Lienz, Pauser, Birkle, Kubin, Oppenheimer, Kolig etc.

Das chinesische Publikum, das in Massen die Museen stürmt, ist inspiriert, zweifellos auch gut informiert. Augenscheinlich wurde dies in Diskussionsrunden mit dem Expertenteam Pippal, Assmann, Kraus, die in Anschluss an die Vernissage, zu der nebst Honoratioren aus Pekings Society auch eine illustre Entourage aus Österreich - unter ihnen Alfons Waldes Enkel sowie Gustav Klimts Neffe - gekommen war, stattfanden. Einen Dialog der Kulturen will die 2013 von Josef Schütz und Ma Wei - Enkelin des letzten Kaisers von China Pu Yi, die sogar in Schönbrunn geheiratet hat - gegründete Chinese-Austrian Academy of Fine Arts fördern. Einen Dialog auf Augenhöhe mit Respekt und Toleranz.

Nach dem Debüt (bis 5. Juli) an Pekings neuer erster Adresse in Sachen Kunst geht die Exposition weiter ins weiter östlich gelegene Dalian sowie im Herbst nach Hubei. Den Abschluss der Tournee bildet Macaos Museum of Art, das die Ausstellung ab 15. Jänner zeigt. Den Erfahrungswerten und Hochrechnungen zufolge rechnet man mit bis zu sechs Millionen Besuchern.

Künstlerische Kontinentalverschiebung

Die Umkehr des Dialogs stellen Präsentationen chinesischer Künstler in Europa und den USA dar. So zierten die monumentalen Ölgemälde von Wang Xiaosong bereits die ehrwürdigen Hallen des Wiener Künstlerhauses, die Bilder von Hua Li, die in Wien, Berlin und Paris studiert hat, sowie die kapitalsmuskritischen Skulpturen des partiell in Kärnten verorteten Künstlerpaares Wu Shaoxiang & Jiang Shuo die Residenz in Salzburg und die Hofburg in Wien. Auch die symbolistisch-ironischen Pflanzenwesen von Ren Rong sowie die expressiven, emotionalen Werke von Xiao Hui Wang finden sich in internationalen Galerien und Museen.

In den letzten Jahren fanden in China Retrospektiven von Picasso, Miró, Dalí und Turner statt. Auch Fotograf Peter Lindbergh zog es ins Reich der Mitte. Für Schütz ist Austrian Art 1860-1960 nach Personalen von Willy Eisenschitz und Werner Berg bereits die dritte Werkschau in China. Ein Zeichen für das diplomatische Geschick nebst der Vertrauensbasis und erarbeiteten Reputation. Interessant, weil es davor schon Versuche diverser Protagonisten gab, in China zu reüssieren. Initiativen, denen bislang wenig Glück beschieden war. Nun ist der Weg geebnet.

Entgegen der verbreiteten Meinung besteht die Position zeitgenössischer chinesischer Künstler auf einer Neuausrichtung. Sie fusionieren Traditionelles - ausgehend von den Lehren des Großmeisters Wáng Yuánqí - mit westlicher Malerei, Performance, Foto und Video. Die Rolle des Individuums und der Eskapismus inmitten der Wegwerfgesellschaft führen direkt zu den klassischen Fragen des Seins. Interessant, wie viel Raum hier für Ironie und Exzentrik bleibt. Beweismittel dafür boten ein Lokalaugenschein im Pekinger Art-District 798 sowie eine Visite bei der zehnten Auflage der Art Beijing.

Seit 2014 existiert in Qingdao das Erste Österreichische Kulturinstitut in China. In der am Pazifik gelegenen Metropole, bekannt für das nach bayerischem Reinheitsgebot gebraute Hopfenkracherl namens Tsingtao-Bier, präsentieren Kurator Schütz und Vizedirektorin Wang Yi originale Salons des Wiener Fin de Siècle. Bestückt mit Interieurs, Gemälden und Dekors aus der goldenen Ära des Jugendstils und Art déco. Eine Art kunsthistorische Erlebniswelt. Unaufdringlich werden wechselseitige Befruchtungen der Kulturkreise augenscheinlich. Klimt und Schiele waren inspiriert von asiatischer Kalligrafie, von Pinselführung, Flächendeckung. Die Stempel-Insignien, mit denen die Secessionisten signierten, erinnern frappierend an asiatische Glyphen, Graphen, Holzschnitt-, Schrift- und Stempelkunst. Zur transkontinentalen Zeitreise gerät die bilaterale Werkschau in Kontext zum Hier und Jetzt.

Dialog der Kulturen im (Öster)Reich der Mitte

Die Bedeutung der Initiative ist naturgemäß derzeit nicht abschätzbar. Dass Österreichs Weltkulturerbe aber aus weit mehr als Sissi-Kult, Sound of Music, Mozart, Strauß-Schani, Neujahrskonzert und Wein, der sogar in Pekings Beihei-Park kredenzt wird, besteht, wurde einem Milliardenpublikum imposant dargebracht. Bleibt nur konfuzianisch das Motto der Academy zu beherzigen: "Es ist möglich, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen, ohne dass wir gemeinsam an ein Ziel gelangen. Und es ist möglich, dass wir gemeinsam an ein Ziel gelangen, ohne dass wir dies gemeinsam geplant haben." (Gregor Auenhammer, 16.5.2015)

Die Reise nach Peking erfolgte auf Einladung der Chinese-Austrian Academy of Fine Arts.

  • Spiegelbild der Gesellschaft sind die Gott Mammon huldigenden Skulpturen des in  Kärnten lebenden Wu Shaoxiang.
    foto: gregor auenhammer

    Spiegelbild der Gesellschaft sind die Gott Mammon huldigenden Skulpturen des in Kärnten lebenden Wu Shaoxiang.

  • Hofzeremoniell in Peking. Direktorin Wang Limei und Josef Schütz, diplomatisch flankiert.
    foto: gregor auenhammer

    Hofzeremoniell in Peking. Direktorin Wang Limei und Josef Schütz, diplomatisch flankiert.

  • Zeit und Raum erklärend weist das Postulat der Wiener Secession in Richtung Moderne.
    foto: gregor auenhammer

    Zeit und Raum erklärend weist das Postulat der Wiener Secession in Richtung Moderne.

  • Spannungsgeladen der Dialog von Exponaten der Retrospektive "Austrian Art", wie Egger-Lienz' Schnitter, ...
    foto: werkverzeichnis albin egger-lienz nr. m 652

    Spannungsgeladen der Dialog von Exponaten der Retrospektive "Austrian Art", wie Egger-Lienz' Schnitter, ...

  • ... mit Zeitgenössischem der Art Beijing.
    foto: gregor auenhammer

    ... mit Zeitgenössischem der Art Beijing.

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